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MEDIEN
Paul-Philipp Braun
Auf allen Kanälen

Im Bundestagswahlkampf zeigt sich einmal mehr, welche Möglichkeiten Soziale Medien bieten

Erfurts größte Straßenbahnkreuzung, der Anger, an einem Spätsommertag. Hunderte Menschen laufen durcheinander. Mitten auf dem großen Platz steht ein roter Schirm mit dem umlaufenden Logo der SPD. Dahinter ein junger Mann, er ist Mitte 20 und wirkt verloren. Ganz allein steht er hinter dem mobilen Tresen, auf dem allerhand Flyer liegen und von dessen Vorderseite das Lächeln eines Abgeordneten strahlt. Er spricht keinen an und auch die Zahl derer, die sich am Tresen über Programm und Köpfe der Partei informieren wollen, kann übersichtlich genannt werden.

Zeitgleich, allerdings 500 Kilometer nördlich und in Grimmen (Mecklenburg-Vorpommern), entsteht ein Foto von einem Plakat. Binnen kürzester Zeit geht das Bild durch die Welt des Netzes, wird über Twitter geteilt, bekommt Zustimmung in Form von Likes und ist die Grundlage einer kleinen Diskussion, in die sich auch Menschen anderer politischer Gesinnung einschalten. Es ist einer der vielen Tweets Lilly Blaudszuns, Jura-Studentin und digitales Aushängeschild der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Ähnlich wie ihr Erfurter Genosse ist Blaudszun auch im Wahlkampfmodus. Und - das lässt sich bei ihr auf Twitter, Instagram und Co. gut nachvollziehen - das schon seit einigen Monaten. Doch anders als der Thüringer setzt die Mecklenburgerin nicht nur auf das persönliche Gespräch, Flyer und Plakate, sondern vor allem auf die Macht der Sozialen Medien.

Demografiefrage Ein Phänomen, das inzwischen eigentlich schon gar keines mehr ist, wie Fabian Prochazka sagt. Als Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt beschäftigt er sich mit der Rolle digitaler Kommunikation in Öffentlichkeit und Politik. "Die Sozialen Medien spielen in der politischen Kommunikation eine zunehmend wichtige Rolle und verändern damit auch Wahlkämpfe", sagt Prochazka. Er führt aus, dass es vor allem drei nennenswerte Vorteile seien, die sich mit den Möglichkeiten des Internets für Parteien und politische Akteure verbinden ließen: "Zum einen bieten soziale Medien die Möglichkeit, sich ohne die Filterrolle des Journalismus zu präsentieren. Außerdem sprechen sie vor allem junge Menschen an und ermöglichen nicht zuletzt auch einen direkten Austausch zwischen Politik und Bevölkerung - etwa durch interaktive Chats oder Kommentare." Dass insbesondere der letzte Punkt jedoch bei den meisten Akteuren noch immer die Ausnahme sei, das führt Fabian Prochazka darauf zurück, dass analoge Wahlkampfmedien für viele Parteien auch im Jahr 2021 noch immer das erste Mittel der Wahl seien. Ein Grund dafür, so der Kommunikationswissenschaftler, sei vor allem die deutsche Demografie und der Fakt, dass Wahlen zahlenmäßig durch die Stimmen älterer Gruppen entschieden würden. Mitmachangebote wie die Gaming-Night der Jungen Union oder die Twitch-Session des FDP-Spitzenkandidaten Christian Lindner sind folglich eher die Ausnahme als die Regel - zumindest noch.

Angebotsunterschied Immer mehr Parteien erschließen sich den digitalen Raum und schaffen Angebote, um für ihre Sache zu werben. "Die Kanäle, in denen die einzelnen Parteien Erfolg haben, sind dabei so unterschiedlich wie ihr Wählerklientel selbst", sagt Prochazka. Denn obgleich fast alle auf allen relevanten Plattformen vertreten sind, unterscheiden sich Inhalte und die Art des Ausspielens. "Die Grünen sind zum Beispiel besonders Instagram-affin", meint er und verweist auf die 190.000 Abonnenten des Profils. Grund dafür seien vor allem die Themen, die die Partei bediene: Umweltschutz, Kampf gegen den Klimawandel und zugehörige Bewegungen ließen sich gut durch starke Bilder transportieren. Hinzu käme, dass die Generationen der Fridays for Future-Bewegung und deren Eltern einen sehr intensiven Zugang zum Bildnetzwerk hätten.

Anders verhält es sich wiederum bei der Alternative für Deutschland. Wer einen Blick auf das gemeinsame Social Media Dashboard zur Bundestagswahl 2021 von Tagesspiegel und Democracy Reporting International wirft, sieht die Partei mit blauer Farbe in vielen Bereichen in eindeutiger Führung. "Die AfD ist vor allem auf Facebook erfolgreich und erreicht ihre Klientel dort mit emotionalen und polarisierenden Inhalten", sagt Prochazka. Die Kommentar- und Teilfunktionen der Netzwerke seien dafür eine gute Grundlage: "Die Zielgruppe der Partei ist hochgradig diskussionsfreudig und in einem Alter - also über 35, das sich von Facebook zunehmend angesprochen fühlt." Den in verschiedenen Medien oft schon prophezeiten Abgesang auf die Netzwerke hält er für falsch: "Jede Plattform hat ihre eigene Architektur und ihre eigene Klientel."

Das lasse sich besonders gut bei Twitter erkennen. Denn obwohl gerade einmal fünf Prozent der Deutschen Twitter regelmäßig nutzten, hätten die dortigen Diskurse große Auswirkungen. "Es ist ein Eliten- und Entscheidernetzwerk, in dem sich vor allem Politiker und Medienschaffende austauschen", sagt der Wissenschaftler.

Bildbotschaft Das wissen auch die Parteien, weshalb etwa FDP, Die Linke und CDU hier immer wieder ihre politischen Botschaften auf thematisch passende Fotos bringen und diese dann als sogenanntes Sharepic in das Netz senden. Eine Technik, die im Bundestagswahlkampf rege genutzt wird und nicht nur in den herkömmlichen Netzwerken gefragt ist, sondern auch über Messenger-Dienste wie Telegram funktioniert. Auf Kanälen und in Gruppen schließen sich Parteimitglieder und -sympathisanten zusammen und werden mit Slogans oder Zitaten des politischen Spitzenpersonals informiert.

Mit Bewegtbild lässt sich wiederum noch mehr gestalten als mit statischen Fotos. Anwendungen wie die in China entwickelte App TikTok oder kurze Videosequenzen in den anderen Sozialen Medien greifen die Grundidee der audiovisuellen Überzeugungsarbeit auf. Spätestens seit der Gründung von YouTube im Jahr 2005 ist bekannt, dass diese Inhalte im Netz besonders punkten können. "Audio- oder Videoformate sind leicht zu konsumieren und inzwischen ein zentraler Bestandteil des politischen Wahlkampfs. Das zeigt sich auch an den Wahlwerbespots, die eben nicht nur noch kurz vor der Tagesschau laufen, sondern inzwischen rund um die Uhr im Netz abrufbar sind und dort auch breit diskutiert werden", erklärt Prochazka.

Morddrohungen Soziale Medien sind dabei allerdings nicht immer nur ein Segen für die politische Kommunikation. Der ungefilterte Austausch zwischen Akteuren und Öffentlichkeit bietet nicht nur Stolperfallen, er kann bisweilen auch mehr als unangenehm werden. Morddrohungen, Beleidigungen und Diffamierungen seien im grenzenlosen Netz für viele Engagierte an der Tagesordnung. "Es gibt in diesem Bereich ein massives Problem, an dem wir aber gesellschaftlich und auch die Strafverfolgungsbehörden noch stärker arbeiten müssen", so der Kommunikationswissenschaftler.Paul-Philipp Braun

Der Autor ist freier Journalist und Fotograf in Erfurt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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