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Ortstermin: am Mahnmal für die ermordeten Juden Europas
Windfried Dolderer
Zum Erinnern verpflichtet

Die Blüten weiß und pastellgelb - graue Betonstelen flankieren das Blumengebinde mit den Schleifen in den Farben der Bundesrepublik und Israels. Yuli-Yoel Edelstein wird in seiner Rede darauf zu sprechen kommen: Erstmals ein Kranz, "der unsere beiden Fahnen trägt", mit deutschen und hebräischen Aufschriften. Für den Präsidenten der Knesset, dem Parlament Israels, ist das ein Symbol. Es stehe für Freundschaft und Zusammenarbeit mit Blick auf die Zukunft, sagt er.

Drei Tage hat Edelstein auf Einladung von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) in Berlin verbracht, Minister und Parlamentarier getroffen, soeben noch einer Plenarsitzung beigewohnt. Jetzt sitzt er neben Schäuble am Rande des Berliner Holocaust-Mahnmals, einem Ort, wo man, wie er sagt, nur "mit zerrissenem Herzen" verweilen könne. Das Stelenfeld erinnere an die "moderne Finsternis des Volkes Israel". Indes: "Unsere Präsenz hier ist ein Zeugnis dafür, dass wir uns selbst aus dieser Zeit auf Adlerschwingen erhoben haben", so wie es im Alten Testament vom Auszug der Kinder Israels aus Ägypten berichtet werde. Schäuble wendet sich an den israelischen Gast: "Es bewegt mich sehr, mit Ihnen als Sohn von Überlebenden des Holocaust gemeinsam zu gedenken." Dies sei ein Beweis des großen Vertrauens in Israel in den deutschen Staat. Eines Vertrauens, das "über den Abgründen unserer Geschichte" nur habe wachsen können, "weil wir Deutsche uns zur Schuld, die unser Land trägt, bekannt haben". Die Relativierer und Leugner seien dessen ungeachtet noch immer unter uns, würden neuerdings sogar lauter. Sie seien aber in der Minderheit. Nicht die Stärke ihrer Gegner, allein Schwäche und Verantwortungslosigkeit der Demokraten selbst könnten eine freiheitliche Ordnung in Gefahr bringen, sagte Schäuble.

Über lautstarke Auftritte der Leugner und Relativierer haben Verantwortliche in Gedenkstätten und Museen zunehmend zu klagen. Hin und wieder müssen Führungen vorzeitig abgebrochen werden, weil Teilnehmer sich rüpelnd danebenbenehmen. Wie dem zu begegnen ist, war in der Vorwoche Thema einer Veranstaltung in den unterirdischen Ausstellungsräumen des Mahnmals, bei der ein Leitfaden zum Umgang mit dem "Kulturkampf von rechts" vorgestellt wurde.

"Niemand hat uns das Recht gegeben, zu vergessen und zu vergeben. Wir müssen uns erinnern und gegen die kämpfen, die bestreiten und relativieren", betonte der Gast. "Nie wieder solche Taten zuzulassen - diese Verpflichtung ist Teil unseres Selbstverständnisses", sagte auch Schäuble. Auf Bürgersteigen in deutschen Städten erzählten mittlerweile zahllose Stolpersteine eindringlich von den Menschen, die die Nazis aus unserer Mitte gerissen hätten. Das Mahnmal sei ein "großer Stolperstein", der in Sichtweite des Bundestages die "bleibende Verantwortung" bezeuge, die Opfer nicht zu vergessen. Windfried Dolderer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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