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INSOLVENZ
Finn Mayer-Kuckuk
Absturz des FinTech-Überfliegers

Der Fall Wirecard ist nicht nur ein Bilanzskandal, sondern auch eine politische Affäre

Die Zutaten des Wirecard-Skandals klingen eher noch einem Thriller als nach der Realität. Ein Senkrechtstarter der Technikbranche, verschwundene Milliarden, die Beteiligung von Geheimdiensten, ein geflohener Manager und Vorwürfe der Nachlässigkeit gegen Finanzministerium und Kanzleramt. Die Handlung spielt nicht nur in den Korridoren des Berliner Regierungsviertels, sondern auch in Aschheim bei München, in Singapur, in Dubai, in Russland und auf den Philippinen. Weil die Geschichte jedoch trotz aller Fragezeichen die traurige Realität ist, versucht nun ein eigener Bundestagsausschuss, das Geflecht möglicher Verfehlungen aufzuarbeiten - zumindest in seinem Zuständigkeitsbereich.

Glanz für die Wirtschaft Wirecard war neben dem Corona-bedingten Wirtschaftsabsturz in diesem Jahr das zweite große Thema der Finanzwelt. Bis zum 22. Juni handelte es sich nach allen äußeren Maßstäben um eines der wichtigsten deutschen Unternehmen.

Als Teil des Deutschen Aktienindex Dax gehörte es in die Runde der 30 führenden Firmen des Landes. Es wies Milliardenumsätze aus und erfreute die Investoren mit immer höheren Gewinnen. Vor allem aber stützte es den Stolz der deutschen Wirtschaftswelt. Denn hierzulande sind erfolgreiche Technikfirmen selten - die sitzen vor allem in den USA und China. Auch die deutsche Finanzbranche wirkt auf viele Beobachter etwas verstaubt. Wirecard bot den fehlenden Glanz: Es war Technikunternehmen und Finanzdienstleister zugleich. Ein führendes "FinTech".

Doch bei der Mischung der Geschäftsfelder fingen die Probleme und möglichen Versäumnisse der deutschen Behörden bereits an. Weil die Wirecard AG eben keine Bank war, sondern nur eine kleine Bank als Nebengeschäft besaß, fühlte sich die deutsche Finanzaufsicht nicht für die Kontrolle der Dachgesellschaft zuständig. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) stufte die Wirecard AG als Internetunternehmen ein. Damit wäre nicht sie, sondern der Bezirk Niederbayern für die Aufsicht zuständig. Die Behörden dort kontrollieren auch Aschheim, obwohl es dicht an München liegt. Der brave Bezirk hatte jedoch allem Anschein nach nicht die nötige Erfahrung, um ein weltumspannendes Firmengeflecht zu durchschauen. Wie auch? Selbst professionelle Wirtschaftsprüfer sind daran gescheitert.

Zudem sind immer wieder konkrete Hinweise zwischen verschiedenen deutschen Behörden versandet. Die Wirtschaftsprüfer von Wirecard hatten sich mit einem Geldwäschehinweis an die Niederbayern gewandt. Diese hielten sich zeitweilig zwar für verantwortlich, haben aber keine wirksamen Ermittlungen folgen lassen. Zugleich hat die Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen (FIU) in Köln entsprechende Meldungen an das Landeskriminalamt in München weitergeleitet. Ebenfalls ergebnislos.

Was am 22. Juni 2020 geschah, traf die Finanzwelt daher zumindest vordergründig überraschend: Wirecard gab zu, dass 1,9 Milliarden Euro aus dem Firmenvermögen "nicht existieren". Die Habenseite der Bilanz war durch Buchgewinne in Kreisgeschäften künstlich aufgebläht. Der addierte Fehlbetrag ist seit der formalen Insolvenz auf 3,2 Milliarden Euro angewachsen. Die Riesengewinne des Unternehmens waren mehr oder minder frei erfunden - und damit auch die Grundlage des Aufstiegs in den Dax im Jahr 2018.

Schon zur Zeit des Dax-Aufstiegs verdichteten sich jedoch die Zweifel an der Solidität des Unternehmens. Es schien auch keiner das Geschäftsmodell zu verstehen. Wirecard bietet die technische Abwicklung von Kreditkartenzahlungen an. Wenn beispielsweise ein Amerikaner in einer Shopping-Mall in Malaysia etwas bezahlt, muss das Geld korrekt vom Sender zum Empfänger kommen. Eine Spezialität des Unternehmens war es, Kartenzahlung auf Webseiten zu ermöglichen. Insgesamt waren nach Firmenangaben 250.000 Händler angeschlossen, darunter Lidl und Aldi. Woher bei den Mini-Gebühren für die Kartenzahlung die irren Gewinne kommen sollten, die sich zudem alle paar Jahre verdoppelten, wusste aber letztlich keiner zu erklären.

Doch die Anleger vertrauten hier den Buchprüfern. Die US-Firma Ernst & Young gab den Bilanzen bis 2018 Jahr für Jahr ihren Segen. Ob die professionellen Prüfer sich wirklich durch die perfekte Kulisse, die Wirecard aufgebaut hatte, hinters Licht führen ließen, oder ob noch mehr dahintersteckt, ist nun Gegenstand von Ermittlungen. Schon Anfang 2019 berichtete die britische Zeitung "Financial Times" jedenfalls über Dinge, die so gar nicht zu den polierten Jahresabschlüssen passen wollten. In Singapur hatte sich schon im Jahr zuvor eine anonyme Quelle gemeldet, die von einem Finanzkarussell berichtete.

Was daraufhin in Deutschland passierte, wird Teil der Aufarbeitung durch den Untersuchungsausschuss sein. Die Fakten liegen auf dem Tisch, doch die Beweggründe muten zum Teil rätselhaft an. Die BaFin reagierte auf die schweren Vorwürfe, indem sie eine Untersuchung anleierte - mit der aber letztlich nur eine Person bei einem privaten Verein betraut wurde.

Stattdessen verbot die BaFin kritischen Investoren, auf fallende Wirecard-Kurse zu spekulieren. Dazu sei das Unternehmen zu wichtig. Deutsche Anleger interpretierten das als Hinweis, dass feindliche Kräfte in Singapur dem eigenen Star schaden wollten. Zugleich handelten BaFin-Mitarbeiter ihrerseits heftig mit der Aktie, wie die Behörde vor dem Finanzausschuss zugeben musste.

In der Folgezeit ist es dann nicht die BaFin, die ernsthaft versucht, das Geflecht von 56 Teilfirmen Wirecard zu durchschauen, sondern weiterhin die "Financial Times". Ein vermeintliches Wirecard-Partnerunternehmen auf den Philippinen stellt sich als Briefkastenfirma heraus. Gewinne am Standort Dubai sollen künstlich aufgebläht sein. Wirecard unterstellt den Journalisten im Gegenzug böse Absicht. Die Aktionäre zwingen das Unternehmen im Oktober 2019 dazu, eine unabhängige Sonderprüfung zuzulassen.

Merkel in China In Anbetracht des bereits aufkommenden Sturms um Wirecard wirkt es erstaunlich, dass Kanzlerin Angela Merkel sich noch einen Monat zuvor auf Besuch in Peking für das Unternehmen stark gemacht hatte. Die Erwähnung des Firmennamens durch die Kanzlerin im Gespräch mit chinesischen Würdenträgern ist ein Gütesiegel, das Wirecard zumindest im Rückblick keinesfalls verdient hatte. Der Lobbyist und ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hatte zuvor wohl darauf hingewirkt, Wirecard die Unterstützung der Regierung zu sichern. Wer zu welchem Zeitpunkt mit wem gesprochen hat, wird Thema des neuen Ausschusses sein. Die Opposition wirft Merkels Mitarbeitern vor, das Unternehmen nicht sorgfältig geprüft zu haben. Ein Blick in die Presse hätte gereicht, um Zweifel zu bekommen.

Ein Vorstandsmitglied des Unternehmens wurde gerade in dieser Zeit besonders aktiv: Jan Marsalek, heute 40 Jahre alt, geboren in Wien. Er soll einen guten Teil der finanziellen Kreisgeschäfte organisiert haben, wie Wirtschaftsmedien berichten. Als die Vorwürfe sich verdichteten, aktivierte er zahlreiche Kontakte - offenbar, um seinen Einfluss zu verschleiern. Was ihm wirklich vorzuwerfen ist, werden hoffentlich einmal Gerichte entscheiden. Er hatte möglicherweise Kontakt zu mehreren Geheimdiensten: dem russischen Diensten GRU und FSB, dem Bundesnachrichtendienst und österreichischen Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT). Auch mit den philippinischen Sicherheitskräften soll er zusammengearbeitet haben, außerdem prahlte er mit Beziehungen zum Mossad. Das berichten das "Handelsblatt", die "Süddeutsche Zeitung" und weitere Medien.

Marsalek setzte sich schon vier Tage vor dem 22. Juni 2020 ab, als alles aufflog, und wird heute per Haftbefehl gesucht. Vor seinem Verschwinden soll er Reste des Firmenvermögens in Form von Digitalwährungen nach Russland vorausgeschickt haben, wo er sich den Berichten zufolge auch jetzt noch aufhält - von den Sicherheitsbehörden gedeckt.

Wirecard war schon seit seiner Gründung im Jahr 1999 immer wieder umstritten. An einer Stelle der Firmengeschichte überlebte das Unternehmen nur, weil es zum Zahlungsdienstleister der Glücksspiel- und Pornobranche im Netz wurde. Schon 2008 kamen Zweifel an der Qualität der Bilanz auf. Die Bafin und FIU als Behörden des Finanzministeriums haben es nicht geschafft, zahlreichen vorliegenden Hinweisen nachzugehen. Auch die Selbstkontrolle der Wirtschaft in Form von Aktionärsrechten und Bilanzprüfungen hat versagt.

Einen Wirtschaftsskandal, der ein dermaßen schlechtes Licht auf so viele Institutionen wirft, hat es in Deutschland lange nicht gegeben. Der Finanzminister verspricht nun eine Generalüberholung der Finanzaufsicht, die auch darauf eingeht, dass Geld immer digitaler wird. Die Börse prüft die Regeln, die einem Unternehmen den Aufstieg in den Dax ermöglichen, und die Branche der Wirtschaftsprüfer geht in sich, um bessere Regeln für den Check der Bilanzen zu erarbeiten.

Die interessantesten Informationen wird der Ausschuss jedoch voraussichtlich bei der Aufklärung der Verquickung Wirecards mit den Geheimdiensten zutage fördern. Hier wird der reale Thriller noch eine Weile weitergehen.Finn Mayer-Kuckuk

Der Autor ist freier Journalist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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