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Gastkommentare - Pro
Henrike Roßbach
Höchste Zeit

Parität erzwingen?

F rauen sind keine Minderheit, sie stellen die Hälfte der Bevölkerung. Trotzdem sind sie in vielen Kernbereichen des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens heillos unterrepräsentiert. Besonders schmerzt das bei den Parlamenten. Im Bundestag liegt der Frauenanteil derzeit bei tristen 31,7 Prozent, niedriger noch als in der vorherigen Wahlperiode. Darüber können auch eine Kanzlerin, diverse weibliche Parteivorsitzende und zwei amtierende Ministerpräsidentinnen nicht hinweg trösten.

So schwierig und verfassungsrechtlich vertrackt die Sache auch ist: Es muss sich etwas ändern. Ein Paritätsgesetz und paritätisch besetzte Wahllisten wären ein Anfang. Und gut hundert Jahre nachdem die Frauen das Wahlrecht für sich erstritten haben, wäre es höchste Zeit, anzufangen. Frauen wollen nicht mehr warten und vertröstet werden, sie wollen die Hälfte von allem, vor allem aber die Hälfte der Macht.

In einem Bundestag, der zumindest mit Blick auf die Geschlechter ein realistischeres Abbild der Gesellschaft wäre, würde anders debattiert und entschieden - über Abtreibung, Frauenquoten, Vätermonate oder Ganztagsschulen. Der weibliche Blick auf die Welt hätte endlich mehr Gewicht.

Natürlich reicht das nicht. Gefragt sind vor allem auch die Parteien. Sie müssen Frauen für sich gewinnen, auch als Mitglieder. Mit familientauglichen Sitzungsterminen, mit Offenheit statt Männerseilschaften, mit fairen Chancen auf aussichtsreiche Posten und Listenplätze - und einem klaren Nein zum Altherren-Witz.

Ja, am Ende müssen Frauen natürlich auch die Hand heben und sich trauen. Ein Paritätsgesetz würde ihnen das nicht abnehmen. Aber es würde sie ermutigen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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