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Kaukasus
Thomas Franke
Zum Kampf bereit

In Berg-Karabach toben die schwersten Auseinandersetzungen seit Jahrzehnten

Irina hat ihren Geburtstag vergessen. Nicht verwunderlich in der Situation. Sie lebt in Stepanakert, der Hauptstadt von Berg-Karabach, an ihrem Geburtstag liegt diese unter Beschuss. "Wir schreiben gerade Geschichte", teilt sie öffentlich auf Facebook mit, "eine Geschichte, von der unsere Kinder und Enkelkinder mit Stolz berichten werden." Irina ist ein Kriegskind, geboren 1994 in einem Bunker unter Beschuss.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion streiten sich Aserbaidschan und Armenien über die Zugehörigkeit von Berg-Karabach. Das Gebiet mit 150.000 Einwohnern gehört völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan, wird aber hauptsächlich von Armeniern bewohnt. 1991 sagte es sich von Aserbaidschan los. Obwohl beide Länder 1994 einen Waffenstillstand geschlossen haben, bricht der Konflikt immer wieder auf, so auch vor zwei Wochen. Nachdem beide einander vorgeworfen hatten, die jeweils andere Seite beschossen zu haben, verhängten Armenien und Aserbaidschan das Kriegsrecht - im Ausland wächst seither die Sorge vor einer erneuten Eskalation im Kaukasus.

In Berg-Karabach sind quer über die satten grünen Täler Stahltrossen gespannt, um die Dörfer vor Hubschrauberangriffen zu schützen. Aus dem Boden wächst kein Getreide, die Felder sind vermint. Ein System aus Schützengräben umringt die Bergregion zum Schutz vor Aserbaidschan. "Bleiben Sie auf jeden Fall mit dem Kopf unten", raten die Kommandeure jedem Besucher, "sonst schießt Ihnen ein Scharfschütze in den Kopf." Scharfschützen gibt es auf beiden Seiten.

Immer wieder kam es in den vergangenen 25 Jahren zu Schießereien, immer wieder starben Soldaten. Der jetzige Wiederausbruch der Kämpfe war lange erwartet worden. Seit Jahren hatte Aserbaidschan seine Einnahmen aus Rohstoffgeschäften in Waffen investiert. Bereits im April 2016 sah es so aus, als hätte die nächste Schlacht um Berg-Karabach begonnen. Doch nach vier Tagen legten sich die Kämpfe wieder. Damals starben mehr als hundert Menschen.

Überall Minenfelder Der Armenier Karlen erinnerte sich gut an die Kämpfe. Eine Flucht nach Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, sei nicht infrage gekommen, erzählte er uns vor zwei Jahren. "Wir mussten hierbleiben, damit unsere Soldaten wissen, dass sie für uns kämpfen."

In der Nähe seines 2.000-Einwohner-Dorfes, 40 Kilometer von der Grenze entfernt, gibt es ein Minenfeld aus den 1990er Jahren, im Ort einen umzäunten Ehrenhain. 50 Soldaten liegen dort, darunter sein 1992 gefallener Großvater und der beste Freund seines Vaters, erschossen von einem Scharfschützen.

Familie statt Sicherheit Irina erzählte damals, dass Menschen aus Armenien trotz der Kämpfe zu ihren Familien nach Karabach gekommen seien. "Wir wollten zusammen sein", sagte sie. "Das ist mehr wert als Sicherheit an einem entfernten Ort. Ich muss wissen, was hier passiert. Ich kann das nicht erklären, vielleicht sind wir verrückt."

Trotz der permanenten Kriegsgefahr und des ungeklärten Status ging es in Berg-Karabach in den vergangenen Jahren ein wenig bergauf. Noch Anfang der 2000er Jahre kamen nur wenige Besucher in die Bergregion, und wenn, dann waren es meist Minenräumer oder Mitarbeiter internationaler Organisationen wie der OSZE, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Doch mit den Jahren öffneten Hotels, es kamen Touristen, überwiegend Armenier aus der Diaspora. Seit dem Genozid der Türken an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915 leben sie über die ganze Welt verstreut. Für viele von ihnen ist die Unterstützung Armeniens und der Aufbau und Schutz Berg-Karabachs selbstverständlich. An vielen Häusern, Straßen und Plätzen stehen Tafeln mit dem Namen der Geldgeber aus dem Ausland.

Auch der Erhalt der archäologischen Denkmäler ist den Menschen wichtig. Karlen zeigte uns 2016 die verfallene Kirche seines Dorfes: 500 Jahre alt, grobe graue Steine, Türen und Fenster fehlten. Karlen wollte sie wieder aufbauen, er hatte einen Marathon organisiert und Geld gesammelt. "Wir hatten 20.000 Euro zusammenbekommen. Aber dann kam der Aprilkrieg, und wir haben das Geld für Militärfahrzeuge und Waffen gespendet." In Berg-Karabach findet man nur schwer jemanden, der sich nicht kampfbereit gibt.

An der Front Während Irina in diesen Tagen, wenn das Internet funktioniert, Nachrichten aus dem Schutzraum in Stepanakert schickt, ist der Kontakt zu Karlen verloren gegangen. Sehr wahrscheinlich ist er an der Front, denn in Berg-Karabach und auch im Mutterland Armenien herrscht derzeit Generalmobilmachung.

Der Autor ist freier Osteuropa-Korrespondent.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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