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Aufgekehrt
Claus Peter Kosfeld
Die Macht des Titels

Das Fräuleinwunder war in den 1950er Jahren ein echter Hit. Ohne die adretten Blondinen hätten sich die US-Besatzer vermutlich weniger liebevoll um das westdeutsche Trümmerfeld gekümmert. Dass die Damen heute nicht mehr Fräulein genannt werden wollen, hat mit dem abwertenden Teil des Titels zu tun. Fräulein klingt ja auch wie eine Mischung aus Göre und Hausfrau, auf jeden Fall irgendwie naturblöd. War ja klar, dass der bemühte Versuch, Politikerinnen in der Männertradition nachrücken zu lassen, trotz Julia Klöckner scheitern musste. Demzufolge wurde letztmals Steffi Graf auf den Fräuleinwunder-Podest gehoben, das blonde Fallbeil der deutschen Sportwelt.

Manchen fällt der Abschied von der liebgewonnenen Anrede freilich schwer. Das Amtsgericht Frankfurt/Main ließ vor einiger Zeit eine junge Mieterin auflaufen, die sich dagegen gewehrt hatte, dass ihre betagten Vermieter sie als Fräulein titulieren. Eine Ehrverletzung oder Beleidigung berge der Zusatz Fräulein nicht, urteilte das Gericht, wie eine Bausparkasse jetzt mitteilte, zumal vor einigen Jahren erst eine Frauenzeitschrift mit dem Titel "Fräulein" erschienen sei. Im Übrigen pflegten Hochbetagte eben einen anderen Wortschatz.

Genau, außerdem gibt es das Männlein auch noch, und das ist weniger niedlich. Die Älteren dürfen jetzt mal tapfer mitsingen: "Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm, es hat vor lauter Purpur ein Mäntelein um." Wir ehemals kleinen Jungs hätten allen Grund, das Kinderlied in die Tonne zu treten, denn der Hintergrund des Rätsels ist ja offenkundig sowas von unzüchtig. Von wegen Fliegenpilz oder Hagebutte, gemeint ist wohl der Vatikan.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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