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Gastkommentare - Contra
Guido Bohsem, Neue Berliner Redaktionsgesellschaft
Keine Steigerung

Mehr Vertrauen ins Organspende-System?

P arlamentsfernsehen ist immer dann spannend wie ein Krimi, wenn der Bundestag sich darauf verständigt, den Fraktionszwang aufzuheben. Das Plenum lebt auf, wenn nicht nur Fachpolitiker zur Sprache kommen, sondern auch andere mit ihren persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen aus den Wahlkreisen.

Schon in den Wochen zuvor hat sich gezeigt: Das Thema Organspende bewegt auch das ganze Land. Es zwingt zu Argumenten und zum Respekt für die Meinung des Andersdenkenden. So ein ziviler Streit wirkt Wunder für die Demokratie. Solche Debatten versöhnen eine murrende Gesellschaft wieder mit der Politik und ihren Akteuren, gerade auch, wenn sie von Politikern angestoßen werden, die dabei eine Niederlage in Kauf nehmen - in diesem Fall von Gesundheitsminister Jens Spahn.

Einen großen Nachteil hat die vom Bundestag getroffene Entscheidung dennoch: Sie wird die Zahl der Organspenden nicht maßgeblich steigern. Das liegt nur zum Teil daran, dass sich das Parlament gegen die von Spahn befürwortete Widerspruchslösung ausgesprochen hat. Zwar hätte dieser Ansatz die Zahl der potenziellen Spender deutlich erhöht, doch eben auch den Widerstand gegen einen solchen staatlichen Zwang befördert und damit das System der Organspende einer beständigen Diskreditierung ausgesetzt, gegen die es wegen früherer Skandale ohnehin zu kämpfen hat.

Der vereinbarte Kompromiss hingegen zwingt niemanden dazu, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was nach dem eigenen Tod geschieht, und ob man das eigene Unglück nicht vielleicht doch in einen Akt der Nächstenliebe verwandeln sollte. Das Thema bleibt spannend, und die nächste Organspende-Debatte kommt bestimmt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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