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Banken
Jörg Schierholz
Ohne Geschäftsmodell

Die Krise begann schon lange vor Corona

Felix Hufeld, Chef der Finanzaufsicht Bafin, rechnet mit größeren Kreditausfällen in diesem und nächsten Jahr, falls eine zweite Infektionswelle die gerade einsetzende wirtschaftliche Erholung gefährden sollte. Bei stockender Wirtschaftserholung könnten einige Geldhäuser in Deutschland in Existenznot geraten, so die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Die Europäische Bankenaufsicht EBA hat deshalb eine Richtlinie erlassen, nach der Kredit-Stundungen und Zahlungsausfälle aufgrund der Corona-Krise von Banken nicht zwingend als Zahlungsausfall klassifiziert werden müssen.

Doppelrücktritt Die Corona-Pandemie verstärkt die hausgemachten Krisen deutscher Bankhäuser. Der jüngste Doppelrücktritt von Commerzbank-Chef Martin Zielke und seines Aufsichtsratschefs erfolgte, da seit Jahren die Kapitalkosten nicht verdient und die Ziele wiederholt verfehlt wurden. Aber auch andere deutsche Geldhäuser, gerade die des öffentlich-rechtlichen Finanzsektors, haben es nach der Finanzkrise nicht geschafft, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, mit dem sie auskömmliche Gewinne erzielen können. Im vergangenen Jahr wurde die Norddeutsche Landesbank mit Milliarden vor dem Aus gerettet, aber man konnte sich bislang nicht zu einer umfassenden Konsolidierung des Landesbankensektors durchringen. Eine Analyse der Finanzaufsicht belegt zudem, dass es beim gemeinsamen Sicherungssystem von Sparkassen und Landesbanken zahlreiche Schwachstellen gibt.

Die Deutsche Bank versucht über viele Jahre, mit den großen US-Instituten im Investmentbanking mitzuhalten und vernachlässigte dabei das Kerngeschäft mit Unternehmenskunden. Nach dem Scheitern der Fusion mit der Commerzbank wurde ein radikaler Sanierungsplan mit dem Abbau von 18.000 Arbeitsplätzen vorgelegt

Nach strategischen Fehlentscheidungen (Beispiel Commerzbank: Übernahme Dresdner Bank, Eurohypo, Schiffsfinanzierungen) schlittern die großen deutschen Banken von einer Schrumpfkur in die nächste, ohne eine tragfähige Strategie zu entwickeln; und jetzt fehlt krisenbedingt der finanzielle Spielraum, späteres Wachstum zu generieren. Die Nullzinspolitik der EZB erodiert die Ertragsbasis der Banken, da bis zu 80 Prozent der Erträge aus dem Zinsgeschäft kommen. Die Banken mussten zudem 2019 aufgrund des negativen Einlagezinssatzes 2,3 Milliarden an die EZB überweisen. Es ist nicht ausgemacht ob die Negativzinspolitik der europäischen Zentralbank am Ende ihre Kinder, also die Banken, frisst.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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