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Heimarbeit
Lisa Brüßler
Schöne neue Arbeitswelt

So viel Homeoffice wie möglich wünscht sich die Politik - dabei offenbart sich oft, wie stark die Digitalisierung verschlafen wurde

Seit dem 27. Januar hat der Arbeitgeber die Pflicht, Homeoffice anzubieten "wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstehen" - ein großer Schritt nach Monaten der Appelle, den Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mit der bis zum 15. März befristet geltenden SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung geht. Er ist von der Hoffnung getragen, dass noch mehr Wege vermieden und weiter Kontakte verringert werden. Was zwingende betriebliche Gründe sind, variiert je nach Branche stark und: Kontrollen bei der Einhaltung der Regeln seien nur "stichprobenartig" möglich, hieß es aus dem Ministerium.

Bewegungsdaten Vor allem in den Städten war Kritik an vollen Bussen und Bahnen, Fabrikhallen und Großraumbüros laut geworden. Der Hashtag #MachtBürosZu mit Horrorgeschichten aus Gesundheitsämtern und Kreisverwaltungen ploppte Mitte Januar im Sozialen Netzwerk Twitter über mehrere Tage auf. Aber auch die Bewegungsdaten zeigten, dass die starken Kontaktbeschränkungen im Privatleben sich weniger auf die (Arbeits-)Mobilität der Menschen auswirkten. Während im April 2020 noch 27 Prozent der Beschäftigten "ausschließlich oder überwiegend" von zuhause aus arbeiteten, sank der Anteil bis November 2020 wieder auf 14 Prozent - trotz des sogenannten "Lockdown Light" und der Appelle an die Arbeitgeber, mehr Heimarbeit zu ermöglichen. Dabei könne nach Simulationen vom Institut zur Zukunft der Arbeit und der Universität Bonn die Erhöhung der Homeoffice-Quote um zehn Prozent dazu führen, dass die Neuinfektionen Ende Februar um rund 27 Prozent niedriger lägen. Zum Vergleich: Schul- und Kita-Schließungen machen dem Simulationsmodell nach eine Verringerung der Zahlen um etwa zehn Prozent aus.

Erst im Dezember-Lockdown zeigte sich laut Daten des Robert-Koch-Instituts wieder, dass so wenige Menschen wie im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 unterwegs waren - auch, weil über die Feiertage weniger Menschen zur Arbeit mussten.

Nach Angaben des Münchner ifo-Instituts käme Homeoffice für rund 56 Prozent der Arbeitsplätze in Betracht. Aktuell arbeitet einer repräsentativen Studie des Digitalverbands Bitkom zufolge jeder Vierte ausschließlich im Homeoffice (siehe Grafik). Das entspricht 10,5 Millionen Berufstätigen. Weitere 8,3 Millionen Arbeitnehmer könnten zumindest teilweise von Zuhause aus arbeiten. Der Verband geht davon aus, dass Homeoffice in Zukunft nicht weiter die Ausnahme bleibt: "Die Corona-Krise hat gezeigt, dass flexibles Arbeiten die Qualität der Arbeitsergebnisse nicht schmälert - im Gegenteil", sagte Bitkom-Präsident Achim Berg. Aber: Das setze "einen tiefgreifenden Kulturwandel in der Arbeitswelt voraus", so Berg

Kritik an Pflicht Die Vorgaben für mehr Homeoffice seien "inakzeptabel", hieß es hingegen von Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Er betonte, dass die Einführung einer Homeoffice-Pflicht unter dem Corona-Vorwand ein massiver Eingriff über den Verordnungsweg sei. "Die Argumente gegen eine Homeoffice-Pflicht sind bekannt und werden durch das Virus nicht beseitigt", sagte Zander. Auch DGB-Chef Rainer Hoffmann sprach von "Klärungsbedarf" beim Thema und betonte, dass Homeoffice nicht zur allgemeinen Pflicht werden dürfe.

Auch viele Ämter sind nicht in der Lage, die neuen Vorgaben fürs Homeoffice umzusetzen. Während die Homeoffice-Quote bei den Bundesministerien laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa bei etwa 80 Prozent liegt, sinkt die Quote, je mehr lokal die Behörde ist. Dort kann teilweise weniger als die Hälfte der Mitarbeiter im Innendienst von Zuhause aus arbeiten. Die Gründe sind alt bekannt: Lieferengpässe bei Arbeitsgeräten, fehlende digitale Akten und Arbeitsabläufe. Ein "ernstes Versäumnis" nennt Arbeitsminister Heil das und hält dennoch am Prinzip Hoffnung fest: "Natürlich können wir jetzt nicht in wenigen Tagen nachholen, was jahrelang bei der Digitalisierung verschlafen wurde. Aber was machbar ist, muss jetzt gemacht werden."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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