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Krankenhäuser
Claus Peter Kosfeld
Im Zentrum des Sturms

Der befürchtete Massenandrang von Corona-Patienten ist ausgeblieben

Krankenhäuser stehen in der Coronakrise im Zentrum des Sturms. Noch nie waren Kliniken so beansprucht wie in dieser Pandemie, die inzwischen global rund 14 Millionen Infizierte und rund 600.000 Tote zählt. Für Krankenhäuser ist die Behandlung von Corona-Patienten besonders komplex, weil ein hoher Hygienestatus zu gewährleisten ist und die Patienten auf Intensivstationen technisch aufwendig versorgt werden müssen. Zudem können die Ärzte nicht auf wirksame Therapien setzen, solange weder spezielle Medikamente noch Impfstoffe gegen das neue Coronavirus verfügbar sind.

Die Gesundheitssysteme vieler Staaten sind in der Krise an die Grenzen ihrer medizinischen Möglichkeiten gekommen, was letztlich auch zur Folge hatte, dass Ärzte vor der Frage standen, welche Patienten sie retten können und welche sie aufgeben müssen (Triage). Auch in Deutschland haben sich die Kliniken auf den Ernstfall eines massenhaften Ansturms auf die Intensivstationen vorbereitet, der, anders als etwa in Italien oder den USA, nicht eingetreten ist. Gleichwohl werden noch immer Kapazitäten vorgehalten, um eine mögliche neue Welle an Infektionen auffangen zu können.

Reduzierter Regelbetrieb Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, äußerte sich zufrieden mit dem bisherigen Verlauf, sieht aber hohe Kosten auf die Kliniken zukommen. Baum sagte: "Die Corona-Pandemie ist in Deutschland dank der Leistungsfähigkeit des Krankenhauswesens weniger gravierend als in den meisten europäischen Staaten verlaufen." Aufgrund der höheren Belastung bräuchten die Krankenhäuser aber noch bis Ende des Jahres die Schutzschirminstrumente sowie angepasste Regelungen für die Finanzierung 2021.

Nach Angaben der DKG sind in den Kliniken von März bis Ende Juni rund 30.000 Corona-Patienten behandelt worden, darunter etwa 10.000 Intensivpatienten. Um die zusätzlichen Fälle angemessen behandeln zu können, mussten Kliniken ihre Kapazitäten konzentrieren und den Regelbetrieb zwischen 30 und 50 Prozent herunterfahren. Im Mai wurde die Rückkehr zur Regelversorgung eingeleitet, denn auch planbare Operationen lassen sich nicht unbegrenzt aufschieben. So können etwa Patienten mit Herzproblemen oder Gelenkerkrankungen nicht lange auf eine Operation warten. Die Deutsche Krebshilfe erklärte, bis Mitte Juni seien rund 50.000 Krebsoperationen ausgefallen, fast ein Viertel der ursprünglich geplanten Eingriffe.

Intensivbetten aufgestockt Die DKG geht davon aus, dass die vollen Kapazitäten auch im nächsten Jahr noch nicht wieder erreicht werden. Für die Kliniken bedeutet das zusätzliche Kosten, denn die Fallkosten sind gestiegen. So müssen Corona-Patienten in abgetrennten Stationen versorgt werden, auch das Personal muss möglichst getrennt eingesetzt werden. Wie viele Klinikmitarbeiter sich angesteckt haben, ist nicht genau bekannt. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) wurden bis Ende Juni rund 13.700 Infektionsfälle von Menschen übermittelt, die in einer medizinischen Einrichtung tätig waren, darunter Krankenhäuser, Arztpraxen, Dialyseeinrichtungen und Rettungsdienste, 20 Mitarbeiter sind verstorben.

Um die Kliniken in der Pandemie finanziell zu unterstützen, brachte die Bundesregierung im März das Krankenhausentlastungsgesetz auf den Weg, das bis Ende September für jedes freigehaltene Bett eine Pauschale von 560 Euro pro Tag vorsieht. Für jedes zusätzlich geschaffene Intensivbett wird ein Bonus von 50.000 Euro bezahlt. Für Schutzausrüstungen erhielten Krankenhäuser befristet einen Zuschlag je Patient in Höhe von 50 Euro. Die Zahl der Intensivbetten wurde laut DKG von rund 28.000 auf 40.000 aufgestockt, darunter 30.000 Beatmungsplätze.

Neues Register Das Bundesgesundheitsministerium ordnete im April außerdem an, dass alle Krankenhäuser täglich ihre Intensivkapazitäten an die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) melden müssen. Über das Intensivregister können freie Beatmungsbetten in ganz Deutschland abgefragt werden. DIVI-Präsident Uwe Janssens schwärmte, mit dem Register sei in kurzer Zeit der Aufbau eines weltweit einmaligen Systems gelungen. Wissenschaftler arbeiteten auch an einem Prognosemodell auf Basis der Zahlen, die aus den Kliniken kämen. Janssens versicherte: "Sollten die Behandlungszahlen von Covid-19-Patienten steigen, sind wir sehr gut vorbereitet."

Mit dem 130 Milliarden Euro schweren Konjunkturpaket legte die Bundesregierung im Juni auch ein "Zukunftsprogramm Krankenhäuser" auf, um einen Modernisierungsschub zu bewirken. So sollen mit drei Milliarden Euro die Notfallkapazitäten und die digitale Infrastruktur in den Kliniken verbessert werden. Die DKG sprach von einem "dringend notwendigen ersten Schritt, um die Investitionslage in den Kliniken zu verbessern".

Die Krankenhausinvestitionen sind schon lange ein politisches Streitthema, denn die Länder kommen ihren finanziellen Verpflichtungen seit Jahren nicht ausreichend nach, Investitionen sind rückläufig. Das kann dazu führen, dass die von den Krankenkassen gestellten Betriebsmittel für die Kliniken zweckentfremdet werden und letztlich die Versorgung leidet.

Aus dem unlängst veröffentlichten "Krankenhaus Rating Report" des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung geht hervor, dass sich die wirtschaftliche Lage der bundesweit gut 1.900 Krankenhäuser weiter verschlechtert hat. Rund 13 Prozent der Häuser lagen dem Bericht zufolge 2018 im "roten Bereich" mit erhöhter Insolvenzgefahr. Die Wirtschaftsexperten rechnen damit, dass 2021 die finanziellen Belastungen aus der Coronakrise im Gesundheitswesen voll durchschlagen.

Mit dem Krankenhausstrukturgesetz von 2015 sollte das Klinikangebot schlanker und effizienter werden. So wurde die Versorgungsqualität als zentrales Kriterium definiert und mit Zuschlägen belohnt. Um den Bundesländern mehr Mittel an die Hand zu geben, wurde ein Strukturfonds in Höhe von 500 Millionen Euro aufgelegt. Die Kliniken sollten sich zudem stärker spezialisieren, Experten stellten die große Zahl der Häuser infrage.

Berliner Reserve Akuten Reformbedarf sieht der AOK-Krankenhausexperte Jürgen Malzahn, der auch kleinere Kliniken für sinnvoll hält, "wenn sie sich spezialisieren und gute Qualität anbieten". Die Häuser dürften aber "nicht hochkomplexe Leistungen anbieten, wenn dafür Erfahrung und Ausstattung fehlen". So sei eine gut ausgestattete, breit aufgestellte Intensivstation besser als "Gelegenheitsversorger", die ein paar Intensivbetten vorhielten, aber nachts keine Versorgung garantieren könnten.

Die großen Strukturprobleme hätten sich schon vor der Pandemie gezeigt, erklärte Malzahn. So würden viel zu viele Krankenhausbetten mit Patienten gefüllt, die genauso gut oder besser ambulant behandelt werden könnten.

Zusätzliche Betten wurden sicherheitshalber auch in den Berliner Messehallen aufgebaut, nachdem im Frühjahr die Infektionszahlen zu Beginn der Pandemie drastisch stiegen. Das Corona-Behandlungszentrum-Jafféstraße (CBZJ) entstand in einer für Berlin untypisch kurzen Frist von gerade einmal vier Wochen, hat aber noch keinen Patienten gesehen. In Halle 26 des Messegeländes umfasst ein erster Klinikbereich rund 500 Betten, insgesamt sollen 1.000 Notfallbetten zur Verfügung stehen. Die Berliner Reserveklinik läuft derzeit mangels Corona-Patienten im Stand-By-Betrieb.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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