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SOZIALFORSCHUNG
Jutta Allmendinger
Vertrauensfragen

Vertrauen wird als »soziales Schmiermittel« in der Corona-Krise gebraucht. Doch es ist ungleich verteilt - und das Problem droht sich zu verschärfen

In diesen Zeiten der Pandemie gibt es kaum eine Rede oder Diskussion ohne den Verweis auf Solidarität und Vertrauen. Es sind Konzepte, die die Verbundenheit der Menschen untereinander ins Zentrum rücken, ein Zusammengehörigkeitsgefühl geradezu beschwören. Ohne gesellschaftlichen Zusammenhalt läuft nichts, schon gar nicht in der Krise, so die Diagnose.

Dabei geht es um weit mehr als vorgegebene gemeinsame Merkmale, die Menschen teilen und die Émile Durkheim als Grundlage einer "mechanischen" Solidarität ausgemacht hat. Es geht um den Befund, dass die Menschen aufeinander angewiesen sind, um eine organische Solidarität. In einer Pandemie heißt das: Man kann sich nicht selbst schützen, ohne gleichermaßen von anderen geschützt zu werden. Eine solche Reziprozitätserwartung steckt auch im Vertrauen, nur ist sie dort unmittelbarer und viel persönlicher. Solidarisch kann ich mich anderen Menschen gegenüber auch dann verhalten, wenn ich keine Gegenleistung erwarte. So spenden wir für Menschen in weit entfernten Krisengebieten; wir geben ohne die Erwartung etwas zurückzubekommen. Oder vielmehr wissen wir, dass die Gegengabe in einer anderen Währung als Geld erfolgt: als beruhigendes Gefühl, Zusammengehörigkeit zum Ausdruck gebracht zu haben.

Geben und Nehmen Vertrauen dagegen besteht aus einem ständigen Geben und Nehmen. Es braucht Beziehungen zwischen den Menschen: Man vertraut einander. Dafür muss man sich gegenseitig kennen, zumindest so gut, dass man "solide Hypothesen über das Verhalten anderer" hat, wie es Georg Simmel ausdrückte. Er stellte fest: "Der völlig Wissende braucht nicht zu vertrauen, der völlig Nichtwissende kann vernünftigerweise nicht einmal vertrauen". Und nach Kenneth Arrows ist Vertrauen damit nicht mehr und nicht weniger als ein "soziales Schmiermittel".

Wenn wir also in Zeiten von Corona über Solidarität sprechen, geht es uns genau um dieses Schmiermittel. Wir reden von Solidarität, meinen aber Vertrauen. Denn die Menschen erwarten für ihren Einsatz durchaus eine Honorierung. Sie nehmen sich zurück, doch nur für den Moment. So wollen die von Covid-19 weniger bedrohten jungen Menschen gehört werden, wenn es um ihre Zukunft geht, die vom Klimawandel wahrscheinlich stärker als von der Pandemie geprägt sein wird. Die Menschen in systemrelevanten Berufen, die ihre Gesundheit in den Dienst der Allgemeinheit stellen, erwarten, dass dem Applaus auf den Balkonen entsprechende finanzielle Maßnahmen folgen. Familien mit kleinen Kindern, besonders Mütter, hoffen, dass den Monaten ihrer extremen Überlast aufgrund geschlossener Kitas, Schulen und Vereinen ein nachhaltiger Aufbau durch eine aufsuchende Kinderbetreuung, etwa durch entsprechend vorbereitete Studierende, folgt, die Zeit bis zu einer weiteren Pandemie genutzt wird, um digitalen Unterricht flächendeckend vorzubereiten und alle Kinder mit Tablets oder Computer auszustatten. Der Vertrauensvorschuss einiger gesellschaftlicher Gruppen ist also riesig, die Erwartungen sind entsprechend hoch. Es muss alles getan werden, dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen. Wir brauchen das soziale Schmiermittel, heute wie in Zukunft. Sehr.

Betrachten wir das Vertrauen näher. Der eben beschriebene Vertrauensvorschuss richtet sich an ganz unterschiedliche Träger des Vertrauens. Viel geschrieben wurde über das Institutionenvertrauen, in die Regierung oder die Gerichte. Es hat unter Corona kaum gelitten, im Gegenteil: Die Institutionen haben an Vertrauen gewonnen. Die Menschen haben sich festgehalten an diesen Pfeilern. Gleiches gilt für das Kontextvertrauen, eine Art verräumlichtes soziales Kapital, welches für die nachbarschaftliche Unterstützung beim Umgang mit Krisen sehr wichtig ist. Zumindest in den Anfangswochen von Corona häuften sich Bekundungen, dass viele Menschen ihre Nachbarschaften erstmals richtig kennengelernt haben, näher zusammengerückt sind, einander geholfen haben.

Eine dritte Dimension des Vertrauens hat am meisten gewonnen: Das partikulare Vertrauen in Familie, Freunde und gute Bekannte - das "kleine Wir". Schon vor der Krise war diese Form des Vertrauens sehr hoch, und zwar durchgängig in allen sozialen Kreisen. Während Corona wurde es weiter gestärkt durch die Verlagerung vieler Tätigkeiten in den kleinen Kreis der Familie. Es hat auch gewonnen durch einen dichteren Kontakt zu vertrauten Kolleginnen und Kollegen, mit denen man nun virtuell zusammenzuarbeiten hatte oder sich in Schicksalsgemeinschaften in der Präsenzarbeit verbunden sah. Den "kleinen Wirs" geht es meist gut.

Ganz anders stellt sich das generalisierte Vertrauen zu uns unbekannten Menschen dar, das "große Wir". Dieses war schon vor Corona weit weniger vorhanden und in der Gesellschaft sehr ungleich verteilt. Gerade die Bildung macht einen großen Unterschied. Gut gebildete Menschen haben viel öfter ein generalisiertes Vertrauen als Menschen mit niedriger Bildung, was wohl auch damit zu tun hat, dass sie sich viel stärker als bildungsarme Menschen Fremden aussetzen und sich von Fremden akzeptiert fühlen. Gut gebildete Menschen haben zudem meist diversere Netzwerke, darunter zu Menschen, die sie nur über andere Menschen kennen. Robert Putnam spricht von einem "bridging social capital", welches das "bonding social capital" ergänzt. Es geht ihm um Nähe und um Brücken für die Menschen hinein in ganz andere Netzwerke Das generalisierte Vertrauen braucht diese Brücken, braucht fremde Welten. Nur wenn sich die vielen "kleinen Wirs" miteinander verbinden, kann das hypothetisch Erwartbare entstehen, formt sich gesellschaftlicher Zusammenhalt. Nur dadurch lassen sich, ganz im Sinne der Kontakthypothese von Gordon Allport, Vorurteile und Vorbehalte abbauen. So erst entsteht Vertrauen, und damit die Grundlage der Zivilgesellschaft.

Die Pandemie aber entzieht dem "großen Wir" Kraft, das generalisierte Vertrauen leidet. Wer schon hat in den vergangenen Monaten völlig unbekannte Menschen getroffen? Digitale Formate taugen wenig für zufällige Begegnungen. Das Problem, das sich bereits vor der Krise angedeutet hat, verschärft sich nun, vor allem eben für die Gruppe der bildungsarmen Menschen. Es sind die Kinder aus bildungsarmen Familien, die unter den Einschränkungen im Schulbereich besonders zu leiden haben. Die allemal großen Unterschiede im Bildungsstand von Kindern nach sozialer Herkunft werden noch größer. Und damit auch die Unterschiede im generalisierten Vertrauen. Hier einen Ausgleich zu schaffen, ist besonders wichtig. Genauso wie jetzt zu planen, wie man besser durch die nächste Krise kommt.

Vertrauen in Vereinbarkeit Neben den unterschiedlichen Dimensionen von Vertrauen sollten wir auch die Lebensbereiche sauber voneinander trennen. Unsere Daten zeigten schon vor der Pandemie, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie grundsätzlich hinterfragt wird. Die Menschen wissen: Hat man Kinder, so muss man die eigenen Belange, auch beruflichen Erfolg, hintanstellen. Der einzige Freiheitsgrad ist die Entscheidung, ob man überhaupt Kinder haben möchte. Die Krise hat wie in einem Brennglas gezeigt: Familien mit kleinen Kindern, insbesondere aber Mütter, mussten ihre Erwerbstätigkeit besonders einschränken. Wir werden sehen, ob dies zu sinkenden Geburtenraten führen wird. Das Vertrauen in die Vereinbarkeit müssen wir in jedem Fall schnell herstellen. Dies geht nur zusammen mit den Vätern und einer Arbeits- und Sozialpolitik, die entschlossen auf Gleichberechtigung setzt.Jutta Allmendinger

Die Autorin ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Im März erschien Ihr Buch "Die Vertrauensfrage" (mit Jan Wetzel) im Dudenverlag.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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