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KLischees
Johanna Metz
»Wie viel Bier ist in der deutschen Intelligenz!«

Diszipliniert, pünktlich und immer Bier trinkend? Was andere Nationen und wir selbst über uns denken - ein Streifzug durch die Jahrhunderte

Wir sind pflichtbewusst und diszipliniert, ordentlich und immer pünktlich, aber auch etwas humorlos und reserviert gegenüber Fremden? Wir essen gerne Fleisch, reisen am liebsten nach Mallorca oder Italien und trinken ständig Bier? Wir lieben Fußball, stehen selbst im Urlaub früh auf, um die Liegen am Pool mit Handtüchern reservieren, haben fast alle einen Hund und sind Mitglied in mindestens einem Verein?

So sind wir Deutschen - zumindest, wenn man das Internet nach gängigen Klischees durchforstet. Oder Filme guckt wie "Man spricht deutsh" von Gerhard Polt. In dem Satirestreifen von 1988 urlaubt die bayrische Familie Löffler wie in jedem Jahr an der italienischen Adriaküste, und natürlich parkt der misstrauische Pauschalurlauber sein Auto in permanenter Angst vor Dieben und Abzockern in Sichtweite, verzehrt im Strandrestaurant Schweinshaxe mit Pommes und trinkt Bier schon in der Mittagshitze - über die er sich natürlich beschwert. Bloß gut, dass das benachbarte Rentnerehepaar Endress sechs Kisten Fürstenberg Pilsener über den Brenner gekarrt und neben ihren Campingliegen im Sand verscharrt hat! Anständiges Bier können "diese Italiener" ja nicht machen, wie sich Familienvater Erwin mokiert.

Spießig, arrogant und wenig expermimentierfreudig - so manches Klischee über "die" Deutschen hält sich hartnäckig und reicht fast zweitausend Jahre zurück. Ausgerechnet der römische Historiker Tacitus war es, der den Germanen 98 nach Christus den Stempel aufdrückte und ihnen einen bis heute viel zitierten "Volkscharakter" verpasste. Dabei lernte er die Stämme im Norden nicht mal selbst kennen und leitete seine Beschreibungen nur vom Hörensagen ab. Dennoch finden sich in seinem Werk "Germania" erstaunlich-vertraute Zuschreibungen. "Wilde blaue Augen" und "tüchtige Leiber" hätte das Völkchen, tapfer, treu und gehorsam sei es, und es esse gerne. Jedoch hätte es auch große "Scheu vor Durst und Hitze", weshalb es wohl auch so trinkfreudig sei. "Den Tag und die Nacht durch Saufen zu verbringen, bringt Keinen Schimpf", schreibt der Römer. Als Getränk diene den Stämmen eine Flüssigkeit aus Gerste oder Weizen. Prost!

Knapp 1.600 Jahre später, im frühen 18. Jahrhundert, finden sich viele dieser Zuschreibungen auf der Steirischen Völkertafel wieder, einem Ölgemälde, auf dem ein unbekannter Maler eine "Kurze Beschreibung der In Europa Befintlichen Völckern Und Ihren Aigenschafften" versammelt hat. Der "Teutsche" heißt es darauf unter dem Bild eines freundlich blickenden, akkurat gekleideten Mannes, sei von "ganz gutem" Charakter, gerne überall dabei ("über Allmit") und sehr fromm. Ein bisschen bieder klingt das irgendwie, fast langweilig. Ein gewisses Laster blieb aber auch dem Schöpfer der Tafel nicht verbogen: Ins Grab bringe die verschwenderischen Deutschen der "Hang zum Saufen", speziell die Liebe zum Wein.

Insgesamt erscheinen die Deutschen in vielen Schriften eher blass. Heißblütig wie die Italiener oder charmant und liebestoll wie die Franzosen? Nix da. Immanuel Kant attestierte ihnen im 18. Jahrhundert Eigenschaften wie Ehrlichkeit und Häuslichkeit, die, nun ja, "nicht zum Glänzen geeignet" seien. Johann Wolfgang von Goethe bezeichnete die Deutschen gar als "wiederkäuende Tiere", die alles nachahmten und so gar nichts Eigenes hätten. "Von einem Hang zur Beschaulichkeit" und der Eigenschaft, sich Erfahrungen in der Fremde "anzuverwandeln", sprach im 19. Jahrhundert der Komponist Richard Wagner.

Die Deutschen, ein Volk ohne Eigenschaften? Zumindest sei eine gewisse "Amalgamisierungsgabe" oft beschrieben worden, erklärt der Literaturhistoriker Dieter Borchmeyer in seinem 2017 erschienenen Buch "Was ist deutsch?". Das meint die Fähigkeit, sich alle geistigen Werte zu eigen zu machen und dabei zu vernachlässigen, welche Werte sie, die Deutschen, in sich selbst bergen würden.

Nicht wenige vermuten, dass diese "Selbstrelativierung" Folge der späten Nationenbildung ist. So urteilt unter anderem die Französin Madame de Stael 1810 in ihrem "Deutschlandbuch", das Reich habe keine Hauptstadt und dadurch "keinen geistigen Mittelpunkt, kein Zentrum der öffentlichen Meinung". Daher mangele es den Deutschen an nationalen Vorurteilen - anders als Franzosen, Spaniern und Engländern, die es mit Nationalstolz und Überheblichkeit zur Weltmacht gebracht hätten. Den Philosophen Friedrich Nietzsche regte die deutsche Trägheit Ende des 19. Jahrhunderts spürbar auf: "Wie viel verdrießliche Schwere, Lahmheit, Feuchtigkeit, Schlafrock, wie viel Bier ist in der deutschen Intelligenz!" Sein Resümee: "Ein Deutscher ist großer Dinge fähig, aber es ist unwahrscheinlich, daß er sie tut."

Tabuthema Dass die teils belächelte, teil bewunderte deutsche Weltbürgerlichkeit später bekanntlich in einen militanten Nationalismus umschlug, der in der Shoah mündete, hat die Frage nach dem Selbstwertgefühl der Deutschen für lange Zeit erübrigt. Bis heute zeuge die immer wieder gestellte Frage "Was ist deutsch?" von einer "tief sitzenden Unsicherheit, was die eigene nationale Identität betrifft", urteilte 2013 der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU).

Die Zurückhaltung ist den Deutschen nach wie vor eigen. Im Frühjahr 2015 ergab eine Umfrage von YouGov in acht Ländern in Europa, Nordamerika und Asien, dass die Deutschen sich bei Eigenschaften wie Freundlichkeit, Disziplin, Intelligenz, Selbstbewusstsein, Humor und Attraktivität allenfalls im Mittelfeld sehen. Wird Nietzsche mit seinen Worten Recht behalten? Er befand 1873: "Das deutsche Wesen ist noch gar nicht da; es muss erst werden."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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