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Gastkommentare - Contra
Hans Monath
Das Bündnis pflegen

Muss Europa unabhängiger werden?

I n Berlin war die Schockstarre über das starke Abschneiden von Donald Trump bei der Präsidentenwahl noch nicht gewichen, da zogen viele deutsche Politiker schon eine Lehre aus dem dramatischen Geschehen in den Vereinigten Staaten. Europa müsse gegenüber der USA selbstständiger werden, verkündeten sie. Dieses Ziel war schon vor der US-Wahl richtig, und es kann nur besser werden, wenn sich diese Einsicht in allen EU-Staaten noch stärker durchsetzt. Denn nicht nur Trump propagiert den Rückzug der USA auf sich selbst.

Doch man sollte genau hinhören. Denn manche Ratgeber reden nicht nur der Souveränität Europas das Wort, sondern einer Abkoppelung von den USA. Und damit wird es schwierig. Denn auf dem Weg zu einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik hat die EU zwar Fortschritte gemacht, aber längst nicht jene Einigkeit und Handlungsmacht erreicht, die ihrem wirtschaftlichen Gewicht entspricht. Auf den militärischen Schutz der USA wird Europa noch lange angewiesen sein. Deshalb ist es klug, mehr für die eigene Sicherheit zu tun, aber unklug, das transatlantische Bündnis nicht auch dann zu pflegen, wenn es schwierig wird. Auch wenn die Hälfte der Amerikaner Trump wählten: In einer Welt voller Autokraten verbinden Europa und die USA westliche Werte.

Wer als Deutscher will, dass Europa seine Sicherheit in die eigene Hand nimmt, muss mehr in diese Sicherheit investieren und darf eigene Standards nicht absolut setzen - weder bei Einsatzregeln für EU-Missionen noch beim Rüstungsexport. Dann kann Europa in der Welt stärker werden - nicht als Gegengewicht zu den USA, sondern als Partner, der ernster genommen wird als heute.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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