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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Die Pragmatische: Petra Sitte

I m Büro von Petra Sitte steht eine Lampe, die auf Bewegung reagiert. Eigentlich leuchtet sie ständig. "Die bioethischen Debatten bringen mich zuweilen um den Schlaf", sagt die Vizefraktionsvorsitzende der Linken und beugt sich vor. Durch das politische Leben der Hallenserin mit den kurzen, nach hinten frisierten Haaren zieht sich ein roter Faden: die Perspektiven von Betroffenen einzunehmen, zumindest als Ziel. Für Sitte heißt das, dass sie den Umgang mit Erkrankten sucht, mit dem Tode Geweihten, die über Sterbehilfe nachdenken und mit jenen, die aushalten, auf Organe warten.

Es ist Mittwoch, einen Tag vor einer wichtigen Abstimmung im Bundestag. Sitte gehört zu den Initiatoren eines Fraktionen übergreifenden Gesetzentwurfs, nach dem die Organspende mit einer Widerspruchsregelung reformiert werden soll; ab 16 Jahren soll einer Organspende ausdrücklich widersprochen werden - wenn nicht, kann transplantiert werden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) werben mit Sitte dafür, während zum Beispiel die Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock einen auf Freiwilligkeit setzenden Entwurf formuliert.

"Es gibt einen Leidensdruck im System", fasst Sitte ihre Gespräche mit Betroffenen zusammen. Dabei schließt sie die Augen, gestikuliert aber mit beiden Armen in der Luft. "Wir haben in Deutschland eine große Gruppe potenzieller Spender und 10.000 Menschen, die auf ein Organ warten. Und während 84 Prozent der Deutschen einer Organspende aufgeschlossen gegenüberstehen, haben nur 36 Prozent einen Spenderausweis." Fazit: Es warten Leidende auf die Entscheidungen der großen Gruppe, "das schränkt das Selbstbestimmungsrecht der kleinen Gruppe ein - und da greift die Schutzfunktion des Staates." Die Lampe leuchtet weiterhin.

Sitte ist eine Veteranin. Seit 1990 saß die Ökonomin, welche über sozialistische Produktionsverhältnisse promoviert hatte, 15 Jahre lang im Landtag von Sachsen-Anhalt, bis 2004 als Fraktionschefin. 2005 dann der Wechsel in den Bundestag. Ihre Mitarbeiter im Büro nennt sie "Kollegen", sucht Augenhöhe. Aus den anderen Fraktionen hört man Respekt für ihre Arbeit und ihren Umgang heraus.

Vor der Abstimmung am Donnerstag zeigt sie Bammel. Das Land sei so mit sich selbst beschäftigt, die vielen Vereinzelungen, "immer zuerst icke, heißt die allgemeine Parole". In den Debatten über die Organspende habe sie zuweilen wahrgenommen, wie Gegenstimmen die eigene Perspektive nicht verlassen würden, "eben ein 'über meinen Körper bestimme ich'". Dem anderen Gesetzentwurf bescheinigt sie, zu wenig zu liefern, um das Problem der mangelnden Organspenden anzugehen. "Auf den Bürgerämtern sollen die Beamten dann dafür werben? Sowas fällt runter, wenn 30 Leute hinter mir warten."

Einige Jahre lang zähmte sie die widerspenstige Fraktion der Linken als Erste Parlamentarische Geschäftsführerin. Ist sie härter im Umgang geworden? "Nein, ich höre mit höherer Sensibilität hinein, bin gelassener geworden." Sitte ist eine Politikerin, die ihre Fachthemen liebt. Netzpolitik. Wissenschaft. Für die erste Reihe wird sie schon ab und zu gehandelt. "Ich bin keine Rampensau, sondern mehr fürs Florett", wiegelt sie ab. Da bleibe sie lieber bei ihren Kernkompetenzen. Die Stehlampe hinter ihr geht aus.

Am Donnerstag dann die Debatte und Abstimmung im Bundestag. Nur 292 Stimmen holt der Entwurf, für den sich Sitte stark macht, 379 Stimmen sind dagegen. Aus dem Reichstag heraus ruft Sitte mittags an. "Die Entscheidung finde ich tragisch." Ihre Stimme klingt enttäuscht, "das muss sich erstmal setzen". Vorerst bleibe der Eindruck, das Mitgefühl mit den Betroffenen habe auf den Bundestag nicht durchgeschlagen.

Sitte stockt für einen Moment. Dann gewinnt die Pragmatikerin in ihr Oberhand. Nun werde man sehen, was die beschlossene moderate Reform bringt. "Und in zwei, drei Jahren kann man überlegen, ob wir die Widerspruchslösung in der nächsten Legislatur wieder vorschlagen werden." Draußen scheint die Wintersonne hell und fahl zugleich.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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