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Gedenkstunde
Claudia Heine
»Passen Sie auf!«

Erinnerung an die Opfer der NS-Herrschaft und Appelle gegen die Spaltung

Die Zeit hat keine Macht über diese Erinnerungen. Sie hat aus meinem Gedächtnis all die Gräuel, die ich gesehen und aufgenommen habe, nicht verdrängt." Das sagte der russische Kameramann Alexander Woronzow noch Jahrzehnte später über jene Tage Ende Januar 1945. Die Rote Armee hatte am 27. Januar das größte Konzentrationslager der Nationalsozialisten, Auschwitz-Birkenau, auf ihrem Weg nach Westen befreit. Die Filmaufnahmen Woronzows, im Auftrag der Roten Armee entstanden, führten der Welt ein bis dahin nicht gekanntes Menschheitsverbrechen vor Augen: Tausende ausgemergelte Gestalten, mehr Skelette als lebendige Wesen, hatten die Nazis nach ihrem fluchtartigen Abzug aus dem Lager dort zurückgelassen. Als die Soldaten die Auschwitz-Lager erreichten, waren viele der etwa 7.500 dort verbliebenen Häftlinge in einem lebensbedrohlichen Zustand. Aber das wahre Ausmaß der Katastrophe war in jenen Tagen noch gar nicht absehbar: Mehr als eine Million Menschen, vor allem Juden, hatten die Nationalsozialisten allein im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Die Macht der Erinnerung: Dass sie stärker ist als die Zeit, wie von Woronzow beschrieben, konnte man im Bundestag in den vergangenen Jahren oft erleben. Seit 1996 ist der 27. Januar gesetzlich verankerter Gedenktag, den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gewidmet. Jedes Jahr findet deshalb eine Gedenkstunde statt, in der Gastredner, meist Überlebende des Holocaust, über ihre Geschichte berichten. Und jedes Mal konnte man sehen und hören, wie die Macht der Erinnerungen Stimmen zum Stocken bringen.

Das war auch in diesem Jahr nicht anders. Am Pult stand die 88-jährige Charlotte Knobloch. Sie hat als eine der bekanntesten Vertreterinnen der jüdischen Gemeinden in Deutschland (siehe Kasten) schon viele Reden gehalten. Und nun ging es um das dunkelste Kapitel ihrer eigenen Familiengeschichte, in der sie den Tag des Abschieds von ihrer Großmutter, die ihr die Mutter ersetzte, als den "schwersten Moment meines Lebens" bezeichnete. "Weinend klammerte ich mich an sie - an Liebe, Zärtlichkeit, Geborgenheit. Sie werden für lange Zeit aus meinem Leben verbannt sein." Sie war damals neun Jahre alt.

Dennoch kann Knobloch, 80 Jahre nach diesem Ereignis vor dem Bundestag sagen: "Ich stehe vor Ihnen als stolze Deutsche." 1945 hätte sie sich das nie träumen lassen. Sie hatte den Zweiten Weltkrieg überlebt, versteckt unter falscher Identität auf einem Bauernhof in Franken. Aber sie wollte nicht zurück nach München, " nicht zurück zu den Leuten, die uns in jeder Form gezeigt haben, wie sehr sie uns plötzlich hassten", beschreibt sie die Empfindungen von einst. Letztlich entscheidet sich die Familie doch gegen die zunächst so ersehnte Auswanderung - bleibt und engagiert sich.

Der Weg zu diesem Stolz, er war lang und steinig. Knobloch beschreibt, wie sich die Bundesrepublik aus dem Schweigen der Nachkriegsjahre befreite. "Es wuchs die Erkenntnis, dass Auseinandersetzung und Aufarbeitung unerlässlich sind für das Bauen der Zukunft. So konnte auf jüdischer Seite das Vertrauen wachsen - in die neue Bundesrepublik, in der es gelang, auf den Trümmern der Geschichte eine tragfähige freiheitliche Demokratie zu errichten."

All diese Errungenschaften, auf die sie so stolz ist: Sie sind in Knoblochs Augen jedoch in Gefahr. Auch in Deutschland erlebe man wieder Spaltung, Polarisierung und aggressive Erregung. Dabei gehe es nicht nur um jüdische Menschen. Wo Antisemitismus Platz habe, könne jede Form von Hass um sich greifen, "Worte sind die Vorstufen von Taten", warnte sie und appellierte eindringlich an die Anwesenden: "Ich hatte meine Heimat verloren. Ich habe für sie gekämpft. Ich habe sie wiedergewonnen. Und ich werde sie verteidigen!" sagte Knobloch und fügte hinzu: "Ich bitte Sie, passen Sie auf auf unser Land!"

Vielfältiges Judentum Der Stab der Erinnerung, den die wenigen noch lebenden Zeitzeugen nun an die nächste Generation weitergeben, er wurde am vergangenen Mittwoch symbolisch an die 33-jährige Publizistin Marina Weisband überreicht, die als zweite Gastrednerin sprach. Sie war 1994 mit ihren Eltern aus der Ukraine nach Deutschland ausgewandert - wie tausende sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge auch. "Ich darf hier stehen als Repräsentantin der Nachgeborenen, einer Generation von jungen Jüdinnen und Juden, die alle ganz verschieden sind", betonte die ehemalige Geschäftsführerin der Piratenpartei. Sie habe mit diesem Land sehr positive Erfahrungen gemacht. "Ich hatte das Gefühl, diese Gesellschaft geht mich etwas an. Ich bin Teil von ihr." Aber: "Auch hier ist es für uns noch immer zu gefährlich, sichtbar zu sein." Sie höre oft, sagte Weisband, dass "wir einfach nur Mensch sein sollen". Dies bedeute aber, dass Strukturen von Unterdrückung unsichtbar gemacht werden. Jede Unterdrückung wie Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus lebe davon, dass sie für die Nichtbetroffenen unsichtbar ist. "Die Überzeugung, dass es Menschen gibt, die in dieser Gesellschaft mehr Platz verdienen als andere, ist nicht ausgestorben", stellte sie fest.

Als "Geschichte der Widersprüche" hatte auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble die 1.700 jährige deutsch-jüdische Geschichte bezeichnet. Sie kenne Zeiten der Toleranz und der Ausgrenzung, Wellen der Verfolgung genauso wie Erfolge in Kunst und Kultur. "Und ein Menschheitsverbrechen." Dass Juden nach Jahrzehnten der Zuwanderung wieder über Auswanderung nachdächten, "beschämt uns". Er resümierte: "Unsere Erinnerungskultur schützt nicht vor neuen Formen des Rassismus und Antisemitismus, wie sie sich auf Schulhöfen, in Internetforen oder Verschwörungstheorien verbreiten."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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