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Parlamentarisches Profil
Götz Hausding
Der Infektiologe: Andrew Ullmann

S tand Anfang Juli gab es in Deutschland gut 9.000 Corona-Tote. 200.000 Menschen hatten sich mit dem Virus infiziert. Mal ehrlich Herr Ullmann - war das Runterfahren der Wirtschaft, war der Lockdown tatsächlich nötig? Mit einem klaren "Ja!" antwortet der FDP-Abgeordnete. "Die relativ harmlosen Zahlen bestätigen doch den Erfolg der getroffenen Maßnahmen", sagt er. Deutschland, so fügt er hinzu, habe aber auch Glück gehabt, "dass der Virologe Christian Drosten ein Testverfahren entwickelt hat und dass die niedergelassenen Ärzte nahezu altruistisch diese Testungen mitgetragen haben, obwohl es an Schutzkleidung mangelte". Letzteres hätte wohl vermieden werden können, wäre der Drucksache 17/12051 (siehe Seite 3) mehr Bedeutung beigemessen worden. Die Risikoanalyse unter Federführung des Robert-Koch-Instituts sei nicht ausreichend berücksichtigt worden. "Darin wurden die Schwächen aufgezeichnet und Gegenmaßnahmen vorgeschlagen, die nicht ergriffen wurden." Ergebnis dessen: "Wir waren auf diese Pandemie nicht vorbereitet."

So weit, so schlecht. Doch der Gesundheitspolitiker - von Beruf Infektiologe - sieht Deutschland auch auf eine zweite Welle, "die es sicher geben wird", nicht gut vorbereitet. "Wir sollten Resilienztestungen durchführen, inwieweit das Gesundheitswesen, inwieweit die Wirtschaft und auch die Gesellschaft auf eine zweite Welle vorbereitet ist", regt er an. Da bedürfe es Korrekturen aufgrund der Erfahrungen aus der ersten Welle. Mit einem Stresstest - ähnlich wie bei den Banken - der verschiedenen Systeme in Deutschland könnte geschaut werden, "inwieweit man auch kurzfristig noch reagieren kann, um besser gewappnet zu sein".

Wenn es eine zweite Welle gibt, müsse ohne einen republikweiten Lockdown ausgekommen werden, fordert Ullmann. Bundesweite Schulschließungen etwa dürfe es nicht geben. Darunter leide die Bildungsgerechtigkeit - ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des FDP-Politikers. Die soziale Stellung der Eltern sei entscheidend dafür, wie Kinder durch den Lockdown kämen, beklagt er. Das sei das Gegenteil von Bildungsgerechtigkeit.

Abgesehen davon muss seiner Ansicht nach aber auch die Digitalisierung im Bildungsbereich nach vorne gebracht werden. "Da wurde in den vergangenen Jahren geschlampt", resümiert er. Ihm gehe es dabei nicht nur um die Ausstattung der Schulen, sondern vor allem um die Fortbildung von Lehrern und Erziehern. "Wir brauchen eine Ausbildungsinitiative für die Lehrkräfte in dem Bereich."

Der 57-Jährige, der im sonnigen Kalifornien geboren wurde, weil seine Eltern dort arbeiteten, macht sich zunehmend Sorgen um seine "zweite Heimat" USA. "Es tut mir im Herzen weh, dieses Land unter der Führung eines Donald Trump zu sehen", sagt er und fügt hinzu: "Der Bewohner des Weißen Hauses ist aber nicht immer repräsentativ für das amerikanische Volk." Mit Blick auf die steigenden Infektionszahlen in den USA kritisiert er, Präsident Trump begreife nicht, "dass die Corona-Krise eine globale und gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist".

Als Heranwachsender kam Ullmann mit seinen Eltern aus Amerika nach Deutschland und war alles andere als begeistert. "Ich empfand Deutschland damals als rückständig und hatte es als ,Ami' in der Schule auch nicht so leicht." Eigentlich habe er nach der Schule wieder in die USA gehen wollen. "Doch während des Studiums in Deutschland habe ich mich dann in eine Frau verliebt, die später meine Ehefrau geworden ist." Und so blieb der Lebensmittelpunkt Deutschland.

Für den Neuling im Bundestag ist es wichtig, dass sich die FDP auch bei den sozialpolitischen Themen - und da gehört die Gesundheitspolitik dazu - breiter aufstellt. "Ich bereue es nicht, nach Berlin gegangen zu sein", sagt er. Ganz im Gegenteil: "Ich bin politisch noch hungriger geworden und möchte unbedingt noch eine weitere Legislaturperiode hier arbeiten - am liebsten dann auch in Regierungsverantwortung."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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