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Großbritannien
Stefanie Bolzen
Schneller und zentralisierter

Auf der Insel wurden schon mehr als 13 Millionen Menschen geimpft

Während in Deutschland und in der EU darüber gestritten wird, wann endlich mehr Impfstoff kommt, sind die Briten schon einen Schritt weiter. "Wir müssen uns auf eine Welt einstellen, in der wir jeden Herbst Impfungen zum Auffrischen haben. Eine Art Grippeschutzimpfung für Alte und gefährdete Menschen, die gegen Mutationen schützt", bereitete Premier Boris Johnson seine Nation in der vergangenen Woche bereits auf die nächste Stufe vor.

Mehr als 13 Millionen Menschen hatte der National Health Service (NHS) bis zum 10. Februar geimpft. Die von Johnson vor Weihnachten ausgegebene Zielmarke, bis Mitte Februar die vier höchsten Risikogruppen immunisiert zu haben, war damit so gut wie erreicht: alle Menschen älter als 70 Jahre, solche mit schweren Vorerkrankungen und Mitarbeiter von Pflegeheimen sowie jene, die an der Covid-Front in Kliniken eingesetzt sind.

Mindestens drei Gründe gibt es für den Erfolg des Vereinigten Königreichs im Kampf gegen das Virus. Die Briten begannen bereits am 8. Dezember mit dem Impfen, fast drei Wochen vor der EU. London hatte sich gegen eine Zulassung durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) entschieden und lieber seine eigenen Prüfer ans Werk gehen lassen. Anfang Dezember kündigten diese schließlich an, dass sie das in Deutschland entwickelte Vakzin von BionTech für den Einsatz erlauben.

Das zentralisierte Gesundheitssystem im Königreich ist der zweite Grund, warum die Massenimpfung so schnell anlaufen konnte. 93 Prozent der Bürger werden vom NHS behandelt und sind in seinen Karteien verzeichnet. Mithin waren administrative Hürden wie etwa Datenschutz kein Problem. Die Menschen der höchsten Risikokategorien wurden zügig kontaktiert. Derweil wurde der Impfstoff auf mehrere Kliniken im Land verteilt und die Impfungen zunächst dort durchgeführt.

Vier Wochen später kam das Präparat von AstraZeneca hinzu, das Anfang Januar erstmals vergeben wurde. Von da an ging alles noch schneller vonstatten, weil der an der Universität Oxford entwickelte Impfstoff leicht zu lagern ist. Die Behörden richteten Impfzentren im ganzen Land ein, in Fußballstadien und auf Rennbahnen. Auch mit Hilfe des Militärs wird nun massenhaft geimpft - laut NHS-Chef Simon Stevens pro Minute 140 Menschen.

Ohne Engpässe Der dritte Grund für den Impferfolg hat zu Zerwürfnissen mit der EU geführt. Im Gegensatz zum Kontinent hat die Insel keine wirklichen Versorgungsengpässe erlebt. Während die EU-Kommission wegen ihres Streits mit AstraZeneca über Lieferungen nunmehr Exportkontrollen verhängt hat, gab es in Großbritannien nur vereinzelte Meldungen über fehlende Versorgung.

Die Pharmafirma weist kategorisch den Vorwurf Brüssels zurück, das Königreich sei bevorzugt worden. AstraZeneca-Chef Pascal Soriot begründete den Engpass in der EU mit Anlaufschwierigkeiten bei der Produktion. Diese habe es auch in Großbritannien gegeben. Weil aber die Briten drei Monate früher Verträge abgeschlossen hätten als Brüssel, seien diese überwunden gewesen, als das Impfprogramm startete.

Zudem begannen britische Pharmafirmen schon im Februar 2020 das Produktionspotenzial für Impfstoffe auszubauen. "Die Herstellung eines Impfstoffs dauert normalerweise Jahre. Es ist schwierig, so komplexe Prozesse zu beschleunigen. Ein Rennauto baut man auch nicht in sechs Stunden", sagt Kate Bingham. Die Risikokapital-Managerin wurde von Boris Johnson im Mai 2020 an die Spitze der neu gegründeten "UK Vaccine Task Force" gesetzt. Bingham sah den Job wie jeden Investmentjob, bei dem es im speziellen Fall "darum ging, so schnell wie möglich Leben zu retten". Die EU hingegen habe eher nach bekannten Beschaffungsmustern gehandelt, was langsamer vonstatten ging.

Der britische Impferfolg kann aber nicht vergessen machen, dass das Land die meisten Toten in Europa zu beklagen hat. Mehr als 115.000 Menschen sind bisher am Virus gestorben. Wegen des durch die B.1.1.7-Mutation verursachten Anstiegs der Infektionen nach Weihnachten wird die Zahl der Toten auf absehbare Zeit hoch bleiben.

Die Autorin ist Korrespondentin der "Welt" in London.

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