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Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

"Nein" - in Europa und in der Welt geht kein Gespenst um. Ob es sich um die Gelbwesten in Frankreich oder um die Demokratiebewegungen in Hongkong und in Belarus handelt - Armin Nassehi stuft sie allesamt als "Demokratiegeneratoren" ein. Bekannt wurde der Münchner Soziologe durch seine Studien über die digitale Gesellschaft. In Medien und Politik ist er ein gefragter Gesprächspartner.

Nassehis jüngstes Buch beschäftigt sich mit der Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protestes. Damit beweist er einmal mehr, dass er nah am Puls der Zeit ist, denn die Ungeduld vieler Menschen im Zuge der Corona-Pandemie liegt offen zutage. Seine empfehlenswerte Analyse wird von der Wirklichkeit übertroffen: Rechtsradikale und Reichsbürger, Impfgegner und Esoteriker sowie die Anhänger diverser Verschwörungstheorien finden sich zusammen, um gemeinsam gegen die Maskenpflicht und die demokratischen Zumutungen der Pandemie zu protestieren. Dass sich Teilnehmer der Proteste vor der russischen Botschaft mit "Putin, Putin"-Rufen hervortaten, muss man angesichts der tatsächlichen Unterdrückung der demokratischen Opposition in Russland nicht verstehen. Immerhin erklärt dieses Verhalten, warum sie anschließend versuchten, den Bundestag zu stürmen. Auch wenn diese Demonstranten nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung ausmachten, rät Nassehi dazu, die Proteste ernst zu nehmen als "Seismograf, der ein Unbehagen anzeigt".

Nassehi beschreibt zudem die Funktion des Protestes in der Gesellschaft. Obwohl er die Demonstrationen gegen Flüchtlinge und die Klimaproteste im Zusammenhang analysiert, setzt er linken und rechten Protest nicht gleich. Wie die Entwicklung auf der politischen Rechten deutlich zeige, könne dieser sich auch gewaltsam entladen. Die gewaltsamen Aktionen beim G7-Gipfel in Hamburg thematisiert er allerdings nicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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