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Kenia
Bettina Rühl
Doppelte Heimsuchung

Das Land kämpft neben Corona gegen eine schwere Heuschreckenplage

Christine Awour Omondi schlägt den Vorhang zur Seite, der ihr Bett von dem kleinen Wohnbereich in der Wellblechhütte trennt. Die 39-jährige Kenianerin hat die vertraute Stimme der Sozialarbeiterin Rose Omia gehört, die für eine deutsche Hilfsorganisation arbeitet. "Wie geht es Dir?", fragt Omia, und ist zufrieden, als ihr Blick auf zwei Frischhalteboxen fällt, die auf dem Couchtisch stehen. "Die Nachbarn haben mir Essen gebracht", bestätigt Omondi. Sie lebt in Mathare, einem der größten Slums der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Seit ihr nach einem Unfall das rechte Bein am Oberschenkel amputiert werden musste, kann sie den Lebensunterhalt für sich und ihre drei Kinder nicht mehr verdienen. Ihr Mann ist schon vor elf Jahren an den Folgen von HIV/Aids gestorben, sie selbst wurde wenig später positiv getestet. Durch die Corona-Pandemie ist ihr Leben noch schwerer geworden.

Wegen der Maßnahmen im Kampf gegen das Virus liegt das öffentliche Leben in Kenia und anderen ostafrikanischen Staaten weitgehend still, viele haben kein Einkommen mehr. Das gilt vor allem für Tagelöhner, von denen viele in den Slums leben. Auch der Tourismus des Landes ist am Ende, das Gaststättengewerbe, der Handel sind stark reduziert. "Diejenigen, die ich früher um Unterstützung bitten konnte, haben jetzt selbst nichts mehr", sagt Omondi.

Dabei ist die Gesamtzahl der bekannten Corona-Infektionen in Kenia mit 11.252 Fällen (Stand 17. Juli) deutlich geringer, als zunächst befürchtet. 209 Menschen sind an oder im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben, bei einer Bevölkerung von rund 50 Millionen. Allerdings steigen die Fallzahlen inzwischen stark an. Der Statistik-Professor Gichuhi A. Waititu erwartet den Höhepunkt der Pandemie in Kenia für frühestens September.

Die Zahl der Tests ist vergleichsweise niedrig, mit einer hohen Dunkelziffer ist zu rechnen. Aber ein massives Ansteigen der Sterblichkeit bliebe nicht unbemerkt. Womöglich zeigt ein sehr hoher Anteil der Corona-Infizierten keine Symptome, zumal die Gesellschaft sehr jung ist. Andererseits sind viele Menschen mangelernährt oder übergewichtig und haben Vorerkrankungen wie Diabetes, HIV oder Herz-Kreislauferkrankungen, die einen schweren Verlauf wahrscheinlicher machen.

Einer der Gründe für den zunächst recht flachen Verlauf der Kurve könnte in den schnellen Maßnahmen der kenianischen Regierung liegen. Schon zwei Tage nach dem Bekanntwerden der ersten Infektion am 13. März wurden Schulen und Universitäten geschlossen, sie werden erst im kommenden Jahr wieder öffnen. Wenig später wurden die Grenzen geschlossen, der Flugverkehr eingestellt, eine nächtliche Ausgangssperre verhängt und etliche weitere Maßnahmen getroffen. Einige Beschränkungen hat die Regierung wieder gelockert. Die Zwischenzeit hat sie genutzt, um die Testkapazitäten auszubauen und mehr Isolier- und Krankenhausbetten verfügbar zu machen. Viele Menschen halten aber inzwischen die wirtschaftlichen Folgen der Maßnahmen zum Kampf gegen Corona für weit schlimmer als das Virus selbst.

Dabei versuchte die Regierung die Bevölkerung und Unternehmen zu unterstützen. Sie reduzierte den Steuersatz und senkte den Mehrwertsteuersatz um zwei Prozent. Das alles, obwohl sie wegen ihrer hohen Verschuldung schon vor der Krise kaum finanziellen Spielraum hatte. Jetzt kommen noch die Steuerausfälle und andere Einnahmeverluste hinzu.

Bedrohte Landwirtschaft Darüber hinaus muss Kenia die schlimmste Heuschreckenplage seit 70 Jahren bewältigen. In den am stärksten betroffenen Landkreisen haben die Insekten nach Angaben der Behörden rund 5000 Quadratkilometer verwüstet, Hirse, Mais, Reis und Kaffeestauden, Gemüse und Obst vernichtet. Viele Weideflächen sind kahl gefressen, so dass das Vieh kein Futter mehr findet. Die Landwirtschaft ist in Kenia ein Schlüsselsektor und trug im vergangenen Jahr gut ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts bei. Tee, Obst, Gemüse und Blumen gehören zu Kenias wichtigsten Exportgütern. Infolge der Heuschreckenplage drohen deshalb auch die Deviseneinnahmen zurückzugehen

Die Corona-Pandemie erschwerte den Kampf gegen die gefräßigen Insekten zusätzlich, denn Lieferungen von Pestiziden und Ausrüstungen wurden zum Teil durch Bewegungsbeschränkungen und geschlossene Grenzen verzögert.

Cyril Ferrand von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) glaubt daher nicht, dass die Plage vor dem Ende des Jahres unter Kontrolle sein wird. Wegen der doppelten Heimsuchung durch Corona und die Heuschrecken bleibt die Lage in den kommenden Monaten für Millionen von Menschen in den Städten und auf dem Land äußerst kritisch.

Die Autorin ist freie Afrika-Korrespondentin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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