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SIMONE BaRRIENTOS

»Man erreicht nie alle«

Die Kulturpolitikerin der Linken über Phrasen-Gefahr in Bundestagsreden und die Vorzüge von Twitter

Frau Barrientos, vor Ihrer Zeit im Bundestag haben Sie unter anderem einen Verlag gegründet und als Sängerin gearbeitet: Was bedeutet Sprache für Sie?

Ich bin bekennende Sprachfetischistin und habe mich natürlich gerade in der Zeit als Verlegerin intensiv mit Sprache beschäftigt. Sprache war schon als Schülerin für mich etwas ganz Elementares.

Die Sprache innerhalb der Kulturszene, in der Sie lange beruflich aktiv waren, unterscheidet sich sehr von der Sprache der Politik. Haben Sie das Gefühl, der Hintergrund hilft Ihnen, nicht so schnell ins phrasenhafte abzudriften?

Total. Und es ist mir auch sehr wichtig, mir das zu bewahren. Je länger man Politik macht und je öfter man zu bestimmten Themen redet, desto öfter verfällt man in diese Phrasen. In meiner Anfangszeit als Abgeordnete hat meine Art zu sprechen schon zu Irritationen geführt, gleichzeitig aber auch dazu, dass man mir zuhörte, im Sinne von aufhorchen. Nach zwei Jahren im Bundestag habe ich gemerkt: Auch ich laufe Gefahr, in Sprechblasen zu verfallen. Ich achte deshalb sehr bewusst darauf, eine Sprache zu benutzen, die verstanden wird, die auch barrierefrei ist und nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Das ist mein Anspruch.

Politiker sollten rhetorisch geschult sein, um möglichst viele Menschen von ihren Zielen zu überzeugen. Haben Sie sich vor dem Einzug in den Bundestag beraten?

Nein. Aber im Bundestag selber wurde mir am Anfang "geraten": "Das war ja eine gute Rede, aber mach mal ein bisschen leiser", zum Beispiel. Das hatte wohl weniger mit mir als mit der Tatsache zu tun, dass ich eine Frau bin. Frauen sollen eben nett sein. Als Ostfrau irritiert mich das. Diese Geschlechterfrage war für mich eigentlich längst geklärt und plötzlich war ich wieder damit konfrontiert.

Es sind nicht viele Abgeordnete, die ihre Reden komplett frei halten. Viele lesen vom Blatt ab, bei den meisten ist es eine Mischung. Was macht für Sie eine gute Rede hier im Plenarsaal aus?

Eine wirklich gute Rede habe ich dann gehalten, wenn ich es schaffe - und wir haben oft bei ganz komplexen Themen nur drei Minuten Zeit - eine Rede zu halten, bei der auch die Leute außerhalb sie verstehen und hinterher wissen, worum es mir ging. Wenn sie also draußen ankommt und trotzdem auch im Plenarsaal wahrgenommen und verstanden wird, dann ist es eine gute Rede.

Schreiben Sie Ihre Reden selbst und üben diese gar vorher?

Ja, ich schreibe sie und halte sie zuerst vor meinen Mitarbeitern. Da merkt man am besten: Stimmt die Richtung, die Sprache, die Idee? Oft habe ich nur drei Minuten Redezeit für sehr komplexe Themen. Da muss man präzise sein. Zunächst setze ich mich mit meinen Mitarbeitern zusammen und wir brainstormen kurz: Was könnte man grundsätzlich zu dem Thema sagen und was könnte mein eigener Punkt dabei sein? Ich überlege mir einen Aufschlag und einen Abgang. Bei drei Minuten kann man eigentlich nur ein Argument unterbringen, bei vier Minuten sind es zwei. Ich überlege immer, was könnte ein Punkt sein, den alle anderen nicht haben. Gerade im Kulturausschuss gibt es eine relativ große Einigkeit bei vielen Themen. Da dann immer noch einen Punkt zu setzen, den andere nicht setzen, ist die hohe Kunst. Eine wichtige Regel, die ich in meiner Arbeit gelernt habe, ist: Kill your darlings. Wenn es zu lang ist, schmeiße die Formulierungen raus, die du am Schönsten findest und du wirst sie nicht vermissen.

Wie war es vor Ihrer ersten Rede hier? Waren Sie aufgeregt?

Ja, klar. Ich habe viel auf Bühnen gestanden, viel geredet. Aber das hier ist etwas völlig anderes, denn normalerweise redet man ja nicht vor Gegnern. Der Bundestag ist das höchste Organ des Landes, man kennt ihn nur aus dem Fernsehen und plötzlich darf man da vorne stehen. Und da steht man natürlich nicht nur vor Freundinnen und Freunden. Also, ich hatte ordentlich Respekt davor und habe an der Rede auch etwas länger gearbeitet.

Ist es schwer, eine Rede gleichzeitig an die Kollegen im Plenum und an die Zuschauer zu richten, also an zwei Adressaten, die auch auf bestimmte Schlagwörter anders reagieren?

Ja. Deswegen überlege ich mir vor jeder Rede: Wen will ich erreichen? Wie heißt die Blase, in die das jetzt geht? Man erreicht ja nie alle. Ich vermeide nach Möglichkeit Fremdwörter. Ich spiele auch gern mit Sprache. Im Osten waren wir Meister des Subtextes und bei mir ist eben auch oft so eine Subbotschaft mit dabei. Die versteht nicht jeder und das ist auch nicht schlimm. Aber die, die sie verstehen, freuen sich darüber.

Apropos Reizthemen: Zu diesen gehört seit geraumer Zeit auch die sogenannte Identitätspolitik, also der Streit um die sprachliche Sichtbarkeit aller. Viele Menschen haben nun den Eindruck, dass Feuilletons ihnen die Sprache vorschreiben wollen.

Ich halte die Diskussion, ehrlich gesagt, für vollkommen überflüssig. Denn weder gibt es einen Zwang, noch gibt es eine Vorschrift, zu gendern. Man kann sich übrigens auch einer Sprache befleißigen, die alle mitnimmt, ohne dass man Sternchen nutzt, aber das erfordert mehr Mühe. Die Diskussion wird ja eigentlich nur von den Gegnern geführt und die anderen machen es einfach oder lassen es. Wenn Menschen fordern, dass sie in der Sprache sichtbar werden, kann ich mich entscheiden, ob ich ihnen da entgegenkomme oder nicht.

Auch in Ihrer Partei tobt, ausgelöst durch ein Buch von Sahra Wagenknecht, ein Streit um Begriffe wie "Lifestyle-Linke". Teilen Sie die Ansicht, dass die Partei sich von ihrer Basis entfernt hat?

Ganz klar, nein. Wenn ich mir meinen Landesverband Bayern anschaue und meine Arbeit dort, ist das völliger Unsinn. Ich sehe an Fabriktoren und Infoständen niemanden, der etwas mit Lifestyle-Linken zu tun hat. Aber erlauben Sie mir, an dieser Stelle zu schweigen. Auch das ist ein erlaubtes sprachliches Mittel, wenn's der Sache dient.

Abgesehen von diesen Debatten ist zu beobachten, dass sich bestimmte Bevölkerungsteile im öffentlichen Diskurs nicht mehr repräsentiert sehen.

Es war immer so und wird immer so sein, dass Menschen sich in "Blasen" bewegen. Das geht gar nicht anders, denn man kann nicht immer überall sein. Das eigentliche Problem ist, dass viele Bevölkerungsgruppen nur noch klischeehaft vorkommen. Also, dass jemand, der Hartz IV bekommt, nur noch in Trash-Formaten auftaucht. Ich beschäftige mich viel mit Minderheiten. Sie werden lauter und fordern, nicht klischeehaft behandelt zu werden. Also nicht nur als Vorzeige-Roma zu einer Diskussion über Roma eingeladen zu werden, sondern auch als Expertenstimmen zu ganz anderen Themen. Dieser Kampf ist mehr als berechtigt. Manche mögen übers Ziel hinausschießen. Das ist ihr gutes Recht, sie sind lange genug benachteiligt worden. Man kann Sprache bewusst nutzen, aber kein Schriftsteller muss deswegen seinen Roman gendern.

Nicht zuletzt Twitter hat die Kommunikation von Politikern sehr verändert und verkürzt. Warum nutzen Sie ein Medium, in dem Sie nur 280 Zeichen zur Verfügung haben?

Weil man die Themen runterbrechen muss, präzise sein muss, konzentriert sein muss. Mir macht das Spaß. Wenn man etwas nur so hinschlunzt, fliegt einem das ganz schnell um die Ohren. Die Kürze zwingt dazu, sich genau zu überlegen, was man sagt und das finde ich spannend.

Das Gespräch führte Claudia Heine.

Simone Barrientos ist seit 2017 für Die Linke Mitglied des Bundestages und kulturpolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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