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ÖSTERREICH
Stephan Löwenstein
Die Schwierigkeit des »Nation Buildings«

Kulturell engstens mit Deutschland verwoben, herrscht in der Alpenrepublikein Bedürfnis nach Selbstvergewisserung

Es gibt diesen legendären Sketch des österreichisch-deutschen Komikerpaars Grissemann und Stermann. Sie kommentieren als vermeintlich nach Argentinien ausgewanderte Altnazis das Fußballspiel von Cordoba bei der WM 1978, das Österreich damals sensationell mit 3:2 gegen Deutschland gewann. Für die beiden "Kommentatoren" haben aber nur Deutsche die Tore geschossen, etwa der "bergdeutsche Bomber" Krankl, und am Ende gewinnt Deutschland gegen sich selbst mit 5:0. Die Satire beißt deshalb so gut, weil sie gleich zwei wunde Punkte trifft.

Der eine ist der liebevoll gepflegte Mythos jenes Fußballspiels von Cordoba, der noch Jahrzehnte danach präsent ist. Kein Sieg ist eben süßer als einer über Deutschland. Der Fußball ist hier nur eine Metapher, in praktisch allen Bereichen schauen die Österreicher auf kein anderes Land so genau wie auf Deutschland und messen sich mit dem großen Nachbarn. Aber im Fußball war es 1978 der erste Sieg seit - ja, seit jenen Jahren, als Hitlerdeutschland sich Österreich als ein überwiegend williges Opfer einverleibt hatte. Und da sind wir schon beim anderen wunden Punkt. Tatsächlich hat sich Österreich noch sehr lange sehr schwer damit getan, seinen eigenen Standort im Konzept von Nation zu bestimmen. Bis heute kicken in Rot und Weiß "Teamspieler", nicht "Nationalspieler".

Der berühmt-berüchtigte Jörg Haider sagte noch 1988: "Die österreichische Nation war eine ideologische Missgeburt." Das rief einen Skandal hervor, hinderte ihn und seine rechte Partei FPÖ aber nicht an ständigen Zuwächsen bei Wahlen. Haider in seiner schillernden Art gelang es, nicht zuletzt durch Schüren eines einwandererfeindlichen Sentiments, den auf der äußersten Rechten immer noch vorhandenen Deutschnationalismus in eine Art Österreichchauvinismus zu überführen. Er wusste, warum: Deutschnational war doch allmählich aus der Zeit gefallen, jedenfalls wenn man politisch über eine Randgruppe hinaus greifen wollte. Aber auch viele Häutungen später ist der FPÖ-Vorsitzende Norbert Hofer Mitglied einer "deutschnationalen" Burschenschaft. Fragt man, was das bedeutet, erhält man die Antwort, es gehe nur um die "Kulturnation".

Dass Deutschland und Österreich kulturell engstens miteinander verwoben sind, bestreitet niemand. Den Spruch, beide trenne die gemeinsame Sprache, kann man getrost beiseitelassen. Natürlich spricht man im Rheinland anders als in Österreich, aber ein Kölner versteht einen Oberschwaben vermutlich weniger gut als einen Wiener. Ingeborg Bachmann oder Hugo von Hofmannsthal gehören ebenso zum Kanon der deutschen Literatur wie Günter Grass oder Thomas Mann (oder auch Franz Kafka und Friedrich Dürrenmatt - aber das ist ein weites Feld). Vielen gilt das Burgtheaterdeutsch als Messlatte, die auf allzu vielen deutschen Bühnen gerissen wird.

Auf der anderen Seite zählt es zu den regelmäßig wiederkehrenden Sujets in den Feuilletons österreichischer Zeitungen, dass die österreichischen Spezifika der Sprache an die Wand gedrängt zu werden drohten. Dann wird der Niedergang anhand von "lecker" und "Tschüs" angeprangert. Schuld ist das Fernsehen, der große Gleichmacher (was zutreffen mag, aber auch für die Dialekte in Deutschland gilt). Auch im Alltag begegnet es, dass gemaßregelt wird, wer Kartoffeln statt Erdäpfeln ordert. Es kamen schon Aufsätze aus Deutschland stammender Schüler zurück, in denen das Wort "Stuhl" rot unterschlängelt war; denn "wir sagen hier immer noch Sessel".

Es gibt also ein Bedürfnis nach Selbstvergewisserung. Nach dem Trauma des "Anschlusses" war es besonders stark. Da wurde zeitweise sogar das Schulfach, in dem man Lesen, Schreiben und die Literatur lernt, nicht "Deutsch" genannt, sondern "Unterrichtssprache". 1955, im Jahr der Wiedererlangung der äußeren Souveränität durch einen Staatsvertrag, sagte der Wiener Historiker Wilhelm Böhm: "Hoffen wir also, dass Österreich, das schon seit 1776 ein Nationaltheater, seit 1816 eine Nationalbank und seit 1921 einen Nationalrat hat, bald auch eine Nation haben wird."

Friedrich Heer hat den langen "Kampf um die österreichische Identität" dargestellt, den er 1981 offensichtlich noch nicht entschieden sah. Er arbeitet die Bedeutung der Reformation, die zunächst im größten Teil des heutigen Österreich erfolgreich war, und der Gegenreformation heraus. Die katholisch-absolutistischen Habsburger, besonders Maria Theresia und Joseph II., versuchten, durch Zentralisierung, aber auch durch Kultur und Bildung in ihren so disparaten Landen ein einigendes Band zu schaffen - was man heute "Nation Building" nennt. Das sollte die slawischen und ungarischen Untertanen einschließen. Für die gar nicht wenigen in den deutschsprachigen Erblanden, die heimlich Protestanten blieben, war das nicht so attraktiv. Nicht zuletzt (wenn auch keineswegs nur) sie zählten später zu den Trägern des österreichischen Deutschnationalismus.

Die Weichenstellung nach 1848 ging in die andere Richtung, die "kleindeutsche", also ohne Österreich. Als das Habsburgerreich 1918 auseinanderbrach, hätte vermutlich eine Mehrheit in Österreich für eine Zugehörigkeit zum Deutschen Reich optiert, wenn die Siegermächte das zugelassen hätten. Nicht nur auf der Rechten, gerade auch auf der Linken war der neue Staat ungeliebt. "Die österreichische Nation ist ein aus Katholizismus, Habsburger-Tradition und feudaler Barockkultur zusammengebrauter Spuk", fand SPÖ-Anführer Otto Bauer noch 1937.

Ein Jahr später ließ Hitler einmarschieren. Der Jubel auf dem Heldenplatz war groß - aber man vergesse nicht die vielen, die man nicht sah, weil sie nicht jubelten. Österreich brachte viele Täter hervor, aber es war auch ein Opfer Hitlers. Und nichts hat so sehr zu Österreichs "Nation Building" beigetragen wie die nationalsozialistische Katastrophe.

Der Autor ist Österreich-Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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