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Frankreich
Martin Graff
Kriege und Visionen

Ideale der französischen Revolution verblassten, das blieb auch für die deutsche Nation nicht folgenlos

Das Bild ist bekannt. Adolf Hitler steht in Paris auf der Terrasse der Place du Trocadéro am 23. Juni 1940. Er blickt Richtung Eiffelturm und Dôme des Invalides, wo er danach das Grabmal von Napoleon besuchen wird. Ob er sich vor ihm verneigt hat, ist nicht überliefert. Was hat ihn am französischen Kaiser fasziniert? Kaum ein Jahr später wird er seine Soldaten auf den Spuren des Korsen Richtung Moskau schicken. Und genauso wie Napoleon 1812 wird er im Winter 1942-43 scheitern. 1804 schreibt Beethoven zu Ehren des französischen Kaisers die dritte Symphonie, aus der später Eroica wird, bevor er sich von ihm distanzieren wird, weil er die Ideale der französischen Revolution verraten hat.

Noch nicht lange her, 2006, schmückte eine Werbetafel die Autobahnen im Freistaat Thüringen mit der Überschrift Rendezvous. Darunter eine dreispurige Autobahnschleife in bleu-blanc-rouge. Le bicorne, wie die kaiserliche Kopfbedeckung auf Französisch genannt wird, krönte das Bild. Grund der Napoleon-Mania war die Erinnerung an die Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, 1806, wo der kleine Franzose die Preußen in die Knie zwang.

Kein Volk feiert gern Niederlagen. Die Thüringer schafften es. Nach der Schlacht verließen sechzehn deutsche Prinzen das Heilige römische Reich deutscher Nation, um dem von Napoleon ins Leben gerufenen Rheinbund beizutreten.

Ein paar Jahre später, 1813, folgten die Befreiungskriege vom 2. Mai bei Lützen oder Grossgörschen bis hin zur Völkerschlacht von Leipzig am 16., 18. und 19. Oktober. Kaum ein Jahr später rief General Blücher seinen Soldaten zu: "Nach Paris!" Die zweite Pariser Reise der Deutschen fand bekanntlich 64 Jahre später statt.

Revolution Das zweite deutsche Reich wurde am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses zu Versailles in Anwesenheit der deutschen Fürsten ins Leben gerufen und der König von Preußen als Wilhelm I. zum Kaiser ernannt. Die deutsche Nation wurde Wirklichkeit. Das Elsass fiel als Gottesgabe an Deutschland. Wäre die deutsche Einheit ohne Napoleon zustande gekommen? War Napoleon, also Frankreich, Geburtshelfer der deutschen Nation wider Willen?

Am Anfang schreiben wir die Revolution: am 14. Juli 1789 dringt die Botschaft aus dem Pariser Bastille-Gefängnis mit dem Motto liberté-égalité-fraternité, das auf der Fassade aller Rathäuser der Republik eingraviert wurde. Am 26. August folgt die "Déclaration des droits de l'homme et du citoyen", ein Plagiat der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten vom 4. Juli 1776.

Die französische Revolution hatte auch Schattenseiten: Der Terror forderte hunderttausende Opfer. Da tauchte der kleine Korse auf, räumte auf und putschte sich sozusagen als Republikaner 1804 ins Kaisergewand. War Napoleon mehr als ein gnadenloser Krieger und lange Zeit ein begnadeter Feldmarschall? In ganz Europa hatte er Anhänger sozusagen als Sprachrohr der französischen Revolution, die er nach und nach verraten wird. Wir können Hegel zitieren: "Ich habe den Kaiser gesehen, die Seele der Menschheit!" Fichte war auch begeisterter Anhänger, bevor er sich gegen ihn wandte zugunsten des deutschen Nationalismus. Natürlich auch Goethe, der nach der Schlacht von Valmy bekanntlich eine neue Epoche auftauchen sah.

Was war passiert? Die Ideen der Revolution geisterten durch Europa. Sogar in Preußen gab es eine französische Partei. Der Mainzer Konvent hatte am 21. März 1793 verkündet: "Die Franzosen und die Deutschen bilden ab sofort ein untrennbares Volk." Nicht wenige Mainzer reisten nach Paris und nahmen als "Mayençais" an den blutigen Kämpfen gegen die "Reaktionäre" aus der Vendée teil.

Napoleon entstaubte in Europa die feudalen Strukturen. Moderne Verwaltungsstrukturen mit jungen, begabten Beamten prägten die neue Gesellschaft im Rheinbund. Sein Code Civil versprach eine gerechtere Gesellschaft. Er befreite Juden. In Frankreich gilt heute sein Konkordat im Elsass immer noch und trotz der laizistischen Republik, die 1905 ins Leben gerufen wurde und die Trennung von Staat und Kirche besiegelte. Priester, evangelische Pfarrer und Rabbiner werden im Elsass vom Innenminister bezahlt.

Bananenrepublik Der Conseil d'Etat, gegründet 1806, existiert heute noch in Frankreich. Er kontrolliert die neuen Gesetze. Im Dezember 2020 bestätigte er die Schließung der Skilifte wegen Corona!

Man vergisst aber zu schnell, dass Napoleons Familienpolitik die Ideale der Revolution schnell verraten hat und Frauenrechte, durch die Revolution erkämpft, rückgängig machte. Die Sklaverei in Übersee führte er sogar wieder ein. Der Diktator ersetzte bald den Befreier. Die Blutspur seiner kriegerischen Phantasie überzog ganz Europa. Wie in einer Bananenrepublik verteilte er die eroberten Gebiete unter seiner Familie. Die Niederlande für Bruder Louis, das sogenannte dritte Deutschland Westphalen (Rheinbund) für den jüngsten Bruder Jérôme, dessen verballhornter Spitzname "Schrom" in Nordhessen als Synonym für Schürzenjäger weiterlebt, Italien für Sohn Eugène, Schwester Elisa und Neffe Murat, Spanien für Bruder Joseph.

Die modernisierten Regionen wurden im Gegenzug ausgeplündert von Napoleons Familie: Kunstraub an der Tagesordnung. Die Quadriga auf dem Brandenburger Tor schleppte er nach Paris. Es dauerte nicht lange, bis die politische Faszination sich in Ablehnung verwandelte und dem deutschen Nationalismus einen neuen Aufwind gab. Aus den befreiten Nachbarvölkern wurden nationale Gegner.

Nationalismus Fichte, Jahn und Arndt entpuppten sich als die drei Musketiere des deutschen Nationalismus. "Wie Luther gegen die geistliche Universalherrschaft der römischen Kirche gekämpft hatte, so kämpfte Fichte gegen die beginnende Universalmonarchie Napoleons. Vom christlichen Glauben zur Vaterlandsliebe, von der kirchlichen Gemeinschaft zur Nation, war es nur ein kleiner Schritt", schreibt der Historiker Heinrich August Winkler.

Arndt verlangte 1813 die Rückgabe des Elsass und des deutschsprachigen Lothringen. Deutsch wurde von allen zur Ursprache deklariert. Nicht unähnlich dachten die Jakobiner über die französische Sprache. Als Saint Just Strasbourg besuchte, verkündete er: "Jetez vos habits allemands dans le Rhin, votre coeur est français." Da keiner französisch verstand, war die Übersetzung notwendig: "Schmeißt eure deutschen Kleider in den Rhein, euer Herz ist französisch." Napoleon dagegen war das Sprachproblem wurscht. Bekannt ist sein Satz: "Mir ist egal, ob die Elsässer französisch parlieren oder nicht, Hauptsache ist, sie säbeln für Frankreich." Noch heute sind die Elsässer stolz auf "Napi", nicht weniger als siebzig einheimische Generäle schenkte das Ländle zwischen Rhein und Vogesen dem Kaiser.

Napoleon interessierte sich überhaupt nicht für die Völker, die er eroberte. Die vertikale Herrschaftsstruktur dominierte. Die Ideen der Aufklärung verschwanden im Nebel seines autokratischen Geistes. Dazu kam seine Fixierung auf die Engländer, seine Hauptfeinde. Die Kontinentalsperre gegen England ärgerte auch die Geschäftsleute in Deutschland, eine Art umgekehrter Brexit.

Dieses vertikale Denken, die Unmöglichkeit, auf die Bedürfnisse der Völker einzugehen, der Widerstand gegenüber dem föderalistischen Denken im eigenen Land, scheinen tief in der DNA der französischen Machthaber zu stecken, seien sie Könige, Kaiser oder vom Volk gewählte Präsidenten. Seit die Franzosen am 21. Januar 1793 den eigenen König köpften, stieg im Volk immer wieder das Bedürfnis einer republikanischen Monarchie auf, auch wenn das Staatsoberhaupt vom Volk gewählt wird.

Urknall verpasst Die Franzosen haben später ihre Kolonien ausgeplündert. Auch als Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie nicht überall beliebt. Lieber ergaben sich die Überlebenden der Wehrmacht den Engländern und Amerikanern. Macron, überzeugter Europäer, gab sich volksnah, als er kandidierte, er wollte den Staat erneuern, wie Napoleon. Kaum gewählt, veränderte er die Strategie, behauptete, sein Amt sei jupiterhaft. Keine Spur von Verteilung der Macht. Schon rebellierten Alt und Jung und die Gelbwesten brachten seine Macht ins Wanken.

Hat diese Krankheit etwas mit dem französischen Katholizismus zu tun? Frankreich blieb ohne Reformation. Das Land hat den lutherischen Urknall verpasst. Frankreich ging von der Beichtkultur in die Streikkultur über ohne die Streitkultur kennenzulernen. Diese Art der Herrschaft nennt man Bonapartismus, eine französische Krankheit. Lionel Jospin, ehemaliger Premierminister, schrieb ein Buch über "le mal napoleonien", die napoleonische Krankheit.

Aber auch Deutschland brauchte seine Zeit, um die Demokratie als "Deutsche Affäre", zu festigen, nach dem Titel des Buches von Hedwig Richter. Zwei Weltkriege, Niedergang und Trennung der deutschen Nation, die erst am 3. Oktober 1990 dauerhaft überwunden wurde. Die Geschichte besteht aus einer Reihe von "Lügen, über die man sich geeinigt hat", schrieb Napoleon einst.

Der Autor ist freier Journalist im Elsass.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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