Inhalt

Geschichte
Heiner Fangerau/Alfons Labisch
Prävention statt Reaktion

Was aus dem Umgang mit Pest und Cholera zu lernen ist

Hätten wir uns auf die "Corona-Krise" vorbereiten können? Die Antwort ist einfach: Ja - es gab Pandemiepläne, die sogar mit früheren SARS-Pandemien zusammenhängen. Covid-19 rief aber auch die nahezu ignorierte MERS-Epidemie von 2012 mit einer Sterblichkeit von zirka 40 Prozent in Erinnerung. Manche Virologen befürchten, dass wir es in Zukunft in einem Rhythmus von ungefähr zehn Jahren mit derartigen Pandemien zu tun bekommen werden.

Als das Virus in China zu wüten begann, haben wir zugeschaut. Als das Virus Mitte Februar in Deutschland ankam, rechneten wir - vom RKI über die Bundes- und Landespolitiker bis zu uns selbst - mit einer schwereren Grippeepidemie. Die würden wir mit den klassischen Maßnahmen in den Griff bekommen. Dann wurde Anfang März die schlimmste Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg ausgerufen. Alles Weitere ist bekannt. Die Reaktion auf die Pandemie folgte traditionellen Mustern: Auf das Verleugnen folgte die Panik. Was sind die gesellschaftlichen Beweggründe für dieses Zögern? Einige Antworten könnten sich aus dem Blick in die Geschichte zumindest andeutungsweise geben lassen.

Der "schwarze Tod", die große europäische Pestepidemie der Jahre ab 1346, löschte ganze Generationen aus. Das Leben in den Familien, in Städten und auf dem Land musste neu geordnet werden. Landwirtschaft, Handwerk, Zünfte, Handel mussten sich gleichsam neu erfinden. Eine Gegenwehr gegen ein solches Ereignis war nicht möglich. Nachdem die Pest in Europa heimisch geworden war, kam es alle zehn bis fünfzehn Jahre zu lokalen Seuchen, die Handel und Wandel innerhalb und zwischen den Städten lahmlegten. Die Handelsstädte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit begannen mit einer rein reaktiven Abwehr von Gesundheitsgefahren. Vorreiter war der in weite Handelsnetze eingebundene Stadtstaat Venedig. Bereits Ende des 14. Jahrhunderts mussten verdächtige Schiffe so lange auf Reede liegen, bis klar war, dass keine Ansteckungsgefahr von den Passagieren ausging. Der Ausdruck Quarantäne stammt aus dieser Zeit. Aus diesen Maßnahmen entwickelten sich allmählich die bekannten Quarantäne-Anstalten für Menschen und die so genannten Contumaz-Anstalten für Waren.

Industrialisierung Mit der Industrialisierung und der nachfolgenden "Verwandlung der Welt" konnten derartige Maßnahmen, die Handel und Wandel blockierten, nicht mehr hingenommen werden. Deutlich wird dies im 19. Jahrhundert, nachdem die Cholera zu der "skandalisierten Krankheit" in Europa avanciert war. Die erste Cholerapandemie (1817-1824) erreichte Europa über Land. Die zweite (1826-1841) gelangte bis nach Nordamerika. Die dritte (1852-1860) wütete zwar besonders in Europa, sprang aber wieder nach Nord- und Südamerika über. Die Ursachen für diese Ausbreitung lagen im internationalen Austausch, und besonders im Schiffsverkehr, der im Zuge der Industrialisierung und des frühen Imperialismus erheblich zugenommen hatte. Die fünfte Pandemie (1883-1896) verursachte unter anderem die Choleraepidemie in Hamburg, die letzte in Deutschland, die immerhin 8.600 Menschen das Leben kostete.

Die Industrieregionen sowie der internationale Handel sahen sich durch die Cholera in besonderer Weise herausgefordert: den gesamten Verkehr mit "Seuchen-Cordons" zum Erliegen bringen? Die infizierten Städte systematisch absperren? Die Häfen schließen? Das war keine Option mehr in dieser Welt, in der Staaten zunehmend aufeinander angewiesen waren. Dass die neue Seuche mit Schmutz, üblen Abwässern und den dreckigen Armenvierteln zusammenhing, war offenkundig. Hier setzte das Gesundheitswesen an. In England entstand mit dem "sanitary movement" eine missionarisch gleichermaßen auf das Seelenheil wie auf die körperliche Sauberkeit gerichtete Sanitätsbewegung. In Deutschland wurde Max von Pettenkofer zur Leitfigur der "Hygiene" und "öffentlichen Gesundheitspflege". Mit naturwissenschaftlichen Methoden wurden sämtliche Verhältnisse untersucht, die sich auf die Gesundheit der Menschen auswirken können: von der Nahrung über Kleidung, Heizung, Licht-, Wasser- und Bodenverhältnisse bis zur Hygiene der Schulen und Krankenhäuser. Pettenkofers Methoden der "experimentellen Hygiene" führten im Verbund mit dem Handlungsdruck, der in den großen Städten und in den neuen Industrieregionen gegeben war, zur modernen Gesundheitstechnik.

Wesentliche Triebfeder dieser Seuchenbekämpfung war die Not der Städte und Regionen in einer vom Austausch abhängigen Welt: Bevor eine Seuche zu einer generellen Blockade führen konnte, musste eine entsprechende Gesundheitsvorsorge wirken. Daraus folgten die unvorstellbar großen und teuren, präventiv ausgerichteten Investitionen in die gesundheitliche Infrastruktur der Städte wie Wasser-Versorgung- und -Entsorgung, Wohnungswesen, Straßenbau, Gewerbehygiene oder Müllabfuhr. Die präventive Gesundheitssicherung wurde zu einem eigenen Politik-, Wirtschafts- und Verwaltungsfeld.

Soziale Hygiene Mit dem Schritt zur hygienischen Infrastruktur gerieten weitere Gesundheitsgefahren in den Blick. Zuerst konnten die epidemischen akuten Infektionskrankheiten durch die horizontal, also breit angelegte, auf alle Gefahren wirkende "Assanierung" zumindest ansatzweise beherrscht werden. Dann traten die endemischen Infektionskrankheiten in den Blick, unter ihnen vornehmlich Typhus und endemische Durchfallerkrankungen. Letztere waren wiederum die Hauptursache für die sehr hohe Kindersterblichkeit des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die neuen, von Robert Koch mitentwickelten Ansätze der Bakteriologie ermöglichten, in einem gezielten hygienischen Eingriff Krankheitskeime beziehungsweise gesunde Keimträger ausfindig zu machen, zu isolieren und zu sanieren. Der öffentliche Nutzen der Bakteriologie lag darin, dass viele Maßnahmen speziell und damit vertikal eingreifend ausgerichtet werden konnten.

Außerdem wurde in der Folge offenkundig, dass es Menschen gab, die in besonders ungesunden Verhältnissen lebten. So entwickelte sich um die Wende zum 20. Jahrhundert die soziale Hygiene. Sie richtete ihren Blick auf die Krankheiten bestimmter Gruppen der Gesellschaft und deren spezifische, offenbar pathogene Lebensverhältnisse. Die Gesundheitsfürsorge als Praxis der Sozialhygiene fokussierte sich auf zwei Gruppen: zum einen auf die durch Alter, soziale Lage oder Berufstätigkeit besonderes gesundheitlich Gefährdeten - darunter vor allem Mütter und Kinder -, zum anderen auf jene, die durch eine (Volks-)Krankheit sich und andere gefährdeten - also etwa Tuberkulöse oder Geschlechtskranke. Interventionsfelder waren die chronisch-endemischen Infektionskrankheiten als quasi konsumtive Gesundheitsrisiken und die bevölkerungspolitisch investiven Gesundheitsrisiken wie das gesamte Feld von Schwangerschaft und Kindesaufzucht.

Globales Präventionssystem Was lehren uns diese historischen Erfahrungen? Die ersten Seuchenzüge der Pest wurden offenbar schicksalhaft hingenommen. Kehrten die Seuchen immer wieder und störten nachhaltig den immer wichtiger werdenden gesellschaftlichen Verkehr, wurden sie "skandalisiert" - egal wie hoch ihre Sterblichkeit wirklich war. Erst mit der Idee der Seuche als öffentlichem "Skandal" kommt es zu einem regen Austausch zwischen Experten aus der Medizin und den Gesundheitswissenschaften im weitesten Sinne und denjenigen, die im öffentlichen Leben Verantwortung tragen: Politiker und Administratoren also. In der Debatte bestimmen am Ende die gesellschaftlichen Kosten die Maßnahmen: "Hätte unsere Stadt zuvor 20 Millionen Mark für eine gesunde Wasserversorgung ausgeben sollen, anstatt jetzt 480 Millionen Mark zu zahlen, um den Schaden durch die Epidemie zu begleichen?" - das war die Frage, die sich die Bürger Hamburgs nach der Cholera-Epidemien 1892/93 stellen mussten.

Im Austausch zwischen Experten und Entscheidern wurden unterschiedliche Maßnahmen entwickelt. Auf den Krankheitserreger zielende, vertikale Interventionen wie etwa Impfungen sind einfach und billig. Horizontale Maßnahmen, die sich gleichermaßen auf gesunde Verhältnisse wie auf gesundes Verhalten richten, sind hingegen langwierig und teuer - und scheitern eventuell an politischen und wirtschaftlichen Widerständen. Horizontale Maßnahmen sind allerdings jene, die auf lange Sicht verhindern, dass Krankheiten entstehen und sich verbreiten können.

Was also heißt das für uns heute? Alles beim Alten belassen? Die nächste Corona-Pandemie abwarten? Die vielfach ausgearbeiteten Pandemie-Pläne wieder im Aktenkeller verschwinden lassen? Sicherlich nicht. Notwendig erscheint es, ähnlich dem 19. und 20. Jahrhundert ein weltweites Präventionssystem aufzubauen, das vom möglichen Ursprungsort der Krankheitserreger über den Schutz der internationalen Verkehrswege bis hin zu nationalen, regionalen und kommunalen Vorsorgemaßnahmen reicht. Hierzu gibt es seit geraumer Zeit Vorschläge, die an die aktuellen Gegebenheiten angepasst sind. Historisch ist festzuhalten, dass die Prävention von Pandemien und das Vorhalten medizinischer Infrastrukturen am Ende sowohl die Gesundheit als auch die Freiheit sichern - und zwar in ethisch-moralischen wie finanziellen Kosten wesentlich günstiger als das nachträgliche, einer Pandemie nachhinkende Agieren.

Die Autoren sind Professoren für Medizingeschichte und haben das Buch: "Pest und Corona. Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft" verfasst.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag