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Tourismus
Lisa Brüßler
»Ich befürchte, dass wir Häuser verlieren werden«

Die Jugendherbergen öffnen wieder - doch ohne Klassenfahrten bleibt ihre Situation angespannt

Herr Schmitz, als Geschäftsführer vom Deutschen Jugendherbergswerk (DJH) sind Sie derzeit vor allem Krisenmanager. Seit Mitte Mai öffnen einige Herbergen wieder. Wie ist die Situation jetzt, zwei Monate später?

Die Öffnung war ein Prozess: Ab Mitte Mai ging es langsam wieder los, jetzt hat die Hochsaison gerade für Familien-Reisen begonnen. Momentan sind knapp 280 von unseren 450 Häusern geöffnet. In den touristischen Gebieten haben wir eine gute Belegung, die Buchungen sind aber insgesamt immer noch recht zurückhaltend.

Es wird viel darüber gesprochen, dass mehr Menschen ihren Urlaub in Deutschland verbringen in 2020. Gilt das nur für bestimmte Regionen Deutschlands?

Wir hatten im Vorfeld schon Buchungen, insbesondere in den beliebten Urlaubsregionen wie etwa den Küstenorten. Es ist nicht so, dass wir jetzt einen starken zusätzlichen Schwung erleben. Gefühlt liegt der Fokus derzeit auf Reisen in ländliche Gebiete wie etwa dem Schwarzwald und dem Harz oder an der Küste - die Großstädte sind gerade weniger nachgefragt.

Wie sieht ein Besuch in einer Jugendherberge derzeit aus?

Die Regelungen sind je nach Bundesland sehr unterschiedlich - in manchen Ländern sind mehr Dinge erlaubt als in anderen. Mancherorts wurde in den Speisesälen der Service am Tisch wieder abgeschafft und es konnte zum Buffet zurückgekehrt werden, in anderen Ländern ist das noch nicht möglich. Wir haben zudem Belegungsquoten, das heißt, Mehrbettzimmer können teilweise nur als Doppelzimmer belegt werden. Wenn eine volle Auslastung nicht möglich ist, führt das natürlich dazu, dass die Häuser nicht so betrieben werden können, dass man Geld für die Zukunft erwirtschaftet.

Jugendherbergen sind meist als Vereine organisiert und dürfen daher keine größeren Rücklagen bilden. Haben Sie die Sorge, dass einige Häuser gar nicht wieder öffnen werden?

Ich befürchte leider, dass wir einige unserer Häuser verlieren werden. Wir haben in Herbergen, die teilweise ja auch Schlösser oder Burgen sind, hohe Kosten zum Beispiel beim Brandschutz. Die Herbergen, die einen Investitionsstau haben, wieder gut am Markt zu positionieren wird schwierig. Im DJH gilt zudem ein Subsidiaritätsprinzip. In der Praxis bedeutet das oft, dass ein Landesverband ein gut laufendes Haus in einer Großstadt hat, das zwei kleinere, ländliche Jugendherbergen mit finanziert. Das Konjunkturpaket der Bundesregierung mit den Überbrückungshilfen von bis zu 150.000 Euro pro Herberge für drei Monate hilft uns über den Sommer.

Wie blicken Sie auf die Herbst- und Wintersaison?

Wir machen uns natürlich Sorgen, was diese Zeit angeht, in der vermehrt Gruppen und Schulen gekommen wären. Man muss bedenken: Es fehlen alle Anlässe, um zu reisen, zum Beispiel auch die Weihnachtsmärkte. Auch für unsere Mitarbeitenden ist die Situation schwierig. In den kommenden Monaten werden vorübergehend wieder Häuser schließen müssen, weil sie sich nicht wirtschaftlich betreiben lassen.

Vor allem Schul-und Klassenfahrten wurden auf absehbare Zeit abgesagt.

Genau, derzeit sind Familien unsere Kernzielgruppe, weil die Schul- und Klassenfahrten wegfallen - allein diese Fahrten machen knapp 40 Prozent unseres Jahresumsatzes aus. Und da sind die Seminar-, die Wandergruppen und die Chöre nicht mitgerechnet, die auch ausbleiben. Die ersten Bundesländer haben festgelegt, dass es erstmal nur Präsenzunterricht in den Schulen gibt und mindestens bis Januar 2021 keine Fahrten stattfinden. Das bleibt für uns natürlich eine schwierige Situation.

Das Gespräch führte Lisa Brüßler

Julian Schmitz ist Hauptgeschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerks.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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