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Thomas Brey
Kurz REZENSIERT

Josip Broz Tito (1892-1980) ist unbestrittenen einer der ganz großen Akteure neuerer europäischer Geschichte - ganz gleich, ob man ihn negativ oder positiv interpretiert. Er führte seine Partisanen zum Sieg über Hitler, gründete das kommunistische Jugoslawien und war Initiator und führender Repräsentant der Blockfreien-Bewegung.

Die Münchener Historikerin Marie-Janine Calic nimmt Titos 40. Todestag zum Anlass, seinen menschlichen und politischen Weg auszuleuchten. Sie weist nach, dass Titos Jugoslawien ein besonderer Einzelfall ist, der sich den herkömmlichen Rastern aller Totalitarismusmodelle entzieht.

Dass der Bauernsohn Tito, in der Sowjetunion Stalins politisch sozialisiert, jahrzehntelang die Geschicke Jugoslawiens konkurrenzlos dominierte, beruht nach Darstellung seiner Biografin auf fünf Säulen: Dem Partisanenkampf, dem Bruch mit Stalin 1948, der Arbeiterselbstverwaltung als Gegenentwurf zum osteuropäischen Staatssozialismus und schließlich auf der Blockfreienbewegung. "Der Dreiklang aus Legitimität, Repression und Eliten-Kooptation war das Überlebenskonzept".

Zu den stärksten Passagen des Buches gehört die Darstellung des Partisanenkampfes, den Tito organisiert hatte. Unterbelichtet bleibt die für das Tito-System so wichtige Arbeiterselbstverwaltung als Vorbild für die deutschen Jusos oder die Eurokommunisten vor allem in Italien Mitte der 1970er Jahre. Zumal prominente Analysen des "jugoslawischen Marxismus" von Ludvik Vrtacic und Franz Ronneberger bereits lange vorliegen.

Die Calic-Erzählung aus einem Guss ist mit Vergnügen auch für Interessierte zu lesen, die mit der Geschichte auf dem Balkan nicht so vertraut sind. Daher kann auch über jene Stellen hinweggesehen werden, die durch fantasievolle Ausschmückungen und dichterische Freiheit geprägt sind.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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