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Oliver Kaczmarek
Susann Kreutzmann
»Zurück in die Schulen«

Der Bildungspolitiker plädiert für Präsenzunterricht und fordert mehr Kompetenzen für den Bund

Die Unterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern, die zu Hause gute Lernbedingungen haben, und anderen, die diese Voraussetzungen nicht haben, sind durch den langen Lockdown noch größer geworden. Was muss nach Ihrer Einschätzung getan werden, damit keiner den Anschluss verliert?

Die Länder werden nun in eigener Verantwortung schrittweise wieder zum Präsenz- unterricht kommen. Das ist wichtig, weil das Recht auf Bildung einen eigenen Wert hat. Bildung in Schule, in Kita und auch an Hochschulen entfaltet eine soziale Wirkung. Beim Lernen geht es auch um soziale Kontakte, weil Lernen sich im sozialen Umfeld abspielt. Wir müssen wieder dahin kommen, dass die Kinder und Jugendlichen einen regelmäßigen Lern-Rhythmus bekommen und wieder in die Schule gehen können. Und für die jüngeren Schülerinnen und Schüler muss eine Ganztagsbetreuung organisiert werden.

Schon jetzt wird von einer "Generation Bildungsverlierer" gesprochen. Ist das eine Sorge, die auch Sie haben?

Wir haben zumindest Hinweise darauf, dass Schülerinnen und Schüler, die es sowieso schon am schwersten haben, es jetzt doppelt und dreifach schwer haben. Damit meine ich diejenigen, die keinen eigenen Schreibtisch im Zimmer haben, weil sie es sich mit ihren Geschwistern teilen, die keinen Computer haben oder die Eltern haben, die ihnen nicht helfen können, zum Beispiel durch Sprachbarrieren. Um diese Kinder und Jugendlichen müssen wir uns besonders kümmern.

Wie muss denn eine systematische Unterstützung von Schülerinnen und Schülern aussehen, die jetzt Lernlücken aufweisen? Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz Britta Ernst (SPD) hat von einem gemeinsamen Kraftakt gesprochen, der jetzt notwendig sei.

Um einen konkreten Punkt zu nennen: Die Kultusminister haben vorgeschlagen, dass es Geld für besondere Förderangebote geben soll. Das halte ich für wichtig. Man muss mit den Schülerinnen und Schülern sprechen, um herauszufinden, wo gibt es einen besonderen Bedarf. Dann müssen schulische oder außerschulische Lernmöglichkeiten geschaffen werden, auch in den Schulferien. Da kann der Bund auch helfen. Wir müssen mehr Ressourcen darauf verwenden, diesen Kindern mehr Chancen zu geben.

In fast jedem Bundesland gibt und gab es unterschiedliche Konzepte für Schulen in der Corona-Krise. Ist der Bildungsföderalismus an seine Grenzen gestoßen, muss nachjustiert werden?

Ich denke schon. Die Pandemie hat gezeigt, dass die Bundesländer nicht gut aufeinander abgestimmt waren. Das hat in der Öffentlichkeit kein gutes Bild abgegeben und Vertrauen in politische Entscheidungen gestört. Ich nehme wahr, dass die Bürgerinnen und Bürger sich Vergleichbarkeit wünschen, einfache Ansagen, die überall gelten. Auf der anderen Seite müssen wir auch einem unterschiedlichen Infektionsgeschehen gerecht werden. Es gibt viele große Herausforderungen, bei denen Bund und Länder enger zusammenfinden müssen, beispielsweise bei der Digitalisierung, Ganztagsbetreuung und bei der Förderung von Schulen in sozialen Schwerpunkten. Ich wünsche mir, dass der Bund mehr Möglichkeiten durch das Grundgesetz bekommt, beispielsweise um Personalkosten mit zu übernehmen. Ich möchte, dass es mehr Kooperation und über diesen Weg mehr Vergleichbarkeit gibt.

Befürworten Sie bundeseinheitliche Richtwerte, um Schulen wieder öffnen zu können?

Ich hätte mir verbindliche bundesweite Stufenpläne gewünscht, an die sich dann auch alle Länder gleichermaßen halten.

Viele Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Welche Unterstützung brauchen Lehrer in der Pandemie?

Zweifelsohne haben viele Lehrerinnen und Lehrer am Anfang der Pandemie allein dagestanden, weil wir keine Erfahrungen mit Schulschließungen hatten. Gleichzeitig muss ich auch sagen, dass unheimlich viele Lehrer sehr kreativ gewesen sind, um den Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern zu halten und einen regelmäßigen Unterricht zu ermöglichen. Lehrer müssen jetzt mehr Unterstützung durch Fortbildungen bekommen. Die Digitalisierung im Unterricht wird zunehmen. Dafür müssen Plattformen geschaffen werden, damit sie auch rechtssicher auf Unterrichtsmaterialien zugreifen können. Der Bund muss dafür sorgen, dass die urheberrechtlichen Fragen geklärt sind. Wir haben im Koalitionsausschuss vereinbart, Kompetenzzentren für digitale Bildung zu schaffen. Da erwarte ich, dass der Bund auch tätig wird.

Die Corona-Krise hat die fehlende Digitalisierung der Schulen überdeutlich gemacht. Was sind die Gründe für den Nachholbedarf?

Wir haben uns einfach viel zu lange Zeit gelassen, auch um Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Studien über den Rückstand Deutschlands beim digitalisierten Lernen umzusetzen. Dazu gehört auch die Umsetzung des Digitalpaktes Schule mit dem Aufbau einer digitalen Infrastruktur, schnellem WLAN in Schulen und der Bereitstellung von digitalen Endgeräten. Da hat sich gezeigt, es ist viel zu lange verhandelt worden. Wir haben nun in fast allen Bereichen Aufholbedarf. Mir ist wichtig, dass wir auch zu den Ländern schauen, die schon mehr Erfahrungen gemacht haben und uns fragen: Gibt es da Ansätze, die wir berücksichtigen können? Die baltischen Staaten haben zum Beispiel im Bereich digitale Infrastruktur viel erreicht.

Die Gelder wurden von den Bundesländern zu schleppend abgerufen. Was ist der Hauptgrund?

Die Anträge waren am Anfang zu kompliziert. Das haben wir vereinfacht. Ich bin ein großer Verfechter von Eigenverantwortlichkeit von Schule. Damit meine ich nicht, dass eine Schule alles allein machen muss und der Staat sich nicht mehr darum kümmert. Aber Schulen muss selbst Geld in die Hand gegeben werden, denn sie können ihre Rahmenbedingungen besser einschätzen und entsprechende Entscheidungen treffen. Wir müssen den Schulen mehr vertrauen, dass sie das Geld schon richtig anlegen.

Was halten Sie von der Forderung nach einer bevorzugten Impfung von Lehrern und Erziehern?

Das ist eine schwierige Entscheidung. Wir haben uns ja bewusst dafür entschieden, die Impfreihenfolge streng an die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission zu koppeln. Bund und Länder haben nun einen Prüfauftrag in dieser Frage vereinbart. Doch zunächst brauchen wir einfach mehr Impfstoff und gute Impfzentren. Außerdem muss mehr an Schulen getestet werden. So können wir Risiken ausschließen. Den Schulen müssen Tests zur Verfügung gestellt werden.

Welche Lehren muss nach Ihrer Überzeugung das deutsche Bildungssystem jetzt aus der Corona-Krise ziehen?

Die Corona-Pandemie hat sehr deutlich gemacht, dass wir weniger Individualität der Bundesländer, sondern Vergleichbarkeit und Kooperation brauchen. Wir brauchen Möglichkeiten, das digital unterstützte Lernen zu erweitern, eine verlässliche Betreuungsstruktur durch Ganztagsschulen und eine besondere Aufmerksamkeit und Ressourcen für Schülerinnen und Schüler, die es ohnehin schon schwer haben, damit sie nicht den Anschluss verlieren. Das sage ich nicht nur, um dem Fachkräftemangel zu begegnen, sondern, weil wir getrieben sind von dem Ideal: Egal woher jemand herkommt, er soll gleiche Chancen haben.

Das Interview führte Susann Kreutzmann.

Oliver Kaczmarek ist seit 2009 für die SPD Mitglied des Bundestages. Er ist bildungspolitischer Sprecher seiner Fraktion.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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