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EDITORIAL
Alexander Heinrich
Vertrauen stärken

Franklin D. Roosevelt gilt als einer der ganz großen US-Präsidenten: Der Mann, der sich beherzt gegen eine schwere Weltwirtschaftskrise stemmte, später die Anti-Hitler-Koalition schmiedete und die Grundlagen für eine Nachkriegsordnung im Zeichen der Vereinten Nationen schuf, war im Alter von 39 Jahren schwer an Kinderlähmung erkrankt und blieb davon ein Leben lang gezeichnet. In der Mitte des letzten Jahrhunderts gelang Forschern mit einem Impfstoff der Durchbruch gegen diese Geißel. Zwar gibt und gab es immer wieder Rückschläge mit der Poliomyelitis, derzeit etwa in Afghanistan und Pakistan, aber jüngst vermeldete zum Beispiel die WHO Afrika als frei von Polio. Man darf solche Beispiele bemühen, um darauf hinzuweisen, welch ein wirkungsmächtiges Instrument die Menschheit mit dem Impfen gegen schlimme Infektionskrankheiten in der Hand hält. Und das dürfte nun auch für das Corona-Virus gelten.

Nach den Durchbrüchen der Forscher bei der Entwicklung von Corona-Impfstoffen wartet schon die nächste Herausforderung. Es ist vor allem eine logistische, weltweit und eben auch bei uns in Deutschland. Dass es für ein Impfangebot, das sich in innerhalb von Monaten praktisch an alle Einwohner richten soll, kein historisches Vorbild gibt, zeigt schon die Auswahl der Orte, an denen die Impfungen bald gebündelt anlaufen soll. Messehallen, Sportzentren oder Hotels, selbst Indoor-Spielplätze und ehemalige Baumärkte: Landauf, landab sind für Corona-Impfungen regionale Zentren eingerichtet worden. Bis zu 440 Standorte sollen dafür genutzt werden können, mehrere Tausend Impfungen dort jeweils pro Tag ermöglicht werden. Zwar ist die Rekrutierung von medizinischem Personal noch nicht abgeschlossen. Dass sich aber schon Zehntausende Ärztinnen, Ärzte und weitere Helfer haben für Einsätze gemeldet haben, ist ein gutes Zeichen. Helfer werden zum Beispiel auch benötigt für mobile Impfteams, die in Pflegeheime und Krankenhäuser gehen, also dorthin, wo sich Menschen aufhalten, die ein besonderes Risiko für eine Ansteckung oder einen schweren Verlauf haben.

Für die Impfbereitschaft wird es mit entscheidend sein, wie diese logistische Herausforderung gemeistert wird. Denn darin liegt die vielleicht noch größere Aufgabe, bei der Bund und Länder gefragt sind: Verunsicherungen zu nehmen und das Vertrauen zu stärken, das in mancher widersprüchlichen Corona-Beschlusslage der vergangenen Monate auf die Probe gestellt wurde.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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