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Nation
Andreas Fahrmeir
Eintracht in Grenzen

Das Modell einer radikalen Vereinfachung entwickelte große Sprengkraft

Am Abend der Bundestagswahl 2013 spielte sich im Konrad-Adenauer-Haus eine bemerkenswerte Szene ab: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nimmt bei den Feiern einem reichlich verdutzten Parteifreund Hermann Gröhe ein Deutschlandfähnchen aus der Hand und legt es zur Seite. Ihre Mimik verrät: Ich will das nicht. Dies ist umso erstaunlicher, da das Bekenntnis zur Nation traditionell zum Markenkern der Union gehört. Peter Tauber erklärte in seiner Zeit als CDU-Generalsekretär das Verhalten der Kanzlerin mit ihrer DDR-Erfahrung, sie wolle das nationale Symbol nicht von einer Partei okkupiert wissen. In gewisser Weise erinnert die Szene an ein Zitat von Bundespräsident Gustav Heinemann (SPD): "Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!", hatte Heinemann auf die Frage nach der Liebe zu seinem Land geantwortet.

Zugleich werden nicht nur auf der äußeren politischen Rechten in Deutschland, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern, offen nationalistische Positionen vertreten. Auch auf der politischen Linken tritt bisweilen die Suche nach einem zeitgemäßen, aufgeklärten Patriotismus an die Stelle einer grundsätzlichen Ablehnung des Nationalen.

Die Geschichte deutscher Nationsvorstellungen ist offensichtlich kompliziert. Das ist einigermaßen paradox. Denn die Idee, die Welt nach Nationen zu ordnen, ist ein Angebot, sie radikal zu vereinfachen. Aus der Fülle von dem, was zu individuellen Identitäten beiträgt, greift der Nationalismus wenige Aspekte heraus, die er zu den wichtigsten erklärt: gemeinsame (imaginierte) Abstammung, Sprache und "Kultur". Und aus der Fülle von Gründen, die es für den Verlauf politischer Grenzen geben kann, erklärt er nur den Zustand für legitim, in dem sich die Grenzen der Siedlungsgebiete von Nationen mit denen von Staaten decken.

Diese Annahme war in Mitteleuropa, wo imaginierte Abstammung, dominante Sprachen, durch protestantische und katholische Traditionen geprägte Kulturen und die Grenzen von Herrschaftsgebieten nicht zusammenfielen, von großer Sprengkraft. Und sie löste sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Als Mitteleuropa nach den langen Kriegen zwischen 1793 und 1815 neu geordnet wurde, schien es aus der Perspektive der größeren Reiche selbstverständlich, dass Herrschaftsgebiete mehrere Nationen umfassten und dass die deutsche Nation auf mehrere Territorien verteilt sein würde.

Die Regierungen kleinerer deutscher Staaten sahen in der Nationszugehörigkeit ein wichtiges Element der Herrschaftsstabilisierung und bemühten sich, das Bewusstsein der Zugehörigkeit etwa zu einer bayerischen, badischen oder württembergischen Nation innerhalb der deutschen Nation zu verstärken.

Aus der Sicht von Teilen der politischen Opposition belegten die Erfahrungen der amerikanischen und französischen Revolutionen dagegen, dass die Nation als Gemeinschaft gleichberechtigter Bürger nicht nur das einzig legitime, sondern das in der Konkurrenz der Herrschaftssysteme erfolgreichste Modell war.

Nachbarn Die Forderung nach deutscher nationaler Einheit warf allerdings die Frage auf, wie die Beziehung zu anderen Nationen in mehrheitlich deutschen Staaten sein würde. Optimisten wie die Redner auf dem Hambacher Fest von 1832 erwarteten, dass Nationen ihre Grenzen einträchtig neu bestimmen und fortan harmonisch kooperieren würden. In der Revolution von 1848 wie im Rahmen der Reichsgründung 'von oben' 1871 setzte sich aber die Orientierung an existierenden Staaten durch. Im Fall des Deutschen Reichs wurde sie erweitert um die 1864 von Dänemark und 1871 von Frankreich annektierten Gebiete. Allerdings waren mit Blick auf Elsass-Lothringen wirtschaftliche und militärisch-strategische Erwägungen letztlich wichtiger als die zur Begründung der deutschen Ansprüche herangezogenen sprachlichen oder historischen Argumente. Und mit Blick auf die Grenze zu Österreich verband sich die Reichsgründung eher mit einer Absage an Sprache und Geschichte als entscheidende Kriterien für die Bestimmung von Grenzen: Zumindest im juristischen Sinne waren ab 1913 nur noch Reichsangehörige "Deutsche".

Nach innen mobilisierte auch das Kaiserreich das ganze Repertoire der Nationsbildung. Zugleich verschob sich allerdings die Vorstellung davon, was die Zugehörigkeit zur Nation ausmachte: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfolgten Sprach- und Literaturwissenschaftler, Historiker, Juristen und Volkskundler die Genealogie europäischer Nationen und verloren dabei nie völlig aus dem Blick, dass deren Geschichte durch historische Kontingenz geprägt war. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wuchs das Gewicht der Stimmen, die behaupteten, Nationalität habe im Kern eine biologische Grundlage, die man etwa auf der Grundlage von Schädelformen oder gar direkt im Blut diagnostizieren könne. Diese so bestimmbaren "Völker" seien nicht Ergebnis historischer Entwicklungen, sondern deren Ursache. Dass Teile der politischen Eliten sich diese Perspektive zu eigen machten, erwies sich vor allem für jüdische Deutsche als fatal. Sie sahen sich nun nicht mehr nur von traditionellen antijüdischen Vorurteilen, sondern auch von neuen antisemitischen Bewegungen ausgegrenzt.

Der Erste Weltkrieg bedeutete eine massive Beschleunigung der nationalen Integration wie der national begründeten Ausgrenzung, etwa in der "Judenzählung" im Militär. Während die Kriegspropaganda die Loyalität gegenüber Volk und Nation betonte, griff der Staat immer stärker in Leben und Tod Aller ein. Und auch nach dem Krieg war die Neuordnung Europas vom Ziel der Anpassung von Staatsgrenzen an die Existenz von Nationen geprägt, wobei nun tschechische, dänische, polnische oder belgische Ansprüche mehr Gehör fanden.

Dem "Dritten Reich" diente die Existenz deutscher Minderheiten in den Nachbarstaaten als Begründung der ersten Phase seiner Expansionspolitik. Zugleich radikalisierte sich die biologistische Begründung kollektiver Identitäten in der NS-Diktatur. Nationalität wurde als Kriterium der Ein- und Ausgrenzung durch "Rasse" abgelöst, die als fast völlig unabhängig von Sprache und Kultur gedacht war. Der Versuch, die Bevölkerung Europas durch Krieg und Mord den Rassevorstellungen des Regimes anzupassen, war eine der zentralen Ursachen der Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus. Diese waren wiederum der unmittelbare Grund dafür, dass die Neuordnung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur auf der Verschiebung von Grenzen, sondern auch auf der zwangsweisen Umsiedlung von Bevölkerungen in die Grenzen 'ihrer' Nationen gründete.

Abkehr vom Biologismus Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 stellte sich mit Blick auf diese Erfahrungen die Frage, welche Bedeutung Nationalismus und speziell der deutsche Nationalismus künftig haben sollten. Dabei setzte sich die Ansicht, dass Nationen eben nicht auf biologischen Gemeinsamkeiten gründeten, rasch durch. Manche älteren Themen bestanden fort, etwa in der Frage, ob die Identität der beiden deutschen Staaten primär in der Nation oder primär in Verfassungen und Gesellschaftssystemen gründete. Oder in der Diskussionen darüber, ob die Einwanderung nach Westdeutschland zu einer temporären Duldung von "Gastarbeitern", einer Integration von Zuwanderern in eine Mehrheitsgesellschaft oder in ein Bekenntnis zu einer multikulturellen, postnationalen Gesellschaft münden solle. Nach 1989 stellt sich zudem die Frage, inwiefern die Nationen Europas nur als Teile einer europäischen Identität zu denken sind - während die europäische Integration wiederum die Debatte darüber befördert, wie zwischen staatlichen Autonomieansprüchen und europäischen Strukturen zu vermitteln ist.

In Zeiten, in denen Staatsgrenzen plötzlich, dafür aber umso massiver an Bedeutung gewonnen haben, sind solche Fragen wieder zentral geworden. Die lange Geschichte des Nationalismus liefert dazu viele Einsichten. Es bleibt zu hoffen, dass sie dazu beitragen können, dass die Antworten auf sie klüger, differenzierter und toleranter werden.

Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte an der Goethe Universität in Frankfurt am Main. 2017 erschien sein Buch "Die Deutschen und ihre Nation: Geschichte einer Idee".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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