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China
Christiane Kühl
Testen und tracken gegen die Seuche

Nach erneutem Ausbruch ist das Land von echter Normalität weit entfernt

Gerade einmal 14 Tage währte die neue alte Freiheit in Chinas Hauptstadt Peking: Restaurants und Bars, Parks, Fitnessclubs und Schwimmbäder durften öffnen; die Maske war im Freien nicht mehr Pflicht. Doch dann gab es am 11. Juni das erste Mal seit 56 Tagen einen neuen Covid-19-Fall in der Stadt. Insgesamt sind es seither gut 330. Der erneute Ausbruch rund um den Xinfandi-Großmarkt für Lebensmittel im Südosten Pekings zeigt exemplarisch, wie fragil die Lage weiterhin ist.

Peking sperrte erst den Markt, dann angrenzende Wohnviertel, und erklärte dann den ganzen Distrikt zur Hochrisiko-Zone. Alle Schulen der Stadt mussten wieder schließen. Lokalpolitiker nannten die Lage "sehr ernst" - auch weil der erneute Ausbruch wie zu Beginn der Pandemie im zentralchinesischen Wuhan seinen Anfang auf einem Frischemarkt nahm. Xinfandi ist einer der drei größten Lebensmittel-Großmärkte Asiens, mit gewaltigem Umschlag und vielen Menschen. Niemand wusste, wie weit sich das Virus bereits im riesigen Vertriebsgebiet des Marktes verbreitet hatte. Wer Peking verlassen wollte, brauchte plötzlich einen negativen Covid-Test. "Dennoch ging anders als damals außerhalb der Hochrisiko-Gebiete das Leben weiter", sagt Wang Huiyao, Gründer der Pekinger Denkfabrik Centre for China and Globalisation. Das Wissen über das Virus sei trotz weiterer Unwägbarkeiten besser als zum Jahresanfang und erlaube einen "maßgeschneiderten Ansatz" bei neuen Ausbrüchen.

China hat große Angst vor einer zweiten Welle. Geöffnet hat sich das Land daher vorsichtiger als viele Staaten im Westen. Auf neue Cluster wie jenen in Peking wird lokal stets streng reagiert. So war es auch, als im Frühjahr infizierte chinesische Heimkehrer von Russland aus in den Grenzort Suifenhe gelangten - und dort für einen Lockdown sorgten. Den meisten Ausländern ist die Einreise weiterhin verwehrt. Nur einmal pro Woche darf es eine Flugverbindung zwischen China und einem anderen Land geben.

Auch wenn die Menschen der Epidemie allmählich müde werden, unterstützt die gesundheitsbewusste Bevölkerung generell die Maßnahmen. Auch nach dem Ende der Maskenpflicht im Freien trug in Peking fast jeder eine Maske.

Der durch Covid-19 in China entstandene wirtschaftliche Schaden ist wie überall groß: Die Wirtschaftsleistung ging im ersten Quartal um 6,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Erst im Mai meldeten manche Branchen wieder ein positives Monatswachstum. Viele kleine Geschäfte und Lokale in Peking sind noch immer verrammelt - niemand weiß, ob die Besitzer einfach anderswo ausharren oder längst pleite sind. Büros und Fabriken gingen dagegen relativ früh wieder an den Start - mit weniger Schichten, Rotationsprinzip am Arbeitsplatz und Temperaturmessungen am Eingang. In der Autoindustrie liefen bereits Mitte Mai die Fabriken wieder weitgehend normal. Etwas später folgte der Einzelhandel, dann Restaurants und Bars.

Ministerpräsident Li Keqiang sagte Ende Juni mehr finanzielle Unterstützung vor allem für kleinere Unternehmen und arbeitsintensive Branchen zu. Städte fördern den Konsum etwa durch neue Konzepte für Einkaufsbummel in den Abendstunden. Der Staatsrat will bis Jahresende das Genehmigungsverfahren für neue Start-ups auf vier Tage verkürzen.

Konsequente Datensammlung Flankiert wird die Öffnung in China durch viele Tests, Datensammlungen und konsequentes Tracking von Kontakten der Infizierten. Nach dem Xinfandi-Ausbruch testete Peking sofort Mitarbeiter und Anwohner des Marktes, in den Folgetagen Dienstleister in der ganzen Stadt: Kellner, Friseure, Essenskuriere, Bankmitarbeiter, Taxifahrer. In Windeseile entstanden neue Teststationen und Labors, die seither insgesamt gut zehn Millionen Pekinger testeten. Viele Läden dürfen nur Kunden hineinlassen, die auf der Tracking-App "Health Kit" als unbedenklich eingestuft werden. Ein Miniprogramm des Staatsrats weist die Risikostufe jedes Wohnviertels landesweit aus, die sich aus den Fällen pro Einwohner in den vergangenen 14 Tagen ergibt. Damit können Maßnahmen schnell angepasst werden: Wohnanlagen haben meistens einen Zugang, der sich leicht kontrollieren lässt.

In der Provinz Anhui steckte ein Landkreis noch im Juli Ankömmlinge aus Peking für zwei Wochen in Quarantänehotels. "Die Nachbarn fürchten sich sogar vor unseren Möbeln", berichtet eine Einheimische, deren Umzugsgut gerade aus Peking in ihrem Dorf angekommen ist.

In Peking, wo es inzwischen sehr heiß ist, bleiben die Schwimmbäder noch immer zu; viele Gasthäuser in den Bergen des Umlands haben seit Xinfandi wieder geschlossen. Von einer echten Normalität ist China noch weit entfernt.

Die Autorin ist Korrespondentin in Peking.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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