Inhalt

BILANZ
Stefan Lange
Pflicht erfüllt

Kanzlerin Merkel hat das Land geprägt und auch ihr Amt. Sie wird von vielen Menschen bewundert und von manchen verachtet. Nach einer Ära von 16 Jahren tritt sie ab.

In dieser Welt der Superlative hat Angela Merkel ihren Platz schon sicher. Die Kanzlerin hält zusammen mit Helmut Kohl den Rekord für die längste Amtszeit, sie war bei Amtsantritt die jüngste Bundeskanzlerin der Geschichte, die erste Ostdeutsche und die erste Frau in diesem Amt. Sie ist zudem die am längsten amtierende Regierungschefin der Europäischen Union. Aber das sind nur Zahlen. Was sonst ist geblieben nach 16 Jahren Merkel, nach einer Ära, die in aller Welt Spuren hinterlassen, die Schicksale entschieden, vielen Menschen Mut gemacht hat und manche zur Verzweiflung trieb?

Wer Merkels Motivation verstehen, die Triebfeder für ihre Karriere erkennen will, muss nochmals 15 Jahre über ihren Amtsantritt hinausschauen. Ende 1990 tauchte sie praktisch aus dem Nichts in der Bundespolitik auf und musste sich gegen eine eingeschworene Männerriege durchsetzen. Kanzler Kohl behandelte sie gönnerhaft, pflegte die Ostdeutsche mit dem Bubikopf als "mein Mädchen" zu bezeichnen. Merkel machte damals schon das, was sie später als Regierungschefin und CDU-Vorsitzende perfektionierte: Sie schwieg, beobachtete still, merkte sich alles - und schlug dann zu.

1999 lancierte sie ihren mittlerweile berühmten FAZ-Artikel, der die Abnabelung der CDU von Kohl und gleichzeitig ihren Aufstieg einleitete. Jahre später wollte Merkel mit der ihr eigenen Verschmitztheit von einer Palastrevolte nichts mehr wissen. "Der Artikel war damals in einer von vielen vielleicht nicht erkannten, aber doch starken inneren Verbundenheit geschrieben, aber auch in der Überzeugung, eine notwendige Auseinandersetzung in einer Sache zu führen", sagte sie 2005 in einem Interview mit dem mittlerweile verstorbenen Politikwissenschaftler Gerd Langguth.

Unverdächtige Hobbys Auch andere Männer machten die Erfahrung, dass sie die Pfarrerstochter, die den unverdächtigen Hobbys Lesen, Wandern und Gartenarbeit nachging, zunächst unterschätzten. Merkel düpierte Kohls Nachfolger Wolfgang Schäuble, ließ den sogenannten Andenpakt mit CDU-Granden wie Roland Koch oder Christian Wulff abstürzen und führte die CDU als Parteichefin zu neuen Wahlerfolgen.

Als sie im Januar 2002 beim berühmten Wolfratshausener Frühstück dem damaligen CSU-Chef Edmund Stoiber den Vortritt zur Kanzlerkandidatur ließ, wollten viele der Alphatiere im Politikbetrieb die typische schwache Frau erkennen. In Wahrheit hatte Merkel strategisch klug vorgedacht. Acht Monate später war Stoiber als Kanzlerkandidat gescheitert und Merkels Position innerhalb der Union noch stärker.

Auf einer ihrer zahlreichen Auslandsreisen ließ die Kanzlerin einmal Studierende in Seoul an ihrem Männerbild teilhaben: In der Uni, erzählte die Diplom-Physikerin, seien die Männer bei der Laborarbeit "meistens sofort zu den Knöpfen oder zu Lötstäben" gerannt und hätten losgelegt. Sie hingegen habe "erst einmal noch nachgedacht".

Dass Merkel den männerdominierten Politikbetrieb durchpflügte, heißt aber in der Rückschau nicht, dass sie die Gleichberechtigung maßgeblich vorantrieb. Merkel vertraut zwar in ihrem engsten Umfeld stark auf den Rat von Frauen, etwa auf den ihrer langjährigen Büroleiterin Beate Baumann. Sie setzte in Anlehnung an den Gipfel der 20 führenden Industrienationen (G20) den "Women20" durch und traf sich im Ausland am Rande der offiziellen Termine oft mit Aktivistinnen und Frauenorganisationen. Es ist noch nicht lange her, da begegnete sie in Düsseldorf der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie und gab dabei ihrer Sympathie für den Feminismus Ausdruck.

Aber viele wichtige Posten um sie herum - Regierungssprecher, außen- und wirtschaftspolitische Berater etwa - besetzte sie mit Männern. In der CDU, der sie von 2000 bis 2018 vorstand, soll es eine Frauenquote von 50 Prozent erst 2025 geben. Im Bundestag liegt der Frauenanteil nicht mal bei einem Drittel. "Ich bin damit nicht zufrieden, und ich werde auch erst zufrieden sein, wenn das Verhältnis 50 zu 50 ist", sagte die 67-Jährige in ihrer letzten Regierungsbefragung vor dem Parlament. Aber das Bekenntnis kommt reichlich spät.

Verblüffendes Detailwissen Wer Merkel auf ihren Reisen begleitet hat, war verblüfft von ihrem Kenntnisreichtum. Jedes wichtige Detail über den Staat, den sie besuchte, speicherte sie ab. Journalisten hatten sich besser sehr gut vorbereitet, wenn sie der Kanzlerin im Regierungsflieger eine Frage stellten. Besserwisser und Angeber ließ Merkel mit einem spöttischen Lächeln auflaufen und nagelte sie mit wenigen Worten an die Kabinenwand.

In der Innenpolitik kam ihr die Fähigkeit zur schnellen Analyse und Reaktion im Herbst 2008 zugute, als sie vor der ersten wirklichen Herausforderung ihrer Amtszeit stand. In der weltweiten Finanzkrise, aus der nahtlos die Eurokrise wurde, analysierte sie schnell und präzise, verstand die komplexen Vorgänge oft viel schneller als die meisten Staats- und Regierungschefs der EU, aber auch viele Regierungsmitglieder um sie herum.

"Viele politische Entscheidungen, so stellt es sich mir jedenfalls dar, sind keine, wo man sagen kann: 100 Prozent Ja und null Prozent Nein", sagte sie einmal. Im Grunde bestünden diese aus 40 Prozent der eigenen Meinung und 60 Prozent an anderen Argumenten. "Ich versuche immer, mir in meiner Entscheidungsfindung die gesamte Breite der Möglichkeiten vor Augen zu führen, sie auch hin und her zu wenden und dann zu einer Abwägung zu kommen, an deren Ende natürlich eine Entscheidung stehen muss."

Kehrtwende nach Fukushima Merkel sah die Krise damals nicht nur als Angriff auf die Spareinlagen der Deutschen, sie empfand sie als Bedrohung für das Volk, dem sie in ihrem Amtseid geschworen hat, Schaden abzuwenden. Wenn sie manchmal als "Teflon-Kanzlerin" bezeichnet wird, an der alles abperlt, beschreibt das nur einen Teil ihrer Persönlichkeit. Der andere Teil zeichnet sich durch ehrliche Anteilnahme aus.

Tief betroffen war sie auch, als drei Jahre später in Fukushima ein Atomreaktor explodierte. "So sehr ich mich im Herbst letzten Jahres im Rahmen unseres umfassenden Energiekonzepts auch für die Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke eingesetzt habe, so unmissverständlich stelle ich heute vor diesem Haus fest: Fukushima hat meine Haltung zur Kernenergie verändert", begründete sie im Juni 2011 im Bundestag ihre Kehrtwende in der Energiepolitik, den Vollzug des Atomausstiegs, dessen Folgen bis heute teils auch problematisch nachwirken.

Merkel nimmt die Sorgen der Bürger wahr und macht daraus praktische Politik. Sie wirkt wie die, die sich kümmert, die alle anderen versteht und für Sicherheit sorgt. Es mag sein, dass die Bezeichnung "Mutti" aus dieser Fürsorge herrührt, die ihr 16 Jahre lang bei nur wenigen Einbrüchen hohe persönliche Beliebtheitswerte sichert. Merkel mag den Spitznamen nicht, der merkwürdig gewählt ist für eine Frau, die keine Kinder hat. Sie nimmt ihn hin, weil sie sich ohnehin nicht dagegen wehren kann.

Gesundheitskrise Die Corona-Pandemie ließ die Kanzlerin noch einmal zur Höchstform auflaufen. Angesichts eines Virus', das kaum jemand kannte, zu dem aber jeder etwas zu sagen hatte, suchte sie den Rat der Experten, bildete sich eine Meinung und handelte. Mit nahezu kindlicher Begeisterung verfolgte sie die Impfstoffentwicklung beim Unternehmen Biontech, dessen Gründer-Ehepaar Özlem Türeci und Ugur Sahin sie mehrfach öffentlich Bewunderung zollte.

Ob Merkels Weg aus der Pandemie in all seinen Abbiegungen richtig war, wird sich erst zeigen können, wenn die Seuche besiegt ist. Im internationalen Vergleich ist Deutschland aber, das müssen auch ihre Kritiker anerkennen, bislang relativ gut durch die Gesundheitskrise gekommen.

Die zahlreichen Krisen und Konflikte haben allerdings Spuren hinterlassen: Ewige Nachtsitzungen, Schlafmangel, viel Essen, wenig Bewegung, Tausende im Flugzeug und der gepanzerten Limousine verbrachte Kilometer und das seitenweise Studium von Memos und Excel-Tabellen.

Merkel hatte es mit Terroranschlägen, getöteten Bundeswehrsoldaten, dem Brexit, der NSA-Abhöraffäre und der Flüchtlingskrise zu tun. Sie wurde vom russischen Präsidenten Wladimir Putin gedemütigt, der 2007 seinen Labrador zum Fototermin mitbrachte, wohl wissend, dass Merkel - die einst von einem gebissen wurde - Angst vor Hunden hat. Ähnliches wiederholte sich zehn Jahre später: US-Präsident Donald Trump verweigerte ihr bei einem offiziellen Termin im Weißen Haus den Handschlag.

Aber auch die kleineren Krisen, die Angriffe aus der Bevölkerung, der Opposition, der eigenen Partei, setzten ihr zu. Der damalige CSU-Vorsitzende Horst Seehofer ließ ihr im Asylstreit kaum eine ruhige Minute. Auf dem CSU-Parteitag 2015 führte er die Kanzlerin bewusst vor und kanzelte sie wie ein Schulmädchen ab.

Hinzu kamen Hass und Verachtung, einige in CDU und CSU betrieben offensiv Merkels Demontage. Sie startete als Klimakanzlerin, muss sich aber vor allem von den Jüngeren den Vorwurf gefallen lassen, dass sie der Erderhitzung nichts wirklich Entschlossenes entgegengesetzt hat.

Im April 2019 starb ihre Mutter Herlind Kasner im Alter von 90 Jahren. Merkel hatte sich um sie gekümmert, beide verband augenscheinlich ein gutes Verhältnis, wie bei den Terminen deutlich wurde, die Mutter und Tochter gemeinsam absolvierten. Etwa bei Merkels 60. Geburtstag oder bei ihrer Vereidigung. Für die Kanzlerin war das eine schwere Zeit, wie sie bei einer Veranstaltung im Theater Düsseldorf erklärte. "Wenn man dann immer angeguckt wird: Sieht man was? Das find ich schon schwer. Da muss man sich seinen Raum bauen", sagte sie.

Schwächezeichen Die Hände, die das berühmte Merkel-Dreieck bilden - es entstand, weil sie nicht wusste, "wohin mit den Armen", wie sie einmal erzählte - begannen zu zittern, der Körper folgte nicht mehr zuverlässig ihrem Willen. Da waren die Schwächeanfälle während eines Interviews am Rande des CDU-Parteitages im Dezember 2014 sowie im Juli 2017 beim Staatsbesuch in Mexiko. Die Regierungschefin bekam beim Empfang mit militärischen Ehren in Mexiko City für alle Umstehenden deutlich sichtbar das Zittern. Es gab weitere Zitteranfälle, die Kanzlerin absolvierte daraufhin öffentliche Termine zunächst im Sitzen.

Als sie nach den schweren Verlusten für die Union bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen im Oktober 2018 überraschend ankündigte, auf dem kommenden Parteitag nicht mehr für das Amt der CDU-Vorsitzenden zu kandidieren, war auch das ein Zeichen von Müdigkeit. Sie hatte offenbar keine Lust mehr auf die innerparteilichen Vorwürfe, den Nervenkrieg. Merkel versuchte noch, Annegret Kramp-Karrenbauer als ihre Nachfolgerin zu installieren. Als das scheiterte, mischte sie sich öffentlich nicht mehr in die Parteipolitik ein.

Den Streit um die Kanzlerkandidatur zwischen CDU-Chef Armin Laschet und dem CSU-Vorsitzenden Markus Söder kommentierte sie öffentlich nicht. Manche Christdemokraten dürften sich angesichts dramatisch gefallener Umfragewerte für CDU und CSU eine stärkere Beteiligung am Wahlkampf von ihr gewünscht haben. Merkel verweigerte die Unterstützung nicht, fiel aber gleichzeitig nicht durch besonderen Eifer auf.

Bis zu ihrer wohl letzten Rede im Parlament am 7. September gab es von Merkel kein persönliches Wort des Dankes oder des Resümees an die anderen Parlamentarier zu hören. Man könnte es Sturheit nennen, Trotz, Konsequenz oder Gradlinigkeit. Unterm Strich ist sich Merkel im Positiven wie Negativen treu geblieben. In Zeiten, in denen immer mehr Menschen ihr Mäntelchen nach dem Wind hängen, ist wohl auch das außergewöhnlich.

Der Autor leitet das Hauptstadtbüro der "Augsburger Allgemeinen" und war zuvor mehrere Jahre Kanzlerkorrespondent für Nachrichtenagenturen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag