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Historie
Manfred Görtemaker
Zweimal Einheit, aber anders

Die Wiedervereinigung von 1990 steht in schroffem Kontrast zu Bismarcks Reichsgründung von 1871

Ihre Politik gegenüber Deutschland sei gescheitert, erklärte die britische Premierministerin Margaret Thatcher nach der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Sie habe versucht, den Zusammenschluss zu verhindern. Aber die Sehnsucht der Deutschen nach Einheit, auf beiden Seiten der Elbe, sei unwiderstehlich gewesen. Nun drohe das vereinte Deutschland wieder zu einem destabilisierenden Faktor in Europa zu werden: "a bull in a china shop" - nicht durch territoriale Aggression, wohl aber durch ökonomische Expansion. Unausgesprochen standen damit die Reichsgründung von 1870/71 und der Alptraum zweier Weltkriege, die daraus am Ende folgten, wieder im Raum.

Doch war es gerechtfertigt, diese Parallele zu ziehen? Würde ein vereintes Deutschland nach 1990 wieder so groß und mächtig sein, dass es Europa mit seinem schieren Gewicht beherrschte? Oder vollzog sich die Wiedervereinigung 1989/90 unter derart anderen Bedingungen, dass sich jede Gleichsetzung mit 1870/71 verbot?

Gestörtes Gleichgewicht Damals hatte Otto von Bismarck, seit 1862 preußischer Ministerpräsident, die Träume der Deutschen nach einem einheitlichen Reich erfüllt. Mit Hilfe der preußischen Armee unter Generalstabschef Helmuth von Moltke hatte er die deutsche Einheit erkämpft - 1864 im Krieg gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und 1870/71 gegen Frankreich -, aber zugleich das 1815 auf dem Wiener Kongress errichtete "Gleichgewicht der Mächte" in Europa empfindlich gestört. Architekt der Wiener Ordnung nach den napoleonischen Kriegen war der britische Außenminister Lord Castlereagh gewesen. Sein Plan: Die großen Mächte auf dem Kontinent sollten sich gegenseitig in der Balance halten und so den Frieden in Europa dauerhaft garantieren - mit Großbritannien in einer Position der "splendid isolation". Voraussetzung dafür war allerdings die Aufsplitterung der europäischen Mitte, also die Teilung Deutschlands, um zu verhindern, dass ein geeintes Reich das Gleichgewicht aus den Angeln hob.

39 souveräne Einzelstaaten, darunter mit Preußen, Österreich, Hannover, Württemberg und Bayern fünf Königreiche, existierten danach auf dem Gebiet des "Deutschen Bundes", einem lockeren Staatenbund ohne Zentralgewalt. Entsprechend enttäuscht war die deutsche Einigungsbewegung, die sich seit dem späten 18. Jahrhundert für einen deutschen Nationalstaat und eine liberale Verfassung eingesetzt hatte. Doch als Bismarck schließlich die Einheit durchsetzte, gingen daraus nicht die Liberalen gestärkt hervor, deren bürgerliche Revolution 1848/49 gescheitert war, sondern Preußens Monarchie und deren Armee. Das Reich danach wurde, ungeachtet aller Modernisierung, ein autoritärer Staat, in dem die Mitwirkungsmöglichkeiten des Reichstags begrenzt blieben und deutschtümelnde Strömungen wie der Alldeutsche Verband, zunehmend an Bedeutung gewannen.

Natürlich hätte die Entwicklung, die nun folgte, auch anders verlaufen können. Der deutsche Imperialismus und die Flottenrüstung, die mit dazu beitrugen, den Ersten Weltkrieg heraufzubeschwören, das Scheitern der Weimarer Republik nach der Weltwirtschaftskrise von 1929, die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 und der Weg in den Zweiten Weltkrieg waren kein unabwendbares Schicksal. Aber der Keim zu den späteren Katastrophen war bereits gelegt, als Kaiser Wilhelm II. und Friedrich von Holstein, "Graue Eminenz" im Auswärtigen Amt, nach 1890 Bismarcks Kurs der "Saturiertheit" verließen und seine Bündnispolitik demontierten.

Was Castlereagh schon 1815 befürchtet hatte, wurde nun Wirklichkeit: die Infragestellung der europäischen Ordnung durch ein übermächtiges Reich. Der Drang nach einer deutschen Weltmachtrolle, auf die man ein Recht zu haben glaubte, beschwor daher bald Allianzen herauf, die sich gegen Deutschland verbündeten, um das Reich in seine Schranken zu weisen: von der Entente cordiale und der Triple Entente vor dem Ersten Weltkrieg bis zur "Anti-Hitler-Koalition" nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941.

Mit der Teilung nach 1945 schien die deutsche Frage endgültig geklärt. Die kommunistische Sowjetunion hatte ihren Machtbereich bis zur Elbe ausgedehnt und würde ihre Eroberungen nicht mehr preisgeben. Und der Kalte Krieg zwischen Ost und West machte jede Aussicht auf nationale Selbstbestimmung zunichte. Ostdeutschland wurde unter Walter Ulbricht stalinisiert. Westdeutschland erhielt trotz des schlimmen nationalsozialistischen Erbes als Teil der westlichen Staatengemeinschaft die Chance, jene freiheitlich-demokratische Ordnung zu verwirklichen, die in der Weimarer Republik gescheitert war. Die Aussöhnung mit Frankreich, ein partnerschaftliches Verhältnis zu den USA in der Nato und die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bildeten unter Bundeskanzler Konrad Adenauer den Rahmen für eine neue deutsche Außenpolitik, die nicht nach Macht und Vorherrschaft strebte, sondern auf Zusammenarbeit zielte und Vertrauen schuf. Adenauers Westpolitik folgte zwei Jahrzehnte später die "neue Ostpolitik" Bundeskanzler Willy Brandts, die das Verhältnis der Bundesrepublik zur UdSSR und Osteuropa sowie zur DDR neu regelte und die Entspannungspolitik zwischen Ost und West einleitete.

Diese Politik der Verständigung und Vertrauensbildung - im Westen wie nach Osten - bildete die Basis für die Wiedervereinigung 1989/90. Als die friedlichen Revolutionen in Osteuropa und der DDR die dortigen kommunistischen Regime beseitigten, wurde möglich, was lange für unmöglich gehalten worden war. Dies wäre kaum denkbar gewesen, wenn nicht die gesicherte Westbindung der Bundesrepublik und die Entspannungspolitik seit den 1970er Jahren den Boden dafür bereitet hätten. So aber akzeptierte die Führung in Moskau unter Generalsekretär Michail Gorbatschow nicht nur die deutsche Einheit, sondern auch den Abzug ihrer Truppen aus Ostdeutschland. Schließlich kam die Wiedervereinigung mit Zustimmung aller europäischen Staaten sowie der USA und Kanadas im Rahmen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) zustande, nachdem in den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen zwischen den beiden deutschen Staaten und den vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges ein annehmbares Ergebnis erzielt worden war.

Der "Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland" vom 12. September 1990 sah die Reduzierung der deutschen Streitkräfte auf 350.000 Mann und ihren vollständigen Verbleib in der Nato vor. Ein militärisches Risiko, das von der Wiedervereinigung hätte ausgehen können, wurde so faktisch ausgeschlossen. Zudem war die deutsche Einheit mit dem Bekenntnis zur europäischen Integration verbunden. Schon im Frühjahr 1989 hatte Bundeskanzler Helmut Kohl dazu erklärt, Deutschlands Zukunft liege "in der Europäischen Union als Modell einer europäischen Friedensordnung". Die europäische Einigungspolitik bleibe "die einzig sinnvolle Antwort auf die ungelöste deutsche Frage". Und noch am 2. Oktober 1990, einen Tag vor der Wiedervereinigung, schrieb er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die Verwirklichung der Europäischen Union werde auch im vereinten Deutschland das "Herzstück der Außenpolitik" bilden. Der Gegensatz zu 1870/71 hätte größer kaum sein können, politisch wie militärisch.

Entfremdungen Dagegen verblassen die Ähnlichkeiten, die es ebenfalls gab. So führte die mehr als vier Jahrzehnte lange Teilung Deutschlands nach 1945 zu einer Entfremdung zwischen Ost und West, wie sie im 19. Jahrhundert zwischen Nord- und Süddeutschland bestand. Unterschiedliche Mentalitäten und Traditionen, kulturelle Differenzen und religiöse Gegensätze zwischen dem protestantischen Norden und dem katholischen Süden hatten seinerzeit noch bis in die Weimarer Republik hinein die innere Entwicklung des Reiches geprägt. Bismarcks "Kulturkampf" gegen die Zentrumspartei und den Einfluss des Papstes war dafür nur ein Beispiel. Zwischen Ost und West wirkte nach 1990 vor allem das Erbe des Kommunismus nach. Die sozialistische Planwirtschaft in der DDR hatte zwar nicht zu großem Wohlstand, wohl aber zu einem hohen Maß sozialer Sicherheit geführt, das sich in einer marktwirtschaftlichen Ordnung nicht aufrechterhalten ließ. So wurden im Taumel der Gefühle in der Wendezeit 1989/90 vielfach die Schwierigkeiten übersehen, die der notwendige Strukturwandel mit sich bringen würde. Vor allem anfangs der 1990er Jahre standen die Hoffnungen, die viele ehemalige DDR-Bürger mit der Übernahme der westdeutschen Marktwirtschaft verbunden hatten, in scharfen Kontrast zur Realität.

Aber auch der Kalte Krieg war nicht über Nacht vergessen. Lange eingeübte Argumentationsmuster führten in den neuen Bundesländern zu Skepsis gegenüber der Westbindung und zumindest latentem Antiamerikanismus. Zudem empfanden viele im Osten die "Wende" als radikalen Bruch ihrer Arbeitswelt, ihrer Lebenswirklichkeit und ihres Wertegefüges. Bereits im Sommer 1990 meinten 75 Prozent der Ostdeutschen, sie seien Bürger zweiter Klasse. Zwar wurde der politische Ordnungswechsel, der sich 1989/90 vollzog, bei Umfragen seit 1990 regelmäßig von etwa 80 Prozent der Ostdeutschen bejaht, aber eine Identifikation mit der Bundesrepublik fand kaum statt. Und je länger die Wiedervereinigungsprobleme dauerten, desto mehr kam es zu einer "Wiedergeburt des ostdeutschen Wir-Gefühls". Die DDR gewann im Rückblick an Attraktivität. Zwei Drittel der Ostdeutschen zeigten sich 1995 stolz auf ihr Leben in der DDR. Alles, was der Einheit misslinge, werde der DDR "posthum vergeben", notierte dazu 1998 der ostdeutsche Journalist Christoph Dieckmann.

Inzwischen ist die Wiedervereinigung von 1990 selbst Geschichte. Eingebettet in eine internationale Ordnung, die trotz aller Unzulänglichkeiten Frieden und Stabilität verspricht, hat das vereinte Deutschland im Innern die Tradition fortgesetzt, die mit dem Hambacher Fest und der Paulskirche begann und mit dem Grundgesetz wiederauflebte. Auch Kohls Versprechen, am Bekenntnis zur europäischen Integration festzuhalten, wurde eingelöst. Als "große Insel der Stabilität, der Liberalität und Demokratie mitten in Europa", bemerkte dazu kürzlich der britische Historiker Timothy Garton Ash, sei die vereinigte Bundesrepublik "das beste Deutschland, das wir je hatten" Ob dessen ökonomisches und politisches Gewicht ausreicht, um auch künftig das nach Migrationskrise, Brexit und Corona auseinanderstrebende Europa zusammenzuhalten und dessen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu sichern, bleibt jedoch abzuwarten.

Der Autor ist emeritierter Professor für neuere Geschichte an der Universität Potsdam.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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