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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Der Lehrer: Götz Frömming

Wie intelligente Opposition geht, hat Götz Frömming verstanden. "Man kann dem Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz nur zustimmen", sagt der Bundestagsabgeordnete mit Blick auf dessen Kritik an den jüngsten Schulbeschlüssen - "ernüchternd" und "das Chaos ist komplett" hatte der Abiturient Dario Schramm über unterschiedliche Bedingungen für die Prüfungen gewettert. Ob Schramm sich über diese Zustimmung freut, ist nicht bekannt, jedenfalls ist Frömming von der AfD. Der Fraktionssprecher für Bildung nutzt die Vorlagen, die ihm das föderale Zusammenspiel aus Bund und Ländern bereitet: "Wir hätten viel mehr tun müssen, um Präsenzunterricht an den Schulen zu ermöglichen."

Frömming, der auch Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion ist, zählt auf: In den Sommerferien sei Zeit verplempert worden, statt wichtige Antworten zu beantworten: "Wo sind die Hygienekonzepte? Ab wann teilen wir die Klassen? Was wird für den Online-Unterricht gebraucht"? Vom Fach ist er. Der 52-Jährige war Gymnasiallehrer für Deutsch, Geschichte und Politik, promovierte in Germanistik, bevor er 2017 in den Bundestag wechselte. "Schulen genießen nicht mehr die erste Priorität", beklagt er. "Ein Gymnasium zum Beispiel war früher bauliches Statussymbol einer Stadt. Heute sind die Schulen gesellschaftliche Reparaturbetriebe, ohne die nötigen Mittel dafür zu haben."

Im Gespräch gibt Frömming sich besonnen, redet lange, lässt sich aber auch unterbrechen und hört zu. Anderswo polarisiert er schon. In einer Pressemitteilung schrieb er Ende Januar: "Für das Infektionsgeschehen unter den besonders gefährdeten und schützenswerten Bevölkerungsgruppen der Hochbetagten, Gebrechlichen und mehrfach Vorerkrankten hat die Schließung der Schulen und Bildungseinrichtungen keine nennenswerte Bedeutung." Klare Worte, leicht rausgehauen. "Es gibt nach wie vor keine Studien, die den Anteil der Schüler an der Verbreitung des Virus dokumentieren", sagt er. Zu Beginn habe er auch im Fahrstuhl die Luft angehalten. "Heute wissen wir mehr. Man muss sich schon länger einer Situation aussetzen, um eine Infektion wirklich zu riskieren." Dass nicht wenige in seiner Partei das Coronavirus anfangs als Humbug abtaten, ficht ihn nicht an. "Es gibt eben in der AfD Extreme zwischen Besorgten und Unbesorgten. Auch der Bundesgesundheitsminister beschwichtigte Anfang 2020 mit Blick auf China die bevorstehende Pandemie." Dass Jens Spahn seine Haltung damals rasch und drastisch änderte, sagt er nicht.

Frömming ist ein AfD-Urgestein. 2013 gehörte er zu den Mitgründern in Berlin, übernahm Leitungsfunktionen in der Partei. Vorher war er bei den Freien Wählern aktiv und nochmal vorher hatte er eher links gedacht, war Mitglied im Naturschutzbund BUND gewesen. "Ich muss zugeben, dass ich viele Jahre Anhänger der Grünen war. Die waren damals die einzigen, die Umweltschutz formulierten." Was dann geschah, beschreibt er als einen "Reifeprozess". "Einen Gesinnungswechsel würde ich es nicht nennen". Naturschutz sei ihm immer noch wichtig. Früher engagierte sich Frömming für Windkraftanlagen, heute glaubt er nicht mehr, dass damit die Energiewende geschafft werden könne und kritisiert "eine Verspargelung der Landschaft". Aber wäre es nicht ein Schritt in die richtige Richtung?

Damals, 2013, ahnte er nicht, welchen Weg die AfD nehmen würde. Mitglied blieb er dennoch. "Damals gab es bei uns kein Links-Rechts-Schema, wir waren und sind auch eine liberale Partei." Nicht wenige aus der AfD-Parteispitze würden ihm an dieser Stelle womöglich widersprechen. "Der Begriff 'rechts' ist kontaminiert und wird gleich als 'rechtsextrem" wahrgenommen", sagt Frömming. "Inzwischen will keiner mehr rechts sein." Was sagten Alexander Gauland oder Tino Chrupalla dazu? "Der Begriff greift zu kurz", begründet er. "Es ist ein Dilemma in den Bundestagsdebatten, wenn man uns die demokratische Legitimität abspricht." Im Osten, zum Beispiel, gebe es Schnittmengen mit der Linkspartei. Aus dem BUND aber, aus dem sei er schon 2012 ausgetreten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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