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PREUSSIScHES ERBE
Alexander Weinlein
»Es ist kein Witz, der alte Fritz ist wieder da«

Erich Honnecker und die Rückkehr Friedrichs des Großen in die Geschichte der sozialistischen Nation

Ganz plötzlich ist er wieder da und reitet "Unter den Linden" wie einst gen Osten - zwischen Trabis und Wartburgs. Der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker höchst persönlich gibt 1980 die Order aus, das 13,5 Meter hohe Reiterstandbild Friedrichs des Großen des Bildhauers Christian Daniel Rauch wieder auf dem Mittelstreifen des Berliner Boulevards zu errichten, nur sechs Meter von seinem historischen Standort entfernt, wo es 1851 eingeweiht worden war.

Sieben Jahre nach der Rückkehr ins Ost-Berliner Stadtbild besingt die ostdeutsche Chansonsängerin Gisela May das Reiterdenkmal spöttelnd: "Da sitzt er auf seinem hohen Ross, denkt verwundert, wo ist denn das Schloss. Da steht ein Haus aus Glas und weißem Stein. Wer mag der Herr in diesem Hause sein? Es ist kein Witz, der alte Fritz ist wieder da." Der Palast der Republik, das "Haus aus Glas und weißem Stein" ist inzwischen abgerissen. An seiner Stelle erhebt sich das Humboldt-Forum mit der rekonstruierten Außenfassade des Schlosses.

Eine Selbstverständlichkeit war die Rückkehr des Preußenkönigs nach Berlin wahrlich nicht, sondern sichtbarer Ausdruck einer bemerkenswerten geschichtspolitischen Wende, die Anfang der 1980er Jahre in der DDR vollzogen wurde. Denn eigentlich war Preußen ein historisches No-Go-Area. "Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört", hieß es im alliierten Kontrollratgesetz Nr. 46 vom 25. Februar 1947.

In der jungen DDR war Preußen das Feindbild schlechthin und galt als Wegbereiter für das nationalsozialistische Deutschland. Für die Figur Friedrich II. galt dies schon deshalb, weil die Nazis den König nicht nur glorifiziert, sondern gar zum "ersten Nationalsozialisten" erhoben und als Ahnherrn missbraucht hatten. In der Ära von Honeckers Vorgänger Walter Ulbricht wurde mit dem Preußentum denn auch architektonisch aufgeräumt. Das Berliner Schloss wurde ebenso gesprengt und abgerissen wie das Potsdamer Stadtschloss und die Garnisonskirche, das Reiterstandbild Friedrichs demontiert und nach Potsdam verbracht, aus der Quadriga auf dem Brandenburger Tor verschwanden Preußenadler und Eisernes Kreuz.

So ganz gelang die Entpreußifizierung dann aber doch nicht. Ausgerechnet die Neue Wache, Kulisse für die militärischen Wachablösungen seit 1818, wurde restauriert und 1960 zum Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus umgewidmet. Postiert waren hier seit 1962 zwei Soldaten des Wachregiments Friedrich Engels. Die preußisch wirkende Wachablösung mit Militärmusik und im Stechschritt marschierenden Soldaten avancierte zu einem touristischen Hotspot. Überhaupt überlebten preußische Traditionen in der DDR am ehesten noch in der Nationalen Volksarmee. Das fing bei ihren Uniformen an, deren Schnitt an die der Wehrmacht anknüpfte, und reichte bis zu den großen Militärparaden. Mit dem Scharnhorst-Orden schuf man zudem ganz bewusst eine Traditionslinie zu jenem preußischen General aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon, der sich für Reformen im Militär eingesetzt und die Grundlagen eines "Volksheeres" geschaffen hatte, in dessen Nachfolge sich die NVA stellte.

Der Umschwung in der Rezeption der Preußen und allen voran Friedrichs des Großen wurde Anfang der 1980er dann von Erich Honnecker eingeleitet, der nach historischer Legitimation für die propagierte Theorie von einer "eigenständigen sozialistischen Nation DDR" suchte. Einen ersten Aufschlag hierfür lieferte die Historikerin Ingrid Mittenzwei mit ihrer differenzierten Friedrich-Biografie. Plötzlich war der Preußenkönig nicht länger nur Feudalherr und Militarist, sondern auch ein Herrscher, der positive und fortschrittliche Entwicklungen vorangetrieben hatte. Honnecker lobte Mittenzweis Werk über Friedrich ausdrücklich als Beweis für die Haltung der DDR zu ihrem historischen Erbe.

Als der West-Berliner Senat 1980 schließlich die Ausstellung "Preußen - Versuch einer Bilanz" im Martin-Gropius-Bau ankündigte, schuf Honnecker Fakten und erhob den alten Fritz wieder auf sein Ross. Und plötzlich schien Preußen überall. Im DDR-Fernsehen wurde der Spielfilm "Clausewitz - Lebensbild eines preußischen Generals" sowie die aufwändig produzierte sechsteilige Serie "Sachsen Glanz und Preußens Gloria" ausgestrahlt und der Historiker Ernst Engelberg publizierte eine erstaunlich positive Biografie über Otto von Bismarck, der bislang stets nur als reaktionärer Junker und Feind der Arbeiterklasse angesehen worden war.

Den Höhepunkt in Honneckers Preußen-Begeisterung stellte aber sicherlich das Ansinnen auf die Rückführung der Sarkophage Friedrichs und seines Vaters Friedrich Wilhelm I. von der Hohenzollernburg Hechingen in Baden-Württemberg nach Potsdam dar. Eine DDR-Delegation reiste 1986 mit diesem Ansinnen zu Prinz Louis Ferdinand, um den testamentarischen letzten Willen des alten Fritz, auf der Terrasse von Schloss Sanssouci begraben zu werden, umzusetzen. Der Chef des Hauses Hohenzollern stimmte zu - mit einer Bedingung: Die Umbettung müsse in einem wiedervereinten Deutschland stattfinden. Dass dies am 17. August 1991 tatsächlich Wirklichkeit werden würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt allerdings niemand.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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