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EXTREMISMUS I
Susanne Kailitz
»Keine Träne für Dresden«

Die antideutsche Bewegung innerhalb des linken Spektrums

Für viele Menschen war der Fall der Mauer im Herbst 1989 ein Grund für Freude und Jubel. Aber nicht für alle: Es gab auch Menschen, die das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer, in dem kurz darauf die Wiedervereinigung begangen wurde, als Problem ansahen. Die Rede ist von einer der umstrittensten Gruppen innerhalb der radikalen Linken - den sogenannten Antideutschen. Dass diese Bewegung existiert, wird immer wieder in spektakulären Bildern, aber weniger in einer größeren gesellschaftlichen Debatte sichtbar. Dafür ist sie deutlich zu klein.

Mit Parolen wie "Nie wieder Deutschland" verlieh die "Radikale Linke" seit November 1989 ihrer Angst vor einem Wiedererstarken Deutschlands oder gar einem "Vierten Reichs" Ausdruck. Im öffentlichen Gedächtnis blieben auch Demonstrationen anlässlich des Jahrestags der Bombardierung Dresdens mit Parolen wie "Keine Träne für Dresden" oder "Bomber Harris, do it again".

Der Politikwissenschaftler Rudolf van Hüllen führt das Aufkommen der anti-deutschen Gruppierungen 1989/90 zum einen auf deren Sorge zurück, "dass einem Streben der Deutschen nach Wiedervereinigung zwangsläufig ein imperialistischer Angriff und ein Vernichtungskrieg gegen fremde Ethnien folgen müsse". Die zweite Wurzel der antideutschen Position finde sich "im Entsetzen über die Gleichgültigkeit linksextremistischer ,Friedensdemonstranten' gegenüber irakischen Raketenangriffen auf Israel" während des Golfkrieges 1991.

Rolle Israel s In den sozialen Netzwerken verzeichnen verschiedene "Antideutsche Aktionen" heute jeweils Unterstützer im drei- bis unteren vierstelligen Bereich. Als einer der wenigen bekannten konkreten Treffpunkte für die antideutsche Bewegung gilt vielen Beobachtern das umstrittene Leipziger Jugend- und Kulturzentrum "Conne Island", dem deshalb innerhalb linker Kreise immer wieder ein Rechtsruck unterstellt wird. Dreh- und Angelpunkt des Konflikts zwischen Antideutschen und klassischen Linken ist die Haltung zu Israel. Für das antideutsche Spektrum der linken Szene gilt es als selbstverständlich, dass es nach den Erfahrungen des Holocaust eine Verteidigung des jüdische Nationalstaats gegen alle Feinde geben muss. Im "Conne Island" hängt sinnbildlich dafür ein großes Transparent mit der Aufschrift "Gegen jeden Antisemitismus".

Auch der Kasseler Soziologe Floris Biskamp beschreibt den Konflikt in der linken Szene als einen um die Bewertung Israels und der Muslime: In Israel "sehen Antisemitismuskritikerinnen in erster Linie den Staat der Shoah-Überlebenden", der gegen antisemitische Feinde um seine Existenz kämpfe. Rassismuskritiker würden dagegen in Israel "eher einen Staat mit kolonialer Vorgeschichte, der die arabische Bevölkerung rassistisch unterdrückt und verdrängt", sehen.

Für Rudolf von Hüllen hat sich das "antideutsche Segment" im Linksextremismus seit Entstehung der Bewegung "ausdifferenziert": Es bestehe aus einem "kompromisslos israel-solidarischen" Flügel um die Zeitschrift "Bahamas" und das Monatsblatt "jungle world", in dem "nur noch schwerlich Linksextremisten" erkennbar seien. Der "antinationale Flügel" glaube, dass Nationen generell künstliche Konstrukte seien, die zur Ausgrenzung anderer führen. Solche "an anarchistische und kommunistische Utopien anknüpfenden Vorstellungen" würden auch Rechtsstaatlichkeit und Demokratie ablehnen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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