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Soziales
Susann Kreutzmann
Die große Kluft

Schulschließungen, Preiserhöhungen und digital abgehängt - arme Familien sind von dem Corona-Lockdown deutlich stärker betroffen als andere

Ohne die Arche-Stiftung hätten sie und ihre Kinder die Corona-Krise nicht meistern können. Da ist sich die 36-jährige Jessica Lange sicher. Als die Schulen Mitte März schlossen, war die Alleinerziehende komplett auf sich gestellt. "Der ganze Unterricht war plötzlich online. Doch wir haben kein Internet und auch keinen Laptop", erzählt die gelernte Industriekauffrau. Mit ihrem Smartphone hat sie zusammen mit ihrer achtjährigen Tochter sowie den 13 und 15 Jahre alten Söhnen dennoch versucht, so gut wie möglich die Lernaufgaben zu lösen. "Ich hätte mir wirklich mehr Unterstützung von der Schule gewünscht", sagt sie nachdenklich. Als ihr die Schule ein Tablet zur Verfügung stellen wollte, konnte sie es nicht annehmen. "Da war kein Internet dabei und ich hätte unterschreiben müssen, dass ich für 800 Euro hafte. Das Geld habe ich nicht."

Der Gründer der Kinderstiftung Arche, Pastor Bernd Siggelkow, weiß, dass es vielen Familien so ging wie Jessica Lange, die Hartz IV bezieht. "Unsere Familien empfinden, dass sie noch abgehängter sind als vorher", sagt er. "Die soziale Schere wird immer größer." Die Versäumnisse in der Schule aufgrund der fehlenden digitalen Voraussetzungen zu Hause hält er für nicht aufholbar. "Ich habe erlebt, dass sich bei einem Großteil unserer Schüler sechs Wochen die Lehrer nicht gemeldet haben", sagt er. "Da werden ganz deutliche Schäden bleiben."

Die Corona-Krise machte einmal mehr deutlich, wie stark der Bildungserfolg vom eigenen Geldbeutel abhängt. Denn Deutschland hat es versäumt, die Schulen ans Netz zu hängen und digitales Lernen für alle Kinder zu ermöglichen. In der Pandemie stellte das Bildungsministerium kurzfristig 100 Millionen Euro für digitalen Unterricht zur Verfügung. Aus eigenen Mitteln kauften die Bundesländer Laptops und verteilten sie über die Schulen an bedürftige Familien. Die Zahl ist allerdings viel zu niedrig. In Berlin beispielsweise stellte der Bildungssenat 9.500 Geräte bereit.

Jessica Lange berichtet auch, dass sie von ihrem Ersparten extra einen Drucker anschaffen musste, damit ihre Kinder überhaupt die Lernaufgaben bewältigen konnten. Ihre Söhne hätten dann immer wieder auf die Arbeitsblätter schreiben müssen: "Ich habe kein Internet, ich kann die Aufgabe nicht erledigen."

Bundesweit mussten zwar alle Arche-Einrichtungen an ihren 26 Standorten schließen. Dafür sind die Mitarbeiter mit Lebensmitteln und Bastelmaterial zu den Familien an die Haustür gekommen. "Wir betreuen die Menschen nicht, wir führen eine Art Lebensgemeinschaft. Deshalb mussten wir nichts neu erfinden. Wir mussten uns nur neu organisieren", sagt Siggelkow, der die Arche vor 15 Jahren in Berlin-Hellersdorf gegründet hat, einer Plattenbausiedlung ganz am östlichen Stadtrand.

Mit Live-Chats hielten die Mitarbeiter der Arche täglich Kontakt zu den Familien. Sie halfen bei den Schulaufgaben und initiierten kreative Wettbewerbe gegen Langeweile und Frust. Sie überbrachten Backmischungen und Zutaten für das gemeinsame Kuchenbacken in der Familie. Das Ergebnis wurde in Fotos festgehalten. Auch Jessica Lange erzählt, dass sie und ihre Kinder zwei Mal Wochengewinner waren. Als Preis gab es eine Pizza-Lieferung für die ganze Familie.

Risiko für Alleinerziehende Für Alleinerziehende ist das Risiko, arm zu werden, besonders hoch: Mehr als ein Drittel der Alleinerziehenden bekommen Hartz IV, über 40 Prozent von ihnen sind nach EU-Kriterien armutsgefährdet. Die Kinder haben damit etwa vier Euro täglich fürs Essen. Deshalb machte allein schon das weggefallene kostenlose Mittagessen in Schulen oder sozialen Einrichtungen diesen Familien zu schaffen. Hinzukommen Preiserhöhungen für Lebensmittel. Laut offiziellen Erhebungen haben sich in diesem Frühjahr vor allem frische Lebensmittel wie Obst und Gemüse um bis zu zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr verteuert.

Den von der Bundesregierung beschlossenen einmaligen Kinderbonus von 300 Euro hält Siggelkow deshalb nur für einen Tropfen auf den heißen Stein. "Die 300 Euro pro Kind sind eine Hilfe, aber die Überteuerung, die wir erleben, führt nicht dazu, dass die Familien mehr Geld in der Tasche haben", sagt er.

Nicht nur das Home-Schooling in oft beengten Wohnungen, auch die große finanzielle Unsicherheit verschärft die Situation vieler Familien. Wie eine Mischung aus Stress, Frust und Hilflosigkeit zu Gewalt führen kann, hat Siggelkow schon oft erlebt. Auch in der Corona-Krise hätten sie deeskalierend mit Telefonaten einwirken können. "Wir sind ein Schutz vor Eskalation, aber wir sind nicht 24 Stunden in der Familie", sagt der Arche-Gründer.

Siggelkow teilt die Sorge vieler Mitarbeiter des Jugendschutzes, dass die Ausgangsbeschränkungen zu mehr Gewalt an Kindern und Jugendlichen geführt haben. Auf eine große Zunahme der Anrufe bei der Kinderschutzhotline während der Krise verweist auch das Familienministerium. Gesicherte Daten über eine Zunahme an häuslicher Gewalt gibt es allerdings bislang nicht, allenfalls Erfahrungen.

Für Uwe Kamp vom Deutschen Kinderhilfswerk stellt sich die Situation als ambivalent dar. Denn während des Lockdowns seien die Anzeigen bei der Polizei wegen häuslicher Gewalt zurückgegangen, sagt er. Aufgrund fehlender Kontrollinstanzen von Erziehern, Lehrern oder Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfe gehe er aber davon aus, dass die ohnehin hohe Dunkelziffer weiter gestiegen sei. "Grundsätzlich lässt sich Gewalt gegen Kinder nicht auf Altersgruppen oder bestimmte Schichten zurückführen", sagt Kamp. Das ganze Ausmaß werde aber vermutlich auch dann nicht sichtbar, wenn die Schulen und Kitas wieder vollständig geöffnet seien, befürchtet er. "Denn blaue Flecken verheilen nach kurzer Zeit wieder, so wird nur schwer herauszufinden sein, was in vielen Familien in den letzten Wochen tatsächlich los war."

Um die sozialen Folgen der Pandemie abzufedern, hat der Bundestag zwei milliardenschwere Sozialschutzpakete auf den Weg gebracht. Dazu gehören unter anderem ein höheres Kurzarbeitergeld, ein vereinfachter Zugang zur Grundsicherung, die vorübergehende Aussetzung von Sanktionen, eine verlängerte Auszahlung von Arbeitslosengeld I. Auch ein Notfall-Kinderzuschlag und Entschädigungszahlungen für Verdienstausfälle wegen der Kinderbetreuung wurden beschlossen. Viele der Maßnahmen helfen in erster Linie Erwerbstätigen, während die Armen der Gesellschaft weitgehend vergessen worden seien, betonen Kritiker wie der Armutsforscher Christoph Butterwegge. "Wie in einem Brennglas sind soziale Gegensätze während der Krise viel deutlicher zu Tage getreten, die schon vorher existierten", betont er. Auf der einen Seite gebe es die hochqualifizierten Akademiker im Homeoffice, auf der anderen Seite die Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Die große Frage sei nun, wer die Milliardenkosten der Hilfspakete trage. "Die gesellschaftlichen Verteilungskämpfe werden sich verschärfen, befürchtet Butterwegge.

Grünen und Linke im Bundestag haben sich zwar dafür eingesetzt, einen Corona-Aufschlag in der Grundsicherung einzuführen, konnten sich damit jedoch nicht durchsetzen. Der CDU-Abgeordnete Matthias Zimmer gab zwar zu: "Dem Grundgedanken kann man nicht widersprechen." Allerdings werde sozialer Zusammenhalt nicht durch Umverteilung, sondern durch Leistung gewährleistet. Ähnlich äußerte sich die FDP in der Bundestagsdebatte dazu. "Sie versprechen allen alles", kritisierte deren Sozialexperte Pascal Kober und fügte hinzu: "Ich vermisse nur eins, das Preisschild."

Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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