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Nationalstaat
Dieter Langewiesche
Erfolgsmodell mit Tücken

Die Idee von der Nation hat sich in gut zwei Jahrhunderten als konkurrenzlos attraktiv erwiesen. Für Minderheiten war sie gefährlich

Begonnen hat der Erfolgsweg der Idee Nation zu einer der weltweit wirkungsmächtigsten politischen Gestaltungskräfte in der transatlantischen Revolutionsära des späten 18. Jahrhunderts. Vor der Nation sind alle gleich - diese Egalitätsverheißung ließ die Idee Nation als "gedachte Ordnung" (M. Rainer Lepsius) zur obersten Legitimitätsinstanz aufsteigen, auf die sich alle berufen können, die gleiche Rechte und faire Teilhabechancen an den gesellschaftlichen Leistungen einfordern. Zunächst ging es vor allem um Gleichheit vor dem Recht und in der Politik, dann kamen soziale, wirtschaftliche und kulturelle Erwartungen, in der Gegenwart ökologische hinzu. Als Ressourcengemeinschaft blieb die Nation stets unabgeschlossen. Diese Offenheit für Neues machte sie konkurrenzlos attraktiv.

Nationale Erwartungen entstehen in transnationalen Lernprozessen, sind aber nur zu verwirklichen, wenn die Nation als Staat organisiert ist. Daher strebt jede Nation zum eigenen Nationalstaat. Nur er hat die Legitimität, den Wettbewerb konkurrierender Ziele innerhalb der Nation und den Zugang zu den Ressourcen zu regeln; nur er ist befugt, staatliche Kompetenzen an transnationale Institutionen abzutreten. Als Solidaritätsverband ist die Nation darauf angewiesen, den Kreis der Anspruchsberechtigten klar zu bestimmen. Das ist Aufgabe des Nationalstaates. Er bietet der entwicklungsoffenen Ressourcengemeinschaft ein Gehäuse mit festen Grenzen.

Wirkungsfelder Bei der Frage nach den Wirkungsfeldern der Nation als Solidarverband lassen sich sechs Bereiche unterscheiden, in denen die Ressourcengemeinschaft Nation, als Nationalstaat institutionalisiert, Teilhaberechte und -pflichten verspricht und einfordert. So präsentiert sich die Nation zum ersten als Verteidigungs- und Machtgemeinschaft. Im 19. Jahrhundert entstand kein Nationalstaat ohne Krieg, im 20. Jahrhundert nur sehr selten. Krieg war die stärkste emotionale Kraft, um nationales Zusammengehörigkeitsgefühl zu erzeugen. Ohne Emotion keine Nation.

Zum zweiten wirkt Nation als Rechts- und Politikgemeinschaft. Das Gleichheitsversprechen zielt hier auf Demokratisierung, blieb indes lange auf Männer begrenzt.

Nation kommt zudem als Kultur-, Sozial- und Umweltgemeinschaft zum Tragen. Wie Bildung und sozialer Schutz für alle erreicht werden soll, blieb bis heute umstritten und variiert von Staat zu Staat. Umweltpolitik übersteigt den Nationalstaat, doch ihm obliegt es, grenzüberschreitende Regelungen zu vereinbaren.

Ferner ist Nation eine Wettbewerbs- und Leistungsgemeinschaft. Schon das 19. Jahrhundert wurde ein Jahrhundert der Globalisierung. Der Nationalstaat galt als beste Möglichkeit, im globalen Wettbewerb zu bestehen. Das Gleichheitsversprechen der Nation stellte ihn hier unter starken Leistungsdruck. Er zeigte sich im Ausbau des Sozialstaates seit dem späten 19. Jahrhundert ebenso wie nach dem Zweiten Weltkrieg im Systemwettbewerb zwischen liberalen und kommunistischen Ordnungen.

Fünftens Nation als Kriegs- und Opfergemeinschaft: Die historische Symbiose von Staat und Krieg führte der Nationalstaat fort und verstärkte sie. Weil er über die gesamte Leistungskraft der Nation verfügte, konnte er zum Hauptakteur im imperialen Wettbewerb werden. Nationalstaaten schufen Imperien, doch das Gleichheitsversprechen Nation ließ sich von den Kolonisierten gegen das Imperium wenden. Daher war der Nationalstaat sowohl Schöpfer als auch Zerstörer und Erbe von Imperien. Schließlich die Staatsbürgernation und Ethnonation: Die Vorstellung einer typologischen Trennung zwischen Staatsbürgernation, die sich in Westeuropa herausgebildet habe, und Ethnonation im mittleren, östlichen und südöstlichen Europa ist von der neueren Forschung verworfen worden. Die Ordnungsmodelle Staatsbürgernation und Ethnonation schlossen sich zu keiner Zeit wechselseitig aus. Sie waren vielmehr historisch in unterschiedlicher Weise verschränkt.

Homogenität Dabei zielte die Idee Nation überall von Beginn an auf Homogenität. "Eine Nation - ein Nationalstaat" hieß ihr Ideal. Für Minderheiten war es gefährlich. Was man heute "ethnische Säuberung" nennt, steht in einer Entwicklungslinie, die auf den Nationalstaat ohne fremdnationale Minderheiten zulief. Mit der Zerstörung der multinationalen Reiche der Habsburger und der Osmanen in den Friedensschlüssen des Ersten Weltkriegs wurde sie zur Richtlinie der internationalen Politik in Europa. Das Ausmaß der "Nationalisierung von Nationalstaaten", um sie ethnisch homogen zu machen, also die Minderheiten zu assimilieren, auszustoßen, im Extremfall zu vernichten, übertraf im nationalsozialistischen Europa alles, was man zuvor gekannt hatte. Doch die Ethnisierung der Nation hatte bereits im 19. Jahrhundert eingesetzt, wurde im nationalsozialistisch beherrschten Europa radikalisiert und schließlich durch die neue Staatenordnung nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Abschluss gebracht, als über 16 Millionen Menschen umgesiedelt oder vertrieben wurden. Seitdem sind die europäischen Nationalstaaten ethnisch homogener als je zuvor. Staatsbürgernation und Ethnonation haben sich angenähert. Erst mit der Europäischen Union setzte ein gegenläufiger Prozess ein. Das ethnonationale Homogenitätsideal ist keineswegs überwunden, doch scheint es sich zu verändern. Wenn Menschen von einem EU-Staat in einen anderen ziehen, erregt das keine Abwehr, wohl aber Zuwanderung aus nichteuropäischen Räumen. Die Kulturgrenze wird vom Nationalstaat an die Außengrenzen Europas verlagert.

Entstehungswege Bei der Entstehung der Nationalstaaten in Europa sind im 19. und 20. Jahrhundert vier Verlaufstypen von Staatsbildung und -zerstörung zu beobachten. Als erstes zu nennen ist die Vereinigung von Gebieten gleicher Nationalität, ohne sich von einem Staat, Staatenbund oder Imperium trennen zu müssen. Dies war im 19. Jahrhundert so in der Schweiz. Auch hier kam der Nationalstaat im Krieg.

Daneben findet sich Vereinigung und Trennung: Staaten einer Nationalität vereinten sich, indem sie ein Imperium oder Staatenbund verließen. Das galt für den deutschen und den italienischen Nationalstaat. Staaten, die sich der deutschen oder italienischen Nation zugehörig fühlten, vereinten sich zum Nationalstaat, indem sie die Verbindung mit dem Habsburgerreich auflösten. Sezession als Voraussetzung für Vereinigung ging nicht ohne Krieg.

Trennung allein prägt den dritten Typus: die Schaffung von Nationalstaaten durch im Krieg erfolgte Abspaltung von einem Staat oder Imperium. So entstanden die meisten Nationalstaaten Europas, von Belgien und Griechenland bis zu den Balkanstaaten, die sich ab dem späteren 19. Jahrhundert vom Osmanischen Reich lösten.

Zum vierten erfolgte die Bildung von Nationalstaaten durch die Zerstörung von Imperien. Infolge seiner Niederlage von 1918 zerfiel das Habsburgerreich in sieben Staaten, die sich als Nationalstaaten verstanden, aber zum Teil Nationalitätenstaaten blieben - was künftige Konflikte barg. Aus dem multinationalen Osmanischen Reich ging kriegerisch der türkische Nationalstaat hervor, während andere osmanische Gebiete zunächst Siegermächten zufielen. Unter den Verlierern des Ersten Weltkrieges überlebte nur das russische Imperium in Gestalt des Sowjetimperiums. Erst mit dessen Selbstauflösung entstanden auch auf seinem Gebiet Nationalstaaten. Hier zeigte sich erneut, dass Imperien nicht fähig zur Demokratisierung sind. Weil der Nationalstaat sie verheißt, konnte er zum Erben der aufgelösten Imperien werden.

Kein Sonderweg Angesichts dieser vielfältigen Wege zum Nationalstaat ist es nicht sinnvoll, von einem deutschen Sonderweg zu sprechen. Auch war die deutsche Nation keine "verspätete Nation" (Helmuth Plessner). Sie entstand im Heiligen Römischen Reich und wurde, wie auch anderswo, in der Umbruchszeit um 1800 in Richtung moderne Nation umgeformt. Dass sie als Föderativnation entstand und es blieb, bis der Nationalstaat militärisch erzwungen wurde, teilt sie mit der Schweizer Nation. Der deutsche Nationalstaat war auch kein "verspäteter Nationalstaat"; er entstand wie die meisten Europas im 19. Jahrhundert.

Die Kategorie "Verspätung" weckt zudem die Vorstellung eines Demokratiedefizits, die im europäischen Vergleich nicht zutrifft. Der deutsche Nationalstaat ging in der Demokratisierung nicht voraus, war aber auch kein Schlusslicht. "Verspätet" war er im Vergleich zu Großbritannien und Frankeich nur als Kolonialimperium. Dies wurde in der Sonderwegdebatte stets ausgeblendet. Sie sah den britischen und den französischen Nationalstaat in "kleineuropäischer" Perspektive. Beide waren jedoch die Hauptmächte des imperialistischen "Großeuropas", das im 19. Jahrhundert entstanden war.

Der Autor ist emeritierter Professor für neuere Geschichte an der Uni Tübingen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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