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Ortstermin: Schau-Werkstatt im Mauer-Mahnmal
Claudia Heine
Die Quadriga zieht in den Bundestag

Der Bundestag hat schon viele renommierte Künstler für Ausstellungen gewinnen können. Aber diese ist wirklich außergewöhnlich. Denn hier geht es nicht um prominente Schöpfer, hier steht vor allem ein prominentes Objekt im Mittelpunkt. Es wird auch nicht einfach ausgestellt, nein, an ihm wird noch fleißig herumgewerkelt. Und genau das können sich die Besucher in den kommenden zwei Jahren ansehen: Im Mauer-Mahnmal des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses stellen die Mitarbeiter der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin nämlich unter den Augen der Öffentlichkeit das historische Gipsmodell der Quadriga vom Brandenburger Tor wieder her. Zusätzlich zu der Schau-Werkstatt ist in den Räumen bis zum Herbst 2022 eine Ausstellung mit historischen Aufnahmen zur Geschichte der Quadriga zu sehen.

Und diese Geschichte ist durchaus abwechslungsreich: Die aus Kupferblech gefertigte Quadriga ("Vierergespann") auf dem Brandenburger Tor wurde 1793, zwei Jahre nach der Fertigstellung des Brandenburger Tors, von Johann Gottfried Schadow angefertigt. Ursprünglich sollte die Figur auf dem Wagen die Friedensgöttin Eirene darstellen. Nachdem die Quadriga 1806 von Napoleon nach Paris entführt worden war, wurde sie 1814 unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit wieder nach Berlin zurückgeholt. Die Figur wurde umgedeutet und stellte fortan die römische Siegesgöttin Viktoria dar. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie fast vollständig zerstört und Mitte der 1950er Jahre, zu Hochzeiten des Kalten Krieges, wurden Brandenburger Tor und Quadriga in einer Kooperation zwischen Ost- und West-Berlin wieder restauriert.

Ihre Zerstörung vorhersehend, ließen die Nationalsozialisten schon 1942 Gipsabformungen der Skulptur herstellen, aus denen dann 1957 jene Positiv-Formen hergestellt wurden, die bis jetzt, fern der Öffentlichkeit, in Depots lagerten. "Das Großartige ist, dass diese jetzt aus all den Depots zusammengetragen, inventarisiert und restauriert werden. In zwei Jahren werden wir dann eine Eins-zu-Eins-Gestalt der Quadriga hier vor der Mauer sehen", freute sich Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Bundestages, anlässlich der Eröffnung der Schau-Werkstatt Ende Oktober.

Miguel Helfrich , Leiter der Gipsformerei, hob hervor: "Jedes Kunstwerk verändert sich. Bei der Quadriga ist es extrem, weil sie eine sehr wechselvolle Geschichte hat. Und diese verschiedenen historischen Zustände können wir dokumentieren." Einfach ist diese Rekonstruktion keineswegs, wie der Gipsformer Timo Klöppel während der Arbeit an der Speiche eines Wagens betont: "Es gibt natürlich mehrere Speichen. Wenn wir eine zusammenkriegen, sind wir schon ganz froh, um die dann vielleicht reproduzieren zu können."Claudia Heine

Aus Politik und Zeitgeschichte

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