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Susanne Kailitz
Eine Branche kommt ins Schwitzen

Fitnessstudios machen die Folgen des Lockdowns schwer zu schaffen

Drei Monate lang konnte Jens Nulsch nicht das tun, was er am liebsten macht: andere Menschen zum Schwitzen bringen. Der Berufsschullehrer arbeitet nebenberuflich als Trainer, in einem Dresdner Fitnessstudio gibt er jede Woche Cycling-Kurse. Dann bringt er eine Stunde lang Menschen dazu, sich völlig zu verausgaben - und fährt selbst so intensiv mit, dass er am Ende des Kurses schweißgebadet ist.

Die Corona-Zwangspause hat ihm zugesetzt - so wie der ganzen Branche. Im März mussten Sportstudios und Trainingsstätten komplett schließen. Seit Mitte Juni öffneten die Einrichtungen im ganzen Land Schritt für Schritt. Das Studio, in dem Nulsch arbeitet, öffnete erst die Freifläche, seit gut drei Wochen darf er wieder Kurse geben. "Aber unter veränderten Bedingungen: In meinen Kursraum dürfen aktuell nur maximal acht Sportler, die sich vorher anmelden müssen. Die Räder haben wir weit auseinander gerückt." Das neue Procedere sorgt mitunter für Frust, erzählt der 43-Jährige, "zum Teil melden die Leute sich weit im Voraus an, können nicht und vergessen abzusagen. Dann bleiben Plätze leer, obwohl es viele gibt, die gern mitmachen würden." Insgesamt sei das Studio deutlich leerer als früher, obwohl Duschen und Saunen wieder geöffnet seien.

Gleichwohl ist man in der Branche froh, wieder trainieren zu dürfen. Trotzdem sorgen sich viele Studiobetreiber um ihre Zukunft: Man rechne mit Umsatzeinbußen von rund 20 Prozent, erklärte Ralph Scholz, Vorsitzender des Deutschen Industrieverbandes für Fitness und Gesundheit (DIFG). Der Schaden liege bei rund einer Milliarde Euro, bis zu 30 Prozent der Studios würden nach dem Lockdown um ihre Existenz bangen.

Virus durchwirbelt die Sportwelt Auch Rainer Schaller, Gründer der Fitnesskette McFit, sprach in Interviews davon, dass die Pandemie die Branche in eine tiefe Krise gestürzt habe. Vor ganz praktische Probleme stelle ihn die Tatsache, dass die Vorgaben für den Betrieb der Studios Sache der Bundesländer sei und dort ganz unterschiedlich gehandhabt würden. Er verschicke Newsletter an seine Studios, die "dick sind wie Bücher". Trainer Nulsch ist in Sachen Hygienevorschriften - die inzwischen in ganz Deutschland in Studios und Sportstätten aushängen - eher gelassen: "Die Räder haben wir schon immer nach dem Training gründlich gereinigt, daran hat sich nichts geändert." Dass "in jeder Ecke" des Studios nun Flaschen mit Desinfektionsmittel stehen, sei eine gute Sache; auf Masken werde in seiner Sportstätte komplett verzichtet.

Der Virus hat die Sportwelt gründlich durcheinander gebracht. Galt vor der Pandemie der Leitsatz, Sport helfe dabei, gesund zu bleiben, herrscht nun die Angst, Menschen könnten sich beim Training infizieren. Nach einer Phase der kompletten Verbote sind Trainingsgruppen und Wettkämpfe in allen Bundesländern wieder gestattet, unter Voraussetzungen, die sich in den Bundesländern unterscheiden. So dürfen in Hamburg bis zu zehn Personen gemeinsam Sport treiben, Sachsen unterscheidet je nach Sportart und gibt vor, dass körperliche Kontakte "auf ein Minimum zu reduzieren" seien; auf Torjubel etwa sei zu verzichten. Mecklenburg-Vorpommern strebt zeitnah "eine Rückkehr zum regulären Sportbetrieb" an.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat für die rund 90.000 Vereine in Deutscland "Leitplanken" und sportartspezifische Übergangsregeln formuliert. So soll der Vereinssport wieder zur Normalität geführt werden. Bauchschmerzen bereitet den Experten der Schulsport. Zwar sind die Schulen inzwischen wieder geöffnet - weil aber vielerorts dank der Hygieneregeln nur reduzierter Unterricht stattfindet und man sich dabei häufig auf die Kernfächer konzentriert, liegt der Sportunterricht an vielen Schulen derzeit brach. Der Deutsche Sportlehrerverband fordert eine sofortige Wiederaufnahme: Die bewegungsarme Zeit werde sonst schlimme Auswirkungen haben, fürchtet er.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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