Inhalt

polen
Ulrich Krökel
Mehr als Heldenmut und Opferleid

Mit dem östlichen Nachbarn verbindet Deutschland eine über tausendjährige Geschichte

Polen und Deutsche sind Nachbarn in der Mitte Europas. Dieser Satz, der so schlicht daherkommt, wirft mehr Fragen auf, als er Antworten gibt. Denn Nachbarn können tief verfeindet sein oder innig befreundet. Sie können einander bewundern oder ignorieren, sich verbünden oder bekämpfen. All das hat es in mehr als tausend Jahren gemeinsamer Geschichte zwischen Deutschen und Polen gegeben. Und deshalb würde es auch "das Bild dieser Nachbarschaft grob verfälschen, wollte man die Betrachtung auf die letzten zweihundert Jahre reduzieren", wie es der Historiker Joachim Rogall formulierte.

Außergewöhnlich friedlich Diese beiden jüngsten Jahrhunderte umfassen das eigentliche Zeitalter der Nationen, aber auch eines zunehmend aggressiven Nationalismus. In der auf Vernichtung zielenden NS-Ideologie fand die Epoche ihren abgründigen Tiefpunkt. Wie groß die Wirkmacht dieser Geschichte noch immer ist, zeigte zuletzt das Deutsch-Polnische Barometer. Mit der Studie wird jährlich die wechselseitige Wahrnehmung der Nachbarn gemessen, und sie wies 2020 eine aufrüttelnde Zahl aus: Nicht einmal ein Drittel der Polen sind der Meinung, dass das historische Leid ihrer Nation ausreichend gewürdigt wird. Tendenz fallend. Das hat auch mit der Geschichtspolitik der rechtsnationalen PiS-Regierung zu tun. Sie will die eigenen Opfer ins Zentrum stellen und zugleich "ein Ethos polnischer Helden aufbauen". Leid und Heldenmut verdienen zweifellos Respekt. Zugleich jedoch droht eine Reduktion im Rogallschen Sinn. Deshalb sollte man darauf hinweisen, dass die Nachbarn im Herzen des Kontinents über viele Jahrhunderte hinweg nicht nur außergewöhnlich friedlich nebeneinander lebten, sondern miteinander. Denn ohne diese vornationale Geschichte bleibt das Bild der Nationen verzerrt.

Wie freundschaftlich es zugehen konnte, zeigte sich schon bei der Pilgerreise des römisch-deutschen Kaisers Otto III. im Jahr 1000 nach Gnesen/Gniezno, wo er den polnischen Herzog Bolesław I. traf. Zu einer Zeit, als Westslawen an Elbe und Ostsee siedelten, spielte die nationale Zugehörigkeit für die geistesverwandten Herrscher kaum eine Rolle. Beide dachten in den Kategorien eines christlichen Universalreiches, und so ging die kirchliche Selbstständigkeit Polens im "Akt von Gnesen" der Königskrönung Bolesławs 1025 lange voraus. Auch unterhalb der Herrscherebene ging es partnerschaftlich-produktiv zu. Die mittelalterliche Ostsiedlung, die Historiker im nationalen Zeitalter zu einem "deutschen Drang nach Osten" stilisierten, war doch zum Nutzen beider Seiten. Sprachaustausch und Techniktransfer, Städtegründungen und wirtschaftlicher Aufschwung waren die Folgen. In der frühen Neuzeit war es Polen-König Jan III. Sobieski, der 1683 im siegreichen Kampf gegen die Osmanen vor Wien den Oberbefehl über ein kaiserlich-polnisch-deutsches Heer führte.

Drei Teilungen Was blieb vom Miteinander? Ausgerechnet in der Epoche der Aufklärung machte sich Preußenkönig Friedrich der Große gemeinsam mit der russischen Zarin Katharina daran, das innenpolitisch geschwächte Polen zu annektieren. Österreichs Habsburgermonarchie schloss sich an. In den Teilungen von 1772, 1793 und 1795 tilgten die "drei Schwarzen Adler" die Adelsrepublik von der politischen Landkarte Europas. Das Zeitalter der Nationen, das 1871 die Einigung Deutschlands zum Kaiserreich erlebte, kannte über weite Strecken keinen unabhängigen polnischen Staat. Diese Nichtexistenz hat tiefe Spuren hinterlassen. Die mangelnde Würdigung der polnischen Geschichte, die im Land schmerzhaft empfunden wird, hat ihre Wurzeln in der Teilungszeit. Gut bekannt ist der Beginn der Nationalhymne, die damals entstand: "Noch ist Polen nicht verloren." Aber wer weiß schon, dass der Sejm in Warschau, eines der ältesten Parlamente der Erde, 1791 die erste moderne Verfassung Europas verabschiedete? Im 19. Jahrhundert galten die Polen als "Sturmvögel der Revolution", Vorkämpfer für Freiheit und Demokratie. Das Hambacher Fest der deutschen Bürgerbewegung stand auch im Zeichen einer "Polenschwärmerei".

Vieles ist vergessen. Der Vernichtungskrieg der Nazis und die Besatzung forderten in Polen sechs Millionen Tote. Das Land blieb in Trümmern zurück und geriet unter sowjetische Herrschaft. Hinter all dem Grauen droht die Erinnerung an die reiche gemeinsame polnisch-deutsche Geschichte zu verblassen. Und dennoch: Mit dem Nachbarschaftsvertrag von 1991 und der EU-Osterweiterung haben beide Nationen im Herzen Europas ein neues Kapitel der Freundschaft aufgeschlagen.

Der Autor ist freier Journalist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag