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Christoph Lötsch
Gestörte Versorgung

AFGHANISTAN Taliban greifen die Nachschubwege der Nato an. Sicherheitsprobleme bestehen auch in Pakistan

Brennende Lastwagen, rauchende Container. Dazwischen schemenhafte Gestalten. Rufe. "Allahu akbar!" - Gott ist groß. Anfang Dezember in der pakistanischen Grenzstadt Peshawar: Ungehindert von Wachmannschaften waren Taliban-Kämpfer in Nachschublager der Nato-geführten Afghanistan-Schutztruppe ISAF eingedrungen, hatten in aller Ruhe die Transporter mit Benzin übergossen und angesteckt.

Nato-Offizielle beeilten sich zwar, den Vorfall herunterzuspielen. Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer betonte, es gebe deshalb "keine Probleme". Doch mit dem spektakulären Flammen-Inferno haben die Taliban mehr als einen Propaganda-Coup gelandet. Die Aktionen sind vorläufiger Höhepunkt einer ganzen Serie von Überfällen, vor allem auf dem von Peshawar nach Afghanistan führenden Khyber-Pass. Die Absicht ist nicht schwer zu erraten: Unterbrechung der Nachschublinien. Drei Viertel aller Lieferungen für die ISAF-Truppe und die US-geführten Koalitionstruppen kommen über die Route.

Druck auf die Verbindunglinien, das wusste schon der preußische Klassiker der Militärtheorie Carl von Clausewitz, könne bewirken, "dass der Glanz der herrlichsten Siege erlischt, die Kräfte abmagern, der Rückzug notwendig wird und dann nach und nach alle Symptome einer wahren Niederlage annimmt".

Die Wahrheit ist: Der Khyber-Pass wird zum Schlüssel für die weitere Entwicklung des Afghanistan-Konflikts und für die Stellung des Nordatlantischen Bündnisses im weltpolitischen Gefüge. Zunächst bleiben zwei Möglichkeiten: Den Zugang über Pakistan um jeden Preis verteidigen. Oder nach Alternativen suchen.

Heikle Suche nach Alternativen

Beide Varianten führen in ein Dilemma. Die pakistanischen Streitkräfte sind offenkundig nicht in der Lage, die Route eigenständig dauerhaft zu sichern. Der Einsatz ausländischer Truppen - unter welchem Etikett auch immer - würde enorme militärische Kräfte binden, die dann an anderer Stelle fehlen. Ein Zustand, den man im weitesten Sinne als "Sieg" des Westens interpretieren könnte, wäre in unerreichbare Ferne gerückt. Abgesehen davon, dass es für einen solchen Einsatz kein Mandat gibt und die pakistanische Regierung mit Blick auf die gespannte innenpolitische Lage einer so massiven Präsenz ausländischer Truppen kaum ihre Zustimmung erteilen könnte: Vermutlich wäre kein europäisches Nato-Mitgliedsland dazu bereit, den Kriegsschauplatz derart zu erweitern - und aller Voraussicht nach auch die amerikanische Öffentlichkeit nicht.

Heikel gestaltet sich allerdings auch die Suche nach alternativen Wegen. Eine Nachschublinie über den Iran wäre geographisch attraktiv, scheidet aber aufgrund der unüberbrückbaren Gegensätze für beide Seiten - den Westen wie für Teheran - langfristig aus.

Transport durch Russland

Realistischer, ebenfalls heikel, wäre eine Kooperation mit einem Partner, der bereits blutige Afghanistan-Erfahrungen hat. Anscheinend hat sich hier hinter den Kulissen schon allerhand getan. "Nato will Waffentransit durch Russland", titelte unlängst die Moskauer Zeitung "Kommersant". In einem Interview verweist Nato-Sprecher James Appathurai auf bereits bestehende Abkommen Deutschlands und Frankreichs über den Lufttransit für militärische Güter mit Russland. Die, so der Nato-Vertreter, könnten Modell für eine umfassende Vereinbarung der Allianz mit Moskau sein. Dabei gehe es nicht nur um Luftfracht, sondern auch um den Transit über Land. Es gebe bereits "Arbeitsgruppen, die einen Zeitplan für Kontakte im kommenden Jahr erstellen".

Bereits jetzt gestattet Russland den Transport von "nicht-militärischen" Gütern für die 52.000 Mann der Koalitionstruppen in Afghanistan. Der Kreml dürfte sich ein weiteres Entgegenkommen allerdings teuer bezahlen lassen, nämlich mit einer Kehrtwende der Nato-Politik in Sachen Ukraine und Georgien. Der Nato-Gipfel Anfang Dezember in Brüssel stand zwar weiterhin positiv zum Beitritt der beiden Länder. Doch die Zusage bleibt nebulös. Beide Kandidaten wurden nicht einmal in den Membership Action Plan (MAP) aufgenommen.

Sollte Russland der entscheidende Faktor im Afghanistan-Konflikt werden, müssten auch die Fürsprecher Georgiens und der Ukraine - allen voran die USA - eine Kehrtwende vollziehen. Überdies dürfte die Forderung nach einem Verzicht auf das amerikanische Raketenabwehrsystem in Polen und Tschechien laut werden. Keine guten Aussichten für das Image. Die Allianz könnte unversehens als Papiertiger dastehen.

Kurzfristig dürfte der Stützpunkt Mazar-e Sharif im Norden Afghanistans in den Fokus rücken. Die in Afghanistan eingesetzten Bundeswehrsoldaten kennen ihn als "Luftdrehkreuz". Fast alle deutschen Soldaten, die irgendwo in Afghanistan stationiert sind oder waren, werden über "Mazar", ein- und ausgeflogen. Das gilt auch für Verwundete und Gefallene. Hier werden militärische und nicht-militärische Güter umgeschlagen. Mazar ist auch die Basis der deutschen Tornado-Flugzeuge, die im ganzen Land Aufklärungsflüge unternehmen.

Im "Camp Marmal", benannt nach dem nahen Gebirge, befindet sich das von Deutschen geführte "Regional Command North" (RCN). Über 2.000 Mann tun hier Dienst. Seit die Bundeswehr auch die hier stationierte Quick Reaction Force (QRF) stellt, also die schnelle Eingreiftruppe für die Nordregion, ist der deutsche Anteil auf weit über 90 Prozent gestiegen. "Im Stab habe ich mit Franzosen, Norwegern, Schweden, Finnen und Letten zusammengearbeitet", berichtet ein Soldat, der unlängst von einem Einsatz in Mazar-e Sharif zurückkehrte. "An der Wache standen Kroaten" und um den Flugplatz ist eine 20 mal 25 Kilometer große Sicherheitszone eingerichtet, die sogenannte "Blue Box". Hier ist der Schwerpunkt der Patrouillentätigkeit und auch der "Zivil-Militärischen Zusammenarbeit". Beide dienen dazu, den sicheren Flugbetrieb zu gewährleisten. In den elf zur "Blue Box" gehörenden Dörfern lebt ein buntes Völkergemisch. Eifersüchtig achtet jede ethnische Gruppe darauf, an den Wohltaten beteiligt zu werden. "Wenn was schiefgelaufen ist, fahren wir da hin und bauen was. Dann sind wir wieder Kumpels", berichtet ein Bautechniker, der in der Region für die Bundeswehr im Einsatz war. Als notdürftige Zwischenlösung in Falle einer Nachschubkrise würde sich Mazar-e Sharif anbieten. Doch ist die Kapazität zu gering, um über den Stützpunkt auf Dauer alle in Afghanistan stationierten westlichen Truppen zu versorgen, die in den kommenden Monaten zudem noch zahlenmäßig aufgestockt werden. Allein die QRF soll von 200 auf 600 Mann verdreifacht werden.

Doch es gibt auch anderslautende Spekulationen: Die Luft im bisher als relativ ruhig geltenden Norden, heißt es in Soldatenkreisen, könnte bald eisenhaltig werden. Der amerikanische ISAF-Kommandeur General David. D. McKiernan drängt auf eine Winteroffensive gegen "OMF" im Bezirk Ghormach. Die Abkürzung steht für "Opposing Militant Forces". Gemeint sind die Taliban. Der Landstrich gehörte bisher zu der unter italienischem Kommando stehenden West-Region. Die Hochburg der selbsternannten Gotteskrieger galt als Schlupfloch für in die Nordregion eindringende Kämpfer. Ihre Verfolger mussten bisher an der Grenze des Regionalkommandos stoppen und die Taliban ziehen lassen.

Das soll nun anders werden. Die afghanische Regierung schlug den Bezirk einer zur Nordregion gehörenden Provinz zu. Damit könnte die Bundeswehr unmittelbar auch in größere Kampfhandlungen verwickelt werden. An der Operation sollen neben der QRF und anderen deutschen Truppen auch norwegische Soldaten und die afghanische Armee beteiligt sein.

Christoph Lötsch ist freier Journalist

und Reserveoffizier der Bundeswehr.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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