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Thomas Gesterkamp
Kurz rezensiert

In Corona-Zeiten wurde Digitalisierung endgültig zum Zauberwort. Ob im Homeoffice oder im Homeschooling, virtuelle Kommunikation scheint der Schlüssel zur Bewältigung der Krise. Marie Luise-Wolff, Vorstandvorsitzende des Darmstädter Energieversorgers Entega und Präsidentin des Branchenverbandes, will diesen Mythos entzaubern. Von einer "Superideologie" spricht sie im Untertitel ihres Buches "Die Anbetung". Sie kritisiert die Erosion der analogen Kommunikation durch digitales Multitasking, schildert die Entstehung der großen Internetkonzerne und die "Geldverbrennung" im Silicon Valley. Sie beschreibt Konsumenten, die "zum Instrument von Algorithmen" werden, moniert die Anhäufung persönlichster Informationen bei den virtuellen Dienstleistern.

Wolff ist keine Maschinenstürmerin, sie kennt sich aus in der Welt, über die sie berichtet. Sie war bei großen Firmen wie Sony und Eon, für ein Jahr auch Chefin des Energiediscounters "E wie einfach", der seine Angebote für "smart" gesteuerte Wohnungen selbstverständlich im Netz verkauft. Die Managerin leugnet die Vorteile des Digitalen keineswegs, warnt aber vor wachsender Machtkonzentration und den psychologischen Folgen einer durchdigitalisierten Welt. Entstanden ist so kein technisches oder ökonomisches Fachbuch, eher eine inhaltlich breit aufgestellte Streitschrift.

Am Ende stehen Vorschläge zur Problemlösung, gesellschaftlich wie privat. Die hier präsentierten Ideen sind nicht alle originell, das Verbot der Speicherung sensibler Nutzerdaten etwa wird schon lange diskutiert, ebenso die Forderung nach einer stärkeren Besteuerung von Amazon oder Apple. Der wichtigste Rat der Autorin für den alltäglichen Umgang mit dem Digitalen ist simpel: "Beenden Sie die Macht ihres Smartphones. Nehmen Sie es nicht überall mit hin. Es verändert jede Gesprächssituation, selbst wenn es nur stumm auf dem Tisch liegt."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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