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Jugendbegegnung
Lukas Stern
Ein Bild vor dem inneren Auge

Zum 75. Jahrestag der Befreiung spürten 60 junge Menschen dem Schicksal der Häftlinge im Vernichtungslager Auschwitz nach

Vor allem eine Botschaft war den drei Präsidenten wichtig: Für scharfe Gesetze gegen Antisemitismus kann die Politik sorgen, für den Kampf gegen Juden- und Fremdenhass im Alltag ist jeder Einzelne in der Verantwortung. Im Anschluss an die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus diskutierten am vergangenen Mittwoch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin mit 60 Jugendlichen aus mehr als zehn Ländern. Mit der jährlich stattfindenden Podiumsdiskussion endete die internationale Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages, die in diesem Jahr den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz zum Thema hatte.

Eine Stunde lang tauschten sich die Jugendlichen mit den Präsidenten aus. Bestimmt wurde das Gespräch insbesondere von Gegenwartsfragen. Wie kann Deutschland seine Verantwortung für die Erinnerungskultur in Zeiten starker geschichtsrelativistischer Tendenzen erfüllen und was geht einem Staatsmann heute bei einem Besuch der deutschen Vernichtungslager durch den Kopf, wollten die jungen Erwachsenen wissen.

Erst am Tag zuvor waren die 60 Jugendlichen aus dem polnischen Auschwitz nach Berlin zurückgekehrt. Vier Tage lang waren die 18- bis 25-Jährigen vom Bundestag eingeladen, jenen Ort des nationalsozialistischen Terrors zu besuchen, der gleichsam synonym für das Verbrechen der Schoah steht: die Lagerstätten am Rande der südpolnischen Stadt Oswiecim. Höhepunkt der Reise war die Teilnahme an der offiziellen Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung am 27. Januar vor dem Lagertor in Birkenau, an der neben etlichen Staats- und Regierungsvertretern auch mehr als 200 Auschwitz-Überlebende teilnahmen.

Verbrechen verstehen Im Zentrum der vorangegangen Reisetage standen für die Jugendlichen, die unter anderem aus Deutschland, Frankreich, Polen, Israel, Russland und der Ukraine kamen, Führungen durch das Stammlager und das weitläufige ehemalige Massenvernichtungsgelände Birkenau. In fünf jeweils international besetzten Arbeitsgruppen erfuhren die Teilnehmer sowohl historische Hintergründe als auch von den Details des nationalsozialistischen Verbrechens an europäischen Juden und vielen anderen Opfergruppen. Dies reichte vom Zustandekommen der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942, bei der auf höchster politischer Ebene die "Endlösung der Judenfrage" besprochen wurde, bis zu den Lebensbedingungen in den Baracken von Birkenau. Den Gestank, das Ungeziefer, die Ratten, die Krankheiten, die Kälte - all das müsse man sich heute hinzudenken, um vor dem inneren Auge ein Bild der grausamen Umstände des Lagerlebens entstehen lassen zu können, gab die Gedenkstättenführerin zu bedenken. Auf dem Weg durch das Gelände von Birkenau hält die Gruppe an einem Teich. Darin musste das Sonderkommando (siehe Seite 12) tagtäglich die Asche der Toten entsorgen. Später, in einer Reflexionsrunde, erinnern sich die Jugendlichen an diesen Moment: an das trübe Wasser und die Pflanzen und Bäume. Johannes Landgraf (22), Auszubildender aus Chemnitz, nennt das Wort: "Aschedünger". Alle Teilnehmer verstehen, was er meint. Die Toten sind in den Boden von Birkenau eingegangen - und daraus entstand neues Leben: Pflanzen, Wiesen, Bäume.

Melissa Sejdi (20) aus Leipzig setzt sich in Projekten für die Belange von Sinti und Roma ein. Dass sie im Stammlager eine Ausstellung zum Massenmord an dieser Gruppe besuchen konnte, gehöre für sie "zu den wichtigsten Momenten, die ich mit nach Hause nehme", berichtet Sejdi. Neben der Reflektion dienten die Arbeitsgruppentreffen auch der Vor- und Nachbereitung der Zeitzeugengespräche mit Lidia Skibicka-Maksymowicz und Walentyna Ignaszewska-Nikodem. Beide haben Auschwitz überlebt. Skibicka-Maksymowicz wurde am 4. Dezember 1943, kurz vor ihrem dritten Geburtstag, mit ihrer Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. SS-Arzt Josef Mengele nahm an dem Mädchen grausame Versuche vor, die sie für lange Zeit schädigten. Ihre Geschichte erzähle sie, "auch für die, die Auschwitz nur als Rauch und Asche verlassen haben", sagte sie. Ob sie während der Zeit im Lager jemals ihren Verlobten vermisst habe, fragt Charlotte Storch (22) aus Berlin. Ignaszewska-Nikodem denkt kurz nach: "Eigentlich nicht", sagt sie, "dafür hatte ich keine Kraft und keine Zeit. Wir mussten alle versuchen, zu überleben und uns gegenseitig zu helfen. Woran wir vor allem dachten war, dass wir uns gegenseitig die Flöhe aus den Haaren zupfen müssen", sagt sie. Ignaszewska-Nikodem wurde 1922 in Lódz geboren und am 16. Juli 1942 gemeinsam mit ihrer Mutter im Konzentrationslagers Auschwitz I interniert. Sie arbeiteten beim Bau von Lagerstraßen, in der Brotkammer und der Paketstelle. Nach dem Tod ihrer Mutter im November 1942 wurde Ignaszewska-Nikodem bei der Evakuierung des Lagers im Oktober 1944 in ein Nebenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg geschickt.

Die internationale Jugendbegegnung des Bundestages widmet sich jedes Jahr einem anderen Thema. 2019 setzten sich die Teilnehmer in Berlin mit den Schicksalen versteckter jüdischer Kinder in der Nazizeit auseinander

Aus Politik und Zeitgeschichte

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