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Abfall
Christian Unverzagt
Spiegel der Menschheit

Was wir wegwerfen, überdauert uns. Kann Müll zum Wertstoff der Zukunft werden?

Der Müll ist ein Schalk. Er will vergessen werden - doch nur, um dann wieder katastrophisch aufzutauchen. Als der Mensch sich aufgerichtet und somit beide Hände frei hatte, begann er, Unbrauchbares wegzuwerfen und Schnitzreste fallen zu lassen. Wenn er weiterzog, ließ er seinen Abfall zurück. Die ersten paar zehntausend Jahre blieb dieser unbemerkt, auch wenn er an jedem Lagerfeuer wieder auftauchte.

Als sich der Mensch dauerhaft niederließ und sich in immer größerer Zahl ansammelte, ließ sich auch der Müll nieder und sammelte sich an. Sein Müll wurde zum treuesten Begleiter des Menschen. Wenn er zu stinken begann, lagerte man ihn aus. So entstanden die ersten Deponien. Mit dem Reichtum der Städte wuchsen unaufhaltsam auch die Müllberge, an deren Fuß der Mensch lebte. Sie zogen Ungeziefer an, es drohten Seuchen. Die Kinder des Prometheus erfanden die Müllverbrennung.

Dann kam die Industriegesellschaft. Als sie zur Konsumgesellschaft wurde, trat das Streben nach Wohlstand an die Stelle der Idee vom guten Leben und die Dinge vermehrten sich ins Unermessliche. Der Triumphzug des Mülls zu Ehren seiner Mutter, der Bequemlichkeit, begann. Bis in die 1960er Jahre warf man ihn, wie vor 20.000 Jahren, auf mehr oder weniger wilde Kippen.

Kunststoffe Die Massenproduktion hatte nicht nur die Quantität der Dinge, sondern auch ihre Qualität verändert. Mit der Erfindung von Kunststoffen wurden die langwierigen und limitierenden Vorgänge der Natur ausgebremst. Doch auch sie haben eine Rückseite, ihre Müllform. In ihr überdauern sie, als forderten die umgangenen Zeiträume ihr Recht ein. Die neuen Müllmengen brauchten nicht nur Platz - sie begannen, sich in gefährlicher Weise zu entgrenzen und von den Deponien aus in der Erde, im Wasser und der Luft auszubreiten. Anwohner schlugen Alarm. Noch vor dem Öl und dem Wasser wurde der Deponieraum knapp.

Deutschland rüstete technologisch auf. Drainage- und Ummantelungssysteme wurden geschaffen, Grenzwerte und Filteranlagen für die Verbrennung. Gab es 1951 in Deutschland nur zwei "MVAs" sind es heute weit über 150 Müll-, Sondermüll-, Ersatzbrennstoff- und Mit-Verbrennungsanlagen.

Doch die Verbrennung des Mülls führt weder zu seiner Vernichtung noch zu seiner Unschädlichmachung, sondern nur zu einer enormen Volumenreduktion - bei gleichzeitiger Produktion von Sondermüll in Form hochgiftiger Schlacke und Asche. Der Müll untersteht einem Verlagerungsgesetz.

Neue Regelwerke Bei seiner strategischen Aufstellung gegen den Müll schuf der Mensch ein juristisches Regelwerk. 1972 schrieb der deutsche Gesetzgeber die unschädliche Beseitigung von Abfällen vor. 1975 erhielt die Verwertung Vorrang vor dem Beseitigen. Ab 1986 hatte das Vermeiden Priorität. 1994 wurde die "Kreislaufwirtschaft‟ zum neuen Zauberwort, ein Meisterwerk des guten Willens. Wirtschaftsleistung und Abfallaufkommen wurden "entkoppelt". Das Aus für den Müll?

Nein, dieser wuchs weiter an, 2011 in Deutschland auf eine Gesamtmenge von 386 Millionen Tonnen. 2019 waren es "nur" noch‟ 416,5 Millionen Tonnen und damit 0,2 Prozent weniger als 2018. Erleichterung - ist der Mensch damit über dem Müll-Berg?

Unermesslich sind die Müllmengen, die vermieden werden. Von denen, die noch anfallen, wird immer mehr als Wertstoff wieder- und weiterverwendet, als Blumenkübel, Parkbank, Terrassendiele, Dämmstoff, Zementzusatz oder Straßenbelag. Der Mensch richtet sich in seinem wiederverwerteten Müll ein. Lediglich der verbleibende hochgiftige Rest der Reste muss unter die Erde, in die Hochsicherheitsdeponie.

Der Mensch setzt dabei auf Technologie. Bisher wurde die Frage, wie der Müllform der Dinge beizukommen sei, immer erst hinterher gestellt. Heute ist die Frage: Ist die Technologie der Zukunft nachhaltig, sauber - und müllfrei? Werden zukünftig bei der Zurichtung der Natur zum Rohstoff und bei dessen Weiterverarbeitung nicht mehr 95 Prozent der Materie zu Müll, noch bevor die Dinge fertig sind? Und enden dann auch diese nicht mehr als Müll?

Es gibt schon erste Ideen, wie etwa die zigtausend Rotorblätter der riesigen Windkraftanlagen, die sich bisher als Sondermüll ansammeln, wiederverwertet werden könnten. Oder wie Silizium, Blei, Zinn, Zink und Silber aus den Photovoltaikanlagen wiedergewonnen werden könnten, anstatt in der Müllverbrennungsanlage zu landen.

Doch noch ist der Müll der große Gewinner der neuen Veraltungstechnologien. Computer, Handys, E-Autos, Photovoltaikanlagen und Windräder veralten, lange bevor sie unbrauchbar wären; auch "der Umwelt zuliebe. Denn morgen schon gibt es viel energieeffizientere und klimaneutralere Versionen, denen sie weichen müssen. Reparieren lohnt nicht.

Gaben für die Zukunft? Was heute noch wie ein Raub an den Ressourcen der kommenden Generationen und wie eine giftige Hinterlassenschaft aussieht, könnte sich in Zukunft wie eine wohltätige Gabe ausnehmen, nach dem Moto: "Die Enkel schaffen das." Die Zukunftstechnologien werden das Verlagerungsgesetz des Mülls zur Makulatur erklären. Was heute neben den verbliebenen Fischen im Meer treibt - sechsmal mehr Plastik als Plankton -, könnte als wertvoller Rohstoff herausgefischt und wieder verarbeitet werden. Tausende gesunkener Schiffe, die darauf warten, ihr Schweröl und ihre Chemikalien freizusetzen, werden Schätze sein; ebenso alles, was vergraben wurde oder sich im Erdreich abgelagert hat. Der Mensch der Zukunft könnte sich mit seiner innovativen Technologie den Müll aneignen.

Atom- und Giftmüll werden Hunderte, Tausende, Hunderttausende und Millionen Jahre liegen und lagern; auf jeden Fall, solange es Menschen gibt. Bisher konnten keine Botschaften über solche Zeiträume übermittelt werden. Aber die Zukünftigen - die werden wissen, was zu tun ist.

Das eigentliche Zuhause des Mülls ist die Nachwelt des Menschen. Können wir ihn daher nicht getrost vergessen?

Es gibt Momente, in denen der Gang der Dinge unterbrochen wird und das Bild eines anderen Verlaufs vorüberhuscht. So, als die Luft- und die Containerschiffe mit all dem Müll von morgen ausblieben; als der Himmel über den stillgestellten Metropolen auf einmal wieder blau war, die Luft sauber und die Delfine sich in Häfen tummelten. Nicht durch das Wirken milliardenschwerer Technologien, sondern im Gegenteil, weil wir durch die Pandemie gezwungen waren, die Dinge für eine Weile sein zu lassen. Ein Augenblick der Besinnung?

Was ist der Müll dem Menschen? Gefahr- und Wirtschaftsgut, Urbild des Wertlosen und Wertstoff, Gradmesser des Reichtums und Schicksal des Wohlstands. Fluch oder Schatz?

Der Müll ist ein Verwandlungskünstler. Er kommt als Dämon und als Schreckbild, er ist der Widersacher des Menschen und er ist sein Alter Ego. Er ist der Schatten und der Zeuge des Menschen, sein dingliches Double, seine Maske und sein Spiegel, die Spur seiner vergangenen Größe und der Bote des Anthropozäns. Er wird sein Stellvertreter in der unermesslichen Weite geologischer Zeiträume sein.

Vor allem ist der Müll ein Spötter. Als Global Player spricht er alle Sprachen, doch keine versteht der Mensch, der sich in seinem Spiegelbild nicht selbst erkennt. Blickte der Mensch von der Rückseite der Dinge auf sich, würde er sehen, dass er in einer potemkinschen Welt lebt, deren illusionäre Schauseite sein ganzer Stolz ist.

Der Müll ist das Fragezeichen hinter der materiellen Kultur des Menschen. Weit hat sie sich von der Stein- und von der Goethe-Zeit entfernt, die sich müllseitig noch näher waren als unserer Zeit. Wie viel Erde braucht der Mensch, um sich im Müll zu erkennen?

Der Autor ist Philosoph und freier Autor in Heidelberg und publiziert seit 1988 zum Thema Müll.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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