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Sport
Jan Tölva
Schlaaaand...!

Der Fußball weckte nach Nationalsozialismus und verlorenem Krieg wieder patriotische Gefühle bei den Deutschen und verhalf ihnen auch nach außen zu einem neuen Image

Der Sozialwissenschaftler Gerd Dembowski bezeichnete den Fußball einmal als ein "Brennglas", in dem sich die gesellschaftlichen Probleme bündeln. Das gilt auch und vielleicht ganz besonders für die Geschichte der deutschen Nationalmannschaft. Als die vom Deutschen Fußballbund in die Schweiz entsandte Nationalmannschaft 1954 mit einem 3:2 über Ungarn zum ersten Mal Weltmeister wurde, war Deutschland ein geteiltes Land. Nicht nur gab es mit der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik zwei sehr unterschiedliche deutsche Staaten, auch die westdeutsche Gesellschaft für sich genommen war tief gespalten. Während die Mitte-Rechts-Regierung Konrad Adenauers die Westintegration forcierte, befürchtete die SPD unter Erich Ollenhauer, dadurch jedwede Chance auf eine baldige Wiedervereinigung zu verspielen.

Keine zehn Jahre war es her, dass das nationalsozialistische Deutschland bedingungslos kapituliert hatte. Noch immer befanden sich Tausende ehemaliger Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und viele der zehn Millionen aus den deutschen Ostgebieten gekommenen Menschen waren nicht wirklich in ihrer neuen Heimat integriert. Gleichzeitig hatte der wirtschaftliche Aufschwung bereits deutlich Fahrt aufgenommen. Das "Wunder von Bern" passte daher gut zum einsetzenden "Wirtschaftswunder". Man war wieder wer - erst in den Fabriken, nun auch auf dem Rasen. Dass beim WM-Finale auf den Rängen auch die erste Strophe des Deutschlandliedes angestimmt wurde, zeigt die ambivalente Haltung der Deutschen zur noch jungen Bundesrepublik.

Große Schritte Es ist unmöglich, den Anteil des "Wunders von Bern" am Gelingen der Westintegration und der Nationenbildung in der Bundesrepublik exakt zu bestimmen. Es ist jedoch eine Tatsache, dass beides in den Monaten und Jahren nach der Weltmeisterschaft mit großen Schritten voranging. Im Herbst 1954 wurde die BRD Gründungsmitglied der Westeuropäischen Union, ein Jahr später trat sie der Nato bei und im Herbst 1955 erreichte Adenauer die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Sowjetunion und damit de facto deren Anerkennung der deutschen Teilung. Bei der Bundestagswahl 1957 holte die Union mit 50,2 Prozent ihr bis heute bestes Ergebnis und errang die absolute Mehrheit. Adenauers Kurs war auf ganzer Linie bestätigt worden.

Fast auf den Tag genau 20 Jahre nach dem Triumph im Berner Wankdorfstadion holte die DFB-Auswahl zu Hause erneut den WM-Titel, doch das Land hatte sich verändert. Auf Adenauers Westintegration war Willy Brandts Neue Ostpolitik gefolgt und auf das Wirtschaftswunder der 1950er die Studentenproteste der 1960er. Sogar Fußballer trugen plötzlich lange Haare und Paul Breitner posierte mit einer Mao-Bibel. Die Ausrichtung der Weltmeisterschaft sollte der Welt zeigen, dass die Bundesrepublik inzwischen ein friedliches und verlässliches Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft geworden war. Genau dasselbe Ziel jedoch hatten auch die Olympischen Spiele in München zwei Jahre zuvor gehabt, und die waren in einem Blutbad geendet, nachdem palästinensische Terroristen elf israelische Geiseln sowie einen deutschen Polizisten getötet hatten. Zu allem Überfluss fand das WM-Finale nur wenige hundert Meter entfernt von genau dem Ort statt, an dem kurz zuvor erneut jüdisches Blut auf deutschem Boden vergossen worden war. Diesmal jedoch gelang die Inszenierung, auch weil mit Franz Beckenbauers Deutschland und Johan Cruyffs Niederlanden zwei der wohl besten Teams der Geschichte aufeinander trafen.

Der dritte WM-Titel folgte 16 Jahre später, im Sommer 1990, als das Land sich gerade in einer Art Schwebezustand befand. Die Mauer war gefallen, aber die DDR existierte noch fast drei Monate weiter. Dennoch wirkte es so, als sei damals der Hauch der Geschichte durch das Rund des römischen Olympiastadions geweht. Erst wieder Weltmeister, dann wieder vereinigt. Kein Drehbuch hätte besser sein können. "Auf Jahre unschlagbar", werde die deutsche Nationalmannschaft nun sein, prophezeite Franz Beckenbauer, bevor er sich von seinem Amt als Bundestrainer zurückzog. Er sollte Unrecht behalten. Zwar gewann die DFB-Elf 1996 in England die Europameisterschaft, aber sonst glichen die kommenden eineinhalb Jahrzehnte einer fußballerischen Geisterbahnfahrt.

Bei der WM 1994 war bereits im Viertelfinale gegen Bulgarien Schluss, vier Jahr später an gleicher Stelle gegen Kroatien. Wenige Tage zuvor hatten deutsche Hooligans in Lens den französischen Gendarmen Daniel Nivel zum Invaliden geprügelt. Schon in der Nacht nach dem Sieg im WM-Finale 1990 waren Neonazis über den Ost-Berliner Alexanderplatz gezogen, hatten Schaufenster eingeschlagen, "Deutschland den Deutschen" gefordert und Jagd auf Migranten gemacht. 1996 bei einem Länderspiel im polnischen Zabrze hatten Fans der DFB-Auswahl ein Transparent mit der Aufschrift "Schindler-Juden, wir grüßen euch" präsentiert und dazu "Wir sind wieder einmarschiert" skandiert. Der deutsche Fußball hatte ein Naziproblem - ebenso wie die deutsche Gesellschaft als Ganzes.

Auf den Freudentaumel der Wiedervereinigung war recht bald Ernüchterung gefolgt. Die von Helmut Kohl versprochenen "blühenden Landschaften" blieben aus, die Arbeitslosigkeit im Osten pendelte um die 20 Prozent. Gleichzeitig überzog eine Welle rassistischer und rechtsextremer Gewalt das Land, wie es sie seit Ende des Krieges nicht gegeben hatte. Mehr als 120 Todesopfer zählt die Amadeu Antonio Stiftung allein für die Jahre 1990 bis 2000. Brandanschläge in Mölln und Solingen, Hetzjagden auf Migranten in Hoyerswerda und Magdeburg, vor allem aber die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992, bei denen tausende Menschen einem Mob von Neonazis zujubelten, während dieser ein Haus mit vietnamesischen Vertragsarbeitern in Brand steckte, riefen weltweit Bestürzung und Erinnerungen an längst vergangen geglaubte Zeiten hervor.

Auf der Fanmeile Deutschland brauchte dringend andere Bilder, Bilder, die zeigten, dass es auch noch ein anderes Deutschland gab und dass es vielleicht sogar das wirkliche Deutschland war. Diese Bilder sollte abermals eine Weltmeisterschaft im eigenen Land liefern. Tatsächlich dürften sich noch heute viele gern an das bunte Treiben auf den Fanmeilen erinnern, auf denen Deutschland zu "Schland" wurde, und an das sympathische Auftreten der Mannschaft, die der jung und dynamisch wirkende Bundestrainer Jürgen Klinsmann zusammengestellt hatte. Viel trug auch dazu bei, dass die Nationalmannschaft so divers erschien wie nie zuvor. Als Deutschland im Eröffnungsspiel auf Costa Rica traf, standen mit Lukas Podolski und Miroslav Klose zwei Spieler im Sturm, die in Polen geboren wurden. Drei weitere Spieler mit Migrationsgeschichte - David Odonkor, Oliver Neuville und Gerald Asamoah - saßen auf der Bank oder wurden eingewechselt. Immerhin vier Spieler kamen aus den neuen Bundesländern.

Abseits der bunten Bilder jedoch hatte sich wenig geändert. Allein im Jahr 2006 beging die rechte Terrorgruppe NSU zwei Morde und zwei Banküberfälle. Die Zahl der rechtsextremen Straftaten lag laut Verfassungsschutz mit mehr als 18.000 rund 14 Prozent höher als im Vorjahr, und in Mecklenburg-Vorpommern zog die NPD mit 7,6 Prozent in den Landtag ein. Auch in Berlin holte die rechtsextreme Partei mit 2,6 Prozent ein neues Rekordergebnis und saß fortan in mehreren Bezirksverordnetenversammlungen. Der vielerorts zelebrierte "Party-Patriotismus" schien eine braune Kehrseite zu haben.

Offene Hetze Daran hat sich wenig geändert. Einerseits ist es längst selbstverständlich geworden, dass in der deutschen Nationalelf Spieler mit Migrationshintergrund wie Antonio Rüdiger oder Emre Can tragende Rollen spielen. Andererseits äußerte sich 2016 mit Alexander Gauland einer der führenden Köpfe der AfD abwertend über den Nationalspieler Jérôme Boateng indem er behauptete, niemand wolle jemanden wie ihn zum Nachbarn haben. Und als 2018 ein Foto Mesut Özils mit dem türkischen Präsidenten Erdogan kontrovers diskutiert wurde, mischten sich unter die berechtigte Kritik auch eindeutig rassistische Töne. Einmal mehr hatte das "Brennglas" des Fußballs gezeigt, vor welchen Problemen Deutschland steht.

Der Autor ist freier Journalist in Berlin

Aus Politik und Zeitgeschichte

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