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FeiertaG
Thomas Paulwitz
Gewisse Nüchternheit

3. Oktober erinnert an das DDR-Beitrittsdatum

Unser Nationalfeiertag, den wir als "Tag der Deutschen Einheit" begehen, hat eine verhältnismäßig kurze Geschichte. In den USA feiern die Amerikaner seit 1777 den 4. Juli als Unabhängigkeitstag. Die Franzosen erklärten im Jahr 1880 den 14. Juli zum Nationalfeiertag, zum Gedenken an den Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789, der die Französische Revolution einleitete.

Den Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober gibt es jedoch erst seit 30 Jahren. Der Einigungsvertrag zwischen DDR und Bundesrepublik bestimmte dieses Datum zum gesetzlichen Feiertag. Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik bei. Der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und DDR-Staatssekretär Günther Krause hatten das Vertragswerk ausgehandelt. Mit Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie dem wiedervereinigten Berlin wuchs die Zahl der Bundesländer auf sechzehn. Die Spaltung in zwei Staaten, getrennt durch Mauern und Todesstreifen, war endlich überwunden.

Obwohl der 3. Oktober 1990 als Tag der Freude von einer großen Einheitsfeier begleitet wurde, enthält er als Gedenktag den Makel einer gewissen Nüchternheit. Denn während man in Frankreich am 14. Juli der Erstürmung eines Symbols der Unterdrückung gedenkt und in den USA den Geburtstag einer Nation feiert, steht der 3. Oktober in Deutschland für einen Verwaltungsakt, der einen politischen Prozess zu einem formalen Ende gebracht hat.

Ausgangspunkt dieses Prozesses war die Friedliche Revolution von 1989, die nach zahlreichen Demonstrationen ihren Höhepunkt mit dem Mauerfall am 9. November hatte. Legendär ist die Pressekonferenz an diesem Tag, auf der SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski informierte: "Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen." Auf die Zwischenfrage "Ab wann tritt das in Kraft? Ab sofort?" antwortete Schabowski: "Das tritt nach meiner Kenntnis - ist das sofort, unverzüglich." Kurz darauf versammelten sich in Berlin Menschenmassen aus Ost und West an der Grenze und feierten an und auf der Mauer - ein Tag des Glücks für ganz Deutschland. Kein Wunder, dass im Zuge der Wiedervereinigung der Wunsch laut wurde, den 9. November künftig als neuen Tag der deutschen Einheit zu feiern.

Der Nationalfeiertag der DDR war hinfällig geworden. Er war von 1950 bis 1989 jährlich am 7. Oktober als "Tag der Republik" zur Erinnerung an die Gründung der DDR 1949 mit großen Aufmärschen und Militärparaden gefeiert worden. In Westdeutschland gab es bereits mit dem 17. Juni einen Tag der Deutschen Einheit, der daran erinnerte, wie die Sowjetarmee 1953 den Volksaufstand in der DDR niederschlug.

Warum konnte aber nicht der 9. November der neue Tag der Deutschen Einheit werden? Es ist ein Schicksalstag der deutschen Geschichte. Die Erinnerung an die Ausrufung der Republik (1918), an den Hitler-Putsch (1923), an die Pogromnacht (1938) - alles Ereignisse, die am 9. November stattfanden - würde das Gedenken an die deutsche Einheit überlagern. Deswegen entschied man sich letztlich für den 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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