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Netzkultur
Lisa Brüßler
»Sprache hat sich andere Wege gesucht, sich zu präsentieren«

Neue Medieninhalte im Internet bringen eigene Register hervor und nehmen auch Einfluss auf die Meinungsbildung

Dass Bilder Macht haben, ist lange bekannt - das gilt aber nicht nur für Gemälde oder Fotografien, sondern auch für Kurzvideos, die im Internet viral gehen. In Hongkong werden seit Juli im ersten Meme Museum der Welt mehr als 100 der bekanntesten Memes präsentiert und die Geschichte des neuen Mediums rekonstruiert. Ein Meme (ausgesprochen "Mim") ist ein unbewegtes Bild mit einer Textbotschaft, die lustig, nachdenklich, aber auch satirisch und gesellschaftskritisch gemeint sein kann und sich rasant im Netz verbreitet. Oftmals nehmen Memes durch den kommentierenden Text bekannte Personen oder Situationen auf den Arm, sodass das Bild einen anderen Sinn erhält. Erfolgreiche Memes werden immer wieder benutzt oder von anderen weiterentwickelt.

"Das Aufkommen von Social Media und bildlastiger Internet-Kommunikation hat die Sprache massiv zurückgedrängt. Nicht, dass sie unnötig geworden ist: Sprache hat sich nur andere Wege gesucht, sich zu präsentieren", sagt der Kommunikations- und Politikberater Martin Fuchs. Entstanden sei eine neue Bildkultur, die in den analogen Raum zurückwirke. Für ihn sei das keineswegs mit einer Abwertung, sondern vielmehr einer massiven Bereicherung der Sprache verbunden: "In der schnelllebigen, durch Digitalisierung getrieben Zeit, ist ein Umdenken wichtig, damit komplexe Informationen schnell wahrgenommen werden können und das bieten Memes oder GIFs", sagt Fuchs.

Auch GIFS (Graphics Interchange Format) sind fester Bestandteil der Kommunikation in der digitalen Welt - ihre Verbreitung stieg rasant mit dem Aufkommen des Smartphones. Gemeint sind Videos mit wenigen Sekunden Länge, die eine Handlung zeigen, die sich unendlich oft wiederholt. Diese werden verschickt, um eine Botschaft ohne Ton schnell und kurz zu transportieren.

Eine Bereicherung stellen für Fuchs auch andere nicht-sprachliche Elemente wie Emoticons (aus Satz- und Sonderzeichen und Buchstaben zusammengesetzte Smileys, die ein Gesicht mit einem bestimmten Ausdruck ergeben) beziehungsweise Emojis dar. Die comicartigen Darstellungen übernehmen die Funktionen von Gestik, Mimik und Tonfall. Weil sie oft als erstes gesehen und interpretiert werden, steuern sie auch die Aufmerksamkeit. "Der große Nachteil von Schriftsprache ist, dass keine Meta-Ebene 'Gefühl' kommuniziert werden kann. Emojis fügen diese hinzu und sorgen so für Präzisierung", erklärt Fuchs. Durch steigende Nutzerzahlen und eine gestiegene Nutzungsdauer nimmt der Einfluss Sozialer Netzwerke auf den Alltag und die Meinungsbildung vieler Menschen zu. Das chinesische Videoportal und Netzwerk TikTok veröffentlichte in einer Studie Anfang 2021, dass das Teilen von Memes und GIFs eine der wichtigsten Aktivitäten bei den jungen Nutzern der Plattform sei - insbesondere zu Themen rund um Gleichberechtigung, Schutz der Umwelt oder soziale Ungleichheit. Oft erfolgt dies in einer extremen Geschwindigkeit: "Als Armin Laschet (CDU) die Flutgebiete besuchte, war das Netz unter dem Hashtag #LaschetLacht innerhalb von Minuten voll mit Quotierungen verschiedenster Art", berichtet Politikberater Fuchs. Mit einer kleinen kommentierenden Idee könne so jeder eine globale Bühne bekommen.

Um mehr Kontrolle über diese Inhalte zu bekommen, entdecken das auch Politiker für sich: "Parteien und Politiker wie Österreichs Kanzler Sebastian Kurz, Christian Lindner (FDP) oder die Union mit 'CDU-Connect' nutzen Memes und GIFs gezielt, um im politischen Diskurs reaktions- und anschlussfähig zu sein", erklärt Fuchs. Unbeabsichtigte Effekte wie auch gezielte Steuerungen seien nicht auszuschließen. In den Reihen der AfD etwa teilten sich Memes gegen den Parteivorsitzenden Jörg Meuthen tausendfach in Telegram-Gruppen.

Das Meme-Museum in Hongkong ist zwar nur temporär zu besichtigen, aber schnell verschwinden werden die neuen Inhalte trotzdem nicht: "Es gibt absolute Klassiker-Memes wie etwa das Kleinkind, dass die Faust reckt oder das Paar mit dem Mann, der sich nach einer anderen Frau umdreht - die werden immer wieder eingesetzt und das wird noch stärker werden", prognostiziert Fuchs.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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