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Kollektiv für Kinder

Der Nachwuchs der 68er sollte die Revolution leben und erleben

In öffentlichen Diskussionen über Erziehung werden "die 68er" bis heute für Ordnungsverlust und Disziplinlosigkeit verantwortlich gemacht. Ihre radikale Auflehnung gegen jede Form von Autorität hätte nicht nur den Tugendkatalog der noch jungen Bundesrepublik erschüttert, sondern auch auf lange Sicht die Fundamente der pädagogischen Kultur untergraben. Tatsächlich kritisierten die Protagonisten der antiautoritären Bewegung die für Erziehung und Bildung zuständigen Institutionen als repressive, autonomiefeindliche Anpassungsagenturen des kapitalistischen Systems.

Die Schärfe im Ton der intellektuellen Avantgarde der 68er-Generation entsprang ihrer gemeinsamen Erfahrungslage. In den 1940er Jahren geboren, erlebte man den Wiederaufbau in ökonomisch bereits so stabilisierten Verhältnissen, dass nach der Schulzeit sogar ein Studium mit beruflicher Aufstiegsperspektive möglich war. Die an den Universitäten in Gang gekommene Debatte um die Ordinarienuniversität weckte bei hochschulpolitisch interessierten Gruppen die Bereitschaft zur Kritik an der autokratischen Selbstherrlichkeit der Professorenschaft. Zu einer breitwirksamen Politisierung der Studierenden kam es aber erst, als der Student Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 am Rand einer Demonstration durch eine Polizeikugel starb. Der nunmehr öffentliche Protest richtete sich sowohl gegen den Staat und seine Behörden als auch gegen die tendenziöse Medienberichterstattung. Der Vorwurf, auf dem rechten Auge blind zu sein, wurde durch die Tatsache bekräftigt, dass der 1966 von der Großen Koalition ins Amt gewählte Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger als junger Mann NSDAP-Mitglied war.

Gegen die bürgerliche Kleinfamilie Voller Misstrauen gegen das, was der Philosoph Theodor W. Adorno als das "Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie" bezeichnete, suchte man nach wissenschaftlichen Erklärungen dafür. Man fand sie in den 30 Jahre alten "Studien über Autorität und Familie" des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Darin war zu lesen, dass die im kapitalistischen System erfahrenen Abhängigkeiten auch das häusliche Familienleben bestimmen - und zwar nicht nur über die ökonomische und soziale Statuslage, sondern über sozial- psychologische und psychodynamische Wirkmechanismen.

So würden die Männer die strukturelle Bedeutungslosigkeit, die sie als Person am Arbeitsplatz erleben, im patriarchalen Rahmen der bürgerlichen Kleinfamilie in ihren Rollen als Gatte und Vater durch autoritäres Machtgehabe kompensieren. Kinder, die früh die Willkür und Strenge ihrer Väter zu fürchten gelernt haben, so die These, würden im Erwachsenenleben bereitwillig nach oben buckeln und nach unten treten. Diese autoritäre Charakterstruktur wiederum sei für Persönlichkeiten im organisierten Kapitalismus typisch.

Dieser Erklärungsansatz passte nicht nur gut zur aufkommenden Imperialismus- und USA-Kritik.. Mit ihm ließ sich darüber hinaus nunmehr die eigene Kindheitsgeschichte vergleichsweise leicht rekonstruieren. Die Familie war in ihren Grundstrukturen unverändert patriarchal geblieben und die tradierte geschlechterspezifische Arbeitsteilung sorgte dafür, dass das Autoritätsmonopol ungebrochen in den Händen des Vaters lag. Er hatte die Kinder zu disziplinieren und sie zu Fleiß, Pünktlichkeit, Sparsamkeit und Ordnung anzuhalten.

In einer konsumfreundlicher werdenden Gesellschaft jedoch wirkten solche Tugendforderungen zunehmend phrasenhaft und der eingeforderte Lustverzicht erschien spießig. Wenn jedoch davon auszugehen war, dass solche repressiven, in der Kindheit gemachten Erfahrungen, charakterbestimmend im Erwachsenenleben nachwirken, dann mussten die 68er auch annehmen, dass sie selbst nicht frei von autoritären Fixierungen waren. Um zu vermeiden, dass die damit verbundenen Machtbestrebungen und Gehorsamsbereitschaften erneut an die nächste Generation weitergegeben werden, wurden Vorkehrungen getroffen. Die eigenen Kinder sollten schließlich lernen, nicht nur die Widersprüche des Kapitalismus auszuhalten, sondern auch, sie revolutionär aufzuheben. Das pädagogische Präventions- und Vorbereitungsprogramm dafür hieß "antiautoritäre Erziehung".

Wohnkommune und Kinderladen Damit war die Kampflinie sowohl gegen die Kleinfamilie als auch gegen alle, auf Systemanpassung zielenden bürgerlichen Erziehungs- und Bildungseinrichtungen definiert. Das autoritätsgestützte Vater-Mutter-Kind-System sollte ersetzt werden durch die Wohnkommune. Diese wurde als Solidargemeinschaft von Erwachsenen vorgestellt, die ihr Privateigentum teilen und nicht mehr der ehelich gebundenen Tyrannei von Monogamie und Fortpflanzung unterliegen. Kinder gehören zum Gesamtkollektiv. In ihm darf keinerlei Zwang von den Älteren auf die Jüngeren ausgehen - und außerhalb der Wohnkommune sollten Kinderläden die bis dahin als Bewahranstalten betriebenen Kindergärten ersetzen. Im "Kinderkollektiv" galt als Regel, dass alle Fragen, die das gemeinsame Miteinander betreffen, selbstbestimmt thematisiert, beraten, reflektiert und ohne Mitwirkung von Erwachsenen entschieden werden.

Ein kontinuierlicher Arbeitskreis, das "Elternkollektiv", sollte den Erziehungsberechtigten zudem Gelegenheit geben, sich über ihre pädagogischen Tätigkeiten praxisbezogen und theoriegeleitet auszutauschen. Im Vertrauen auf die Selbstregulations- und Aushandlungsfähigkeiten der Kinder wurde die pädagogische Beziehung als herrschaftsfreies Verhältnis definiert. Sogar die bis dahin tabuisierte kindliche Sexualität wurde bejaht, wobei man sich zu der folgenschweren Ansicht verstieg, die Sexualerziehung diene der aktiven Förderung lustvoller sexueller Praktiken.

Alternativschulen und Schülerläden Anders als bei der privaten Gründung von Kinderläden im Wohnviertel hatten es die "Antiautoritären" bei der Einflussnahme auf das staatliche Regelschulsystem deutlich schwerer. Mit dem Ziel, die autoritäre Praxis der überkommenen Paukschule zu durchbrechen, entstanden quer durch die Bundesrepublik Elterninitiativen zur Gründung alternativer "Kinderschulen". Auch die ersten selbstverwalteten so genannten Schülerläden wurden gegründet, um verlässliche außerschulische Nachmittagsangebote gewährleisten zu können.

Die scharfen gesellschafts- und autoritätskritischen Töne wurden dabei erkennbar moderater, so dass sich die pädagogischen Ziele und Methoden der neuen "Alternativschulen" mit den breiter gefassten bildungstheoretischen Vorstellungen der Bildungsreformer durchaus deckten. Es ging um Emanzipation, Mündigkeit, Selbstregulation und Subjektautonomie, um Binnendifferenzierung, Projektarbeit, Partizipation und Soziales Lernen. Lediglich bei der Beurteilung der pädagogischen Bedeutung von Autorität lag man weit auseinander.

Im Fahrwasser dieser Entwicklungen geriet auch das bis dahin vorherrschende ordnungspolitische Selbstverständnis im Bereich der Jugendarbeit unter Druck. Hier waren es vor allem ältere Schülerinnen und Schüler sowie Auszubildende, die kritisierten, dass die für sie maßgeblichen Sozialisationsinstanzen - Familie, Schule und Ausbildungsbetrieb - ausschließlich Anpassungsdruck ausübten. Nirgendwo gäbe es Freiräume, um eigene jugendtypische Bedürfnisse auszuleben. Das Bestreben, aus dem Lichtkegel der Kontrollsysteme der Erwachsengesellschaft herauszutreten, gipfelte in der jugendpolitischen Forderung nach der Einrichtung von selbstverwalteten Jugendzentren mit eigenen Räumen zur kreativen Selbstverwirklichung und zur politischen Meinungsbildung.

Was in der Rückschau an der antiautoritären Erziehungsbewegung zugleich fasziniert und irritiert, ist die Konsequenz der Kritik an pädagogischen Bedingungen, die der Entwicklung von Autonomie und Handlungsfähigkeit entgegenstehen. Gleichwohl bleibt die nüchterne Erkenntnis, dass die radikale Ablehnung von Autorität in Familie, Kindergarten, Schule, Hort und Jugendfreizeitheim ein durch die Generationslage mitbedingtes, aber dennoch fatales Missverständnis war.Hermann Veith

Der Autor ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Göttingen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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