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Gastkommentare - Contra
Guido Bohsem
Mehr Zeit als Glück

Hat sich unser Gesundheitssystem bewährt?

I mmer wieder, so der Gesundheitsminister, wollten ausländische Kollegen wissen, wie Deutschland mit so wenigen Toten durch die Corona-Krise gekommen ist. Darauf könnten die Bundesbürger stolz sein, meint Jens Spahn (CDU). Und es stimmt: Gemessen an den Zahlen ist die Bundesrepublik glimpflich davon gekommen. Warum das tatsächlich so war, muss dringend untersucht und ausgewertet werden. Nur sei jeder gewarnt, der dies ausschließlich auf das "hervorragende Gesundheitssystem" zurückführt. Viel spricht dafür, dass die Krise auch so gut gemeistert werden konnte, weil Politik, Ärzteschaft, Kliniken und Apotheken die entscheidenden zwei Wochen mehr Zeit hatten, sich darauf vorzubereiten. Die Bilder und Berichte aus Italien haben auch dem letzten Verantwortlichen klar gemacht, dass es sich um eine echte Krise handelt und keine Zeit im Verzug ist. Das hat gut funktioniert.

Ein Irrglaube wäre es, die Corona-Erfahrung als Beleg zu nehmen, dass das Gesundheitssystem ausreichend gut funktioniert. Es geht immer noch besser. Noch fehlt der Kliniklandschaft die notwendige Spezialisierung, noch bieten zu viele Häuser dieselbe Operation an, noch arbeiten niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser nicht eng genug zusammen, noch ist die Vernetzung der Kliniken und Fachärzte untereinander unzureichend.

Die Gelder im Gesundheitssystem müssen möglichst effizient eingesetzt werden, denn so viel ist klar, auch nach Corona wird die Gesundheitsversorgung nicht vom Himmel fallen. Weil es aber keine unbegrenzten Mittel gibt, müssen sie so eingesetzt werden, dass sie möglichst vielen Patienten zugutekommen. Daran gilt es auch weiter zu arbeiten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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