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Jörg Schierholz
Kurzer Herzstillstand

Die Wirtschaft kommt ganz langsam wieder auf Touren

Es ist die erste staatlich veranlasste weltweite Wirtschaftskrise mit einer synchronisierten Rezession im Produktions- und im Dienstleistungsbereich und die schwerste Rezession seit der Großen Depression der 1930er Jahre. Die Weltbank und der IWF gehen von einem globalen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr um fünf Prozent aus, und für Deutschland erwarten der Sachverständigenrat und das DIW ein Minus von 6,5 bis acht Prozent. Die EU-Kommission erwartet für Europa ein Minus von 8,7 Prozent.

Schon vorher geschwächt Die Corona-Pandemie hat eine bereits geschwächte europäische Wirtschaft erschüttert. Die Industrie hatte sich in einem konjunkturellen Abschwung befunden. Der Einbruch des deutschen Außenhandels im April mit 31,1 Prozent im Export und 21,6 Prozent im Import ist von historischem Ausmaß. Nach Frankreich sanken die Ausfuhren im Vergleich zum März um fast die Hälfte, nach Italien und USA schrumpften sie um mehr als ein Drittel. Rund 7,3 Millionen Menschen sind in Kurzarbeit, betroffen sind vor allem die Gastronomiebranche und die Metall- und Elektroindustrie. Im Gastgewerbe gingen 796.000 Personen oder 72 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Kurzarbeit, im Fahrzeugbau waren es 513.000 oder 46 Prozent, im Autohandel 289.000 oder 44 Prozent. Dank des arbeitsmarktpolitischen Instruments Kurzarbeit sind die Arbeitslosenzahlen in Deutschland deutlich niedriger als in den USA, Frankreich oder Großbritannien.

Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) unter rund 3.300 Unternehmen rechnen noch 83 Prozent der Firmen mit einem Umsatzrückgang in diesem Jahr und 50 Prozent der Firmen nächstes Jahr mit einer Stabilisierung. Bei rund 20 Prozent der befragten Firmen, unter anderem Busunternehmen, Veranstaltern von Messen, Konzerten oder Schaustellern, wird von einem kompletten oder weitreichenden Stillstand ihres Geschäfts berichtet. 56 Prozent der exportierenden deutschen Unternehmen kündigen an, dass sie weniger investieren wollen als geplant, und 43 Prozent werden Stellen streichen. Insgesamt rechnet der DIHK mit einem Rückgang der Exporte um 15 Prozent im Jahr 2020, wovon im nächsten Jahr mit einem Plus von etwa sieben Prozent die Hälfte wieder aufgeholt werden dürfte.

Die zuletzt gemeldeten Wirtschaftsdaten verstärken das Bild einer sukzessiven Erholung der Volkswirtschaften. Im Einzelhandel in Europa sprangen die Umsätze um 17,8 Prozent an nach minus 12,1 Prozent im Vormonat. Der europäische Einzelhandel hat circa zwei Drittel der Wegstrecke zum Vorkrisenniveau geschafft; es ging schneller als erwartet. In Deutschland ist die Lage des Einzelhandels besser als in den meisten Nachbarländern, auch wenn die Bekleidungsbranche stark verloren hat. Die Auftragseingänge der deutschen Industrie hinken der Entwicklung des inländischen Konsums hinterher, aber die Produktion des verarbeitenden Gewerbes steigt wieder an.

Der Anstieg mehrerer globaler Indikatoren für die Entwicklung der Industrieproduktion verdichtet die Hoffnung auf eine kräftige Wirtschaftserholung. Bezüglich des Pfades der Erholung allerdings herrscht eine tiefgreifende Unsicherheit, da neue Infektionswellen und Quarantänemaßnahmen die Erholung gefährden würden.

Für die Lage der deutschen Automobilindustrie, der mit Abstand größten Branche in Deutschland, spricht Continental-Chef Elmar Degenhart indes von einem Herzstillstand. Volkswagen, Daimler und BMW rechnen für das laufende zweite Quartal mit tiefroten Zahlen. Der Absatz von VW brach im Mai um 33,7 Prozent und im April um 45 Prozent ein, tausende Mitarbeiter werden entlassen. Branchenvertreter rechnen damit, dass vor allem kleinere Unternehmen die Krise nicht überleben werden. Schon der schwierige Strukturwandel aus Digitalisierung, E-Mobilität und Assistenzsystemen sei für viele kleine Firmen kaum zu schaffen. "Das Ausmaß der Krise ist ungleich höher als das, was wir 2009 durchlebt haben", sagt Degenhart. Allerdings ist auch hier die Talsohle erreicht; die Verkaufszahlen in Asien steigen wieder.

Trotz der hohen Nachfrage im Online-Handel während der Corona-Krise erwartet die Paket-Branche aufgrund der Rückgänge im Business-Bereich keinen rasanten Zuwachs der Sendungsmengen und maximal 1,5 Prozent mehr Paket-, Express- und Kurier-Sendungen als im Jahr zuvor. Viele Unternehmen aus der Automobil- und Zulieferindustrie haben ihre Produktion heruntergefahren oder komplett ausgesetzt. Aufgrund der zentralen Bedeutung des Automobilsektors für die Logistik ergaben sich erhebliche Auftragseinbußen, die sich laut dem Onlinestatistikportal Statista im März unter anderem in einem Einbruch des Gesamtumsatzes im Sektor Verkehr und Lagerei von knapp 60 Prozent niederschlugen. Hingegen verzeichneten Hersteller von Medizingütern und Hygieneprodukten sowie Lebensmittelhändler teils enorme Nachfragezuwächse. Das Plus bei Desinfektionsmitteln lag im März 2020 bei 210 Prozent und bei Toilettenpapier betrug es 100 Prozent.

Schub für IT-Branche Der deutsche Markt für IT, Telekommunikation und Unterhaltungselektronik mit 1,2 Millionen Mitarbeitern wird laut Digitalverband Bitkom mit einem Umsatzrückgang von 3,3 Prozent auf 163,5 Milliarden Euro rechnen, der im kommenden Jahr zum großen Teil wieder aufgeholt werden soll. Unternehmen in Kurzarbeit benötigen meist weniger IT-Ressourcen als unter Volllast. Der Digitalisierungsschub verspricht der ITK-Branche allerdings langfristiges Wachstum.

Die chemisch-pharmazeutische Industrie mit knapp 460.000 Mitarbeitern in Deutschland war nach etlichen Gewinnwarnungen in 2019 mit einem Umsatz von 49,5 Milliarden Euro, einem Plus von 0,6 Prozent, in das erste Quartal 2020 gestartet. Vor allem wegen einer hohen Nachfrage nach Pharmazeutika, verschiedensten Hygieneartikeln und Verpackungsmaterialien blieb die Branche noch im März noch von größeren Rückschlägen verschont. Mit rückläufigen Aufträgen, gestörten Lieferketten und fehlenden Transportkapazitäten befindet sich die Chemie jetzt aber in einer schweren Rezession mit deutlichen Produktions- und Umsatzrückgängen. Das wichtige Bauwesen und die Automobilindustrie erleben global einen sehr starken Einbruch und somit wird der Bedarf an Kunststoffen, Farben und Anorganika über Jahre reduziert bleiben.

Auch die deutsche Bauwirtschaft rechnet mit drei Prozent Umsatzminus. Die Preise für Gewerbeimmobilien sind rückläufig. Die Medizintechnikunternehmen in Deutschland erwarten ein Umsatzminus für dieses Jahr von insgesamt acht Prozent - ausgenommen Hersteller von Beatmungsgeräten und Intensivbetten.

Neben den Fluglinien wie Lufthansa und Flugzeugherstellern wie Airbus und Boeing leiden auch die Flughafenbetreiber. Die Passagierzahlen sind dramatisch eingebrochen, die Airports haben ihre Kapazitäten zum Teil um 90 Prozent reduziert. Die Lufthansa schafft bis 2023 maximal 80 statt der früher geplanten 160 Flugzeuge an und will massiv Personal abbauen.

Rund zehn Prozent der Weltwirtschaftsleistung oder etwa 6.600 Milliarden Euro hängen am Tourismus. Trotz des erhöhten Inlandsinteresses liegen bei den Urlaubsportalen wie Check24 und Holidaycheck die Buchungen um bis zu 73 Prozent unter denen des Vorjahres. Marktführer Tui kündigte einen radikalen Konzernumbau an und die Hälfte seiner Flugzeugflotte, Schiffe und Hotels sollen veräußert werden. Vielen Spezialveranstaltern geht nun das Geld aus, und von den rund 10.000 Agenturen wird laut Reisebüroverband wohl ein Viertel der Krise zum Opfer fallen. Das Vorkrisenniveau des Tourismus dürfte wohl erst in zwei bis drei Jahren erreicht werden.

Hohe Belastung Die gewaltigen Hilfspakete werden die staatlichen Bruttoschulden in Deutschland um rund 20 Prozentpunkte auf knapp 80 Prozent des BIP hieven und mit der verdeckten Staatsverschuldung, also staatlichen Leistungsversprechen bei Rente, Pflege und im Gesundheitswesen die Nachhaltigkeitslücke von 220 Prozent in 2019 auf 345 Prozent des BIP - rund 11,9 Billionen Euro - steigen lassen. Mit der Dauerstimulierung durch langfristig niedrige Zinsen wird die Europäische Zentralbank die von Unternehmenszusammenbrüchen ausgehenden Dominoeffekte einzudämmen versuchen. Die Corona-Pandemie und der kurzzeitige Herzstillstand der Wirtschaft werden wohl überstanden werden. Die finanziellen Nachwirkungen der Rettungspakete allerdings werden die nächsten Generationen zunehmend belasten, das ist sicher.

Der Autor ist freier Journalist und publiziert in den Bereichen Ökonomie, Medizin und Biotechnologie.

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