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Ortstermin: Skulpturenpark Deutsche Einheit In Mellrichstadt
Kristina Pezzei
Nationaler Brückenschlag im Nirgendwo

Am vergangenen Tag der deutschen Einheit sind an die 600 Menschen gekommen. Einfach so, um zu schauen und zu staunen und um sich ein wenig zu wundern. Für ein Nationaldenkmal an diesem besonderen deutsch-deutschen Feiertag wäre eine solche Zahl an sich nichts bemerkenswertes, aber es handelt sich nun einmal um ein außergewöhnliches Denkmal an einem außergewöhnlichen Standort. Genauer gesagt: Eine Ansammlung von Kunstwerken unterschiedlicher ästhetischer Ausprägung mitten im Niemandsland - einer abgetretenen Wiese an der ehemaligen B19 am ehemaligen Grenzübergang zwischen Meiningen in Thüringen und dem bayrischen Eußenhausen. "Hier bin ich immer rüber", sagt Jimmy Fell, der Mann hinter dem "Skulpturenpark Deutsche Einheit". Es windet auf der spärlich bewachsenen Hochebene, der Blick reicht von der Rhön bis in den Thüringer Wald, in fußläufigem Abstand marodiert ein ehemaliger DDR-Wachturm vor sich hin. Die Grenzer hatten für freie Sicht über ihre Sicherungsanlagen gesorgt, die Landschaft spürt das bis heute. Der Künstler und Bauingenieur Fell kommt aus Niederlauer auf der bayrischen Seite. Er erlebte die Teilung Deutschlands in den ersten drei Jahrzehnten seines Lebens mit, noch zu Teilungszeiten wanderte er die Grenze auf westlicher Seite ab. Die Idee des Ursprungkunstwerks, eine Brücke, kam ihm während eines Spaziergangs in der Wahlheimat Berlin.

1996 schlug er die acht Meter hohe Holzbrücke über den einstigen Todesstreifen. Berufsschüler aus den umliegenden Gemeinden in Thüringen und Bayern verschalten und bemalten das Werk. Unternehmen arbeiteten ehrenamtlich mit, Spenden kamen aus der Gegend und Fördermittel vom Bundesinnenministerium. Die Schirmherrschaft übernahm der damalige CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl. Eigentlich wollte Fell die "Goldene Brücke" im Lauf der Zeit einstürzen lassen und damit demonstrieren, wie Deutschland zusammenwächst. "Die Brücke fällt aber nicht ein, dank der Konstruktion wird das Material immer trocken und es pfeift schön durch." Sie hat einen neuen Goldanstrich erhalten und Neugierige laufen weiterhin durch - einen Fuß in Thüringen, einen in Bayern.

Auf der Brücke thront eine Europastatue. Symbolisiert die Brücke die Einheit, steht die Skulptur "Wir sind das Volk", gebaut aus Mauerteilen, für die Freiheit. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist Schirmherrin.

Danach folgte ein Werk auf das andere, Friedenstauben, weitere Skulpturen, Flaggen, meist wirkten Schulklassen aus beiden Bundesländern mit. Flucht und Vertreibung kehren als Themen immer wieder.

Am 9. November 1999 verbrannte Fell einen Reichsadler aus Altholz, aus der Glut stand ein eiserner Bundesadler auf - das 2,5 Meter hohe Stahltier steht bis heute auf der Grenze zwischen beiden Bundesländern.

Im Herbst hat Fell ein Grundgesetzbuch von der Größe eines kleinen Spielfelds in den Boden eingelassen, auf dem jeder herumtrampeln darf - eine Anspielung auf aktuelle politische Diskussionen, bei denen sich gegnerische Seiten genau das vorwerfen. "Alle reden darüber, wer wohl auf dem Boden des Grundgesetzes steht", sagt der Künstler. "Hier steht man drauf." Während er für eine Überdachung zum Materialschutz noch Sponsoren sucht, spinnt Fell schon neue Ideen weiter. An der deutschen Einheit hat er sich längst nicht abgearbeitet: Es ist noch viel Platz im Skulpturenpark.Kristina Pezzei

Aus Politik und Zeitgeschichte

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